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Überall Nazis?

Von Konstanze Walther

Politik
"Sechs Millionen Juden hatten nie die Möglichkeit, ein Zeugnis abzulegen", sagt Dani Dayan.
© Yad Vashem / Alex Kolomoisky

NS-Vorwürfe sind gerade schnell bei der Hand - etwa im Ukraine-Krieg oder bei den Covid-Beschränkungen. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Direktor von Yad Vashem über Missbrauch und Trivialisierung der Terminologie.


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Yad Vashem in Jerusalem ist die größte Holocaust-Gedenkstätte der Welt, die sich seit 1953 um die Dokumentation und Erinnerung der Shoa kümmert. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem neuen Direktor von Yad Vashem, Dani Dayan, über Nazi-Anschuldigungen und modernen Antisemitismus. Dayan kommt diesen Dienstag nach Wien, unter anderem, um mit Kanzler Karl Nehammer ein Kooperationsabkommen zur Unterstützung von Yad Vashem über 1,5 Millionen Euro in drei Jahren zu unterzeichnen.

Wiener Zeitung: Im Ukraine-Konflikt erklärte Russland wiederholt, vom russischen Präsidenten Wladimir Putin bis zu Außenminister Sergej Lawrow, man müsse die Ukraine "entnazifizieren". Der NS-Vorwurf soll als Rechtfertigung für den Einmarsch gelten. Wie fühlt sich das für Sie an? Was denken Sie über die Verwendung solcher Begriffe?Dani Dayan: Wir verurteilen diese Rhetorik aufs Schärfste. Diese Nazi-Vorwürfe tauchen leider in der Propaganda zwischen der Ukraine und Russland allzu oft auf. Und zwar nicht nur auf russischer Seite. Beide Parteien missbrauchen die Begriffe. Und das ist bedauerlich. Wenn Putin, Lawrow und andere von der Entnazifizierung der Ukraine sprechen, ist das eine Trivialisierung der Bedeutung des Wortes Nazi.

Yad Vashem meldet sich normalerweise nicht zu internationalen Konflikten zu Wort. Trotzdem finden Sie bei dem Russland-Ukraine-Konflikt deutliche Worte und haben die russische Invasion öffentlich verurteilt. Wieso?

Yad Vashem verschreibt sich normalerweise exklusiv dem Gedenken an die sechs Millionen Juden, die während der Shoa massakriert worden sind. Sie haben das Recht auf eine Institution, die nur ihnen gehört. Hier aber, bei der russischen Invasion der Ukraine, können wir nicht schweigen. Ein Grund sind die Orte der aktuellen Verbrechen, die uns Juden noch in Erinnerung sind. Kiew, Charkiw, Odessa und Lemberg. Dort sind auch im Zweiten Weltkrieg Verbrechen an dem jüdischen Volk begangen worden. Der andere Grund ist, wie gesagt, der Missbrauch der Nazi-Terminologie.

Russlands Außenminister Lawrow hatte auf den Hinweis, dass der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj selbst Jude ist, gemeint, auch Hitler hätte jüdische Wurzeln gehabt . . .

. . . und dass die schlimmsten Antisemiten die Juden selber seien. Das war ein ganz offenes antisemitisches Statement von Lawrow.

Ist es nicht eigenartig, dass sich jemand antisemitischer Rhetorik bedient und gleichzeitig der anderen Partei Antisemitismus vorwirft?

Propagandisten auf der ganzen Welt verwenden den Holocaust für ihre Zwecke. Das zeigt, dass die Shoa noch immer relevant und präsent ist. Und sie wird noch immer - richtigerweise - als das abscheulichste Verbrechen angesehen, das die Menschheit jemals begangen hat. Aber Nazi-Begriffe zu missbrauchen führt zur Trivialisierung der Tragödie der jüdischen Menschen.

Welches NS-Narrativ verwendet die Ukraine?

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat etwa zuletzt in der Knesset, im israelischen Parlament, eine Rede über Videoschaltung gehalten. Am Ende erklärte er - was auch sein Botschafter in Israel vorher schon gesagt hatte -, dass Israel der ukrainischen Bevölkerung helfen solle, weil die Ukrainer den Juden während des Holocausts geholfen hätten. Das ist ein absoluter Irrtum. Es war eine unangenehme Position, in der ich mich wiedergefunden habe, aber ich musste da Selenskyj öffentlich widersprechen: Denn unglücklicherweise gab es viel zu viele ukrainische Kollaborateure im Nazi-Regime, viel zu viele Ukrainer haben bei den Massaker an den Juden mitgemacht - in und außerhalb der Ukraine. Wir können weder die Leugnung der NS-Zeit noch ihre Verzerrung oder Trivialisierung erlauben.

Apropos Trivialisierung: Es wurde in Anti-Covid-Gruppen der Vergleich zwischen dem Grünen Pass und dem gelben Judenstern oft bemüht.

Das hat fürchterliche Ausmaße angenommen. Was für ein grauslicher Vergleich!

Wird die Erinnerung an das, was konkret passiert ist, schwieriger, weil es immer weniger Überlebende gibt und die NS-Zeit zu etwas Fernem und Abstraktem verkommen könnte?

