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Überdosis Wahlkampf

Von Reinhard Göweil

Leitartikel
Chefredakteur Reinhard Göweil.

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Die Zahl der TV-Diskussionen der Spitzenkandidaten ist schier endlos, dazu die diversen "Streitgespräche" in Zeitungen und Radiosendern. Was lernt der österreichische Wähler aus dieser Fülle an Konfrontationen? Eher wenig, denn erstens ist das Ganze unüberschaubar geworden und zweitens besteht die klare und existente Gefahr, dass sich die Politiker fest an Worthülsen klammern, um selbst nicht den Überblick zu verlieren.

Ob das die Entscheidung erleichtert, welche Partei eine Stimme erhält, darf bezweifelt werden. Deutschland ging bei den Spitzenkandidaten einen anderen Weg, die vier größten TV-Sender absolvierten die Konfrontation Angela Merkel gegen Peer Steinbrück gemeinsam. Nun kann die Frage gestellt werden, ob es sinnvoll ist, dass vier Journalisten zwei Politiker auf ihren Gehalt "abklopfen". Fakt ist aber, dass sich diese beiden minutiös auf Themen vorbereiten konnten - dementsprechend klar waren die Antworten. Es mag sein, dass deutsche Zeitungen so manchen Schwurbelsatz, der dort fiel, argwöhnisch betrachten. Aber was würden die wohl zur österreichischen Art des Wahlkampfes sagen?

Wie sich Frank Stronach das Land in zehn Jahren vorstellt, ist ein Rätsel und wird es vermutlich auch bleiben. Dass Heinz-Christian Strache eine recht enge Definition von Nächstenliebe hat, ist ebenfalls bekannt - und das wird sich wohl wenig ändern. Eva Glawischnig will die FPÖ überholen, was ihren Grünen eher nicht gelingen wird. Und die beiden Obleute der Regierungsparteien duzen einander - auch kein überzeugendes Stilmittel für einen Richtungswahlkampf.

Die Inhalte bleiben auf der Strecke, so wie sich bei jeder Überdosis eine Arznei in Gift verwandelt. Wir leben in einer Medien-Demokratie. Warum, wird unterschiedlich klug definiert. Die Medien sollten sich aber auch fragen, wie sie mit politischen Inhalten der Parteien umgehen. TV-Konfrontationen in dieser Fülle sind