Wir stehen vor der unvermeidbaren Tatsache, dass die Ära ohne Zeitzeugen anbricht. Das wird zweifellos eine Art ‚Happy Hour‘ für die Leugner und die Verdreher sein, wenn es niemanden mehr gibt, der sagen kann: "Ich war dort! Ich hab diese Dinge erlebt und gesehen!" Das bringt für Yad Vashem eine große zukünftige Verantwortung. Einerseits sammeln wir, so schnell wir können, Zeitzeugnisse ein von jenen, die noch am Leben und luzide sind. Aber ich vergesse niemals, nicht einmal für eine Sekunde, dass die sechs Millionen Juden, die in der Shoa ermordet worden sind, nie die Möglichkeit hatten, ein Zeugnis abzulegen, nie die Möglichkeit hatten, vor einer Kamera zu sitzen. Deswegen sammeln wir mit viel Aufwand Dokumentationen und Artefakte jener sechs Millionen ein.

Besucht jeder Israeli Yad Vashem?

Es ist nicht verpflichtend. Wir sind ein demokratisches Land, aber die meisten Schulen besuchen uns. Und es gibt natürlich andere Shoa-Institutionen, aber Yad Vashem ist die Hauptinstitution, nicht nur in Israel, sondern auch in der Welt. Vor Covid hatten wir rund eine Million Besucher pro Jahr, 70 Prozent aus dem Ausland, 30 Prozent aus Israel. Wir kommen gerade auf dieses Niveau zurück. Einer der Säulen für meine Yad-Vashem-Ausrichtung ist, dass wir Yad Vashem näher an die Öffentlichkeit bringen: Mit dem Errichten von Schulungszentren zuerst in Israel und dann auf der ganzen Welt. Wissen Sie, man kann Israel nicht verstehen, ohne die Auswirkung der Shoa auf das israelische Volk zu kennen. Als der US-Präsident Joe Biden vor ein paar Wochen Yad Vashem besucht hat, habe ich ihm gesagt: ,Herr Präsident, Israel wurde nicht wegen der Shoa geschaffen. Israel wurde trotz der Shoa geschaffen. Israel wäre ein stärkeres, robusteres Land, wenn es noch sechs Millionen Juden mehr geben würde.‘ Unterstrichen wurde mein Statement, als uns Israels Präsident Jair Lapid und Verteidigungsminister Benny Gantz entgegen kamen: Die zwei mächtigsten Israelis sind beide Kinder von Holocaust-Überlebenden. Als Jair Lapid im Juli den Amtseid ablegte, war das Erste, was er gemacht hat, ein Besuch in Yad Vashem, direkt von der Knesset. Es ist unmöglich, Israel ohne die Shoa zu verstehen. Das bedeutet zwar nicht, dass wir in einer Atmosphäre von Tod und Tragödie leben. Aber sie ist immer in unseren Gedanken.

Hat die Shoa noch immer die gleiche mächtige Wirkung auf Schulkinder wie vor 30 Jahren?

Sie werden überrascht sein: Ich glaube, der Nachhall ist heute stärker als je zuvor. Nicht nur in Israel, sondern auf der ganzen Welt. Es gibt inzwischen Gedenktage, Allianzen und mehr Konferenzen als im 20. Jahrhundert. Und da gibt es noch eine andere positive Entwicklung: Jene, die den Holocaust komplett leugnen, die sagen, dass es die Gaskammern nie gegeben hätte, dass in Mauthausen nie etwas geschehen war - solche Leugner sind am Verschwinden. In den 80ern und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts waren es sogar sogenannte Intellektuelle, die solche Ideen salonfähig gemacht haben. Ich erinnere an das berühmte Gerichtsverfahren in London, zwischen dem Holocaust-Leugner David Irving und Professor Deborah Lipstadt. Heute macht das - außer vielleicht der Führung im Iran - kein Staatschef mehr, kein Journalist, kein Intellektueller. Das traut sich niemand mehr. Neben der Trivialisierung ist aber die Verzerrung ein zunehmendes Problem, wenn die Geschichte verdreht wird. Dieses Narrativ wird vor allem von Regierungen oder politischen Gruppen verfolgt. Dass in dem jeweiligen Land alle den Juden geholfen hätten. Es keine Kollaborateure gegeben hätte. In Weißrussland wurde per Gesetz der Genozid an den weißrussischen Menschen postuliert. In Polen ist es strafbar, über die Mittäterschaft der Polen zu reden. Der österreichische Kanzler Karl Nehammer hat hingegen bei seinem Besuch in Israel im Juli Österreichs Mitverantwortung in seiner Rede in Yad Vashem betont. Das war bemerkenswert, genauso wie sein Angebot, mit Yad Vashem zu kooperieren.

Dani Dayan ist seit einem Jahr der Vorstandsvorsitzende von Yad Vashem. Davor war er von 2016 bis 2020 israelischer Generalkonsul in New York. Der studierte Betriebswirt und Informatiker hatte auch ein Software-Unternehmen gegründet, dessen CEO er früher war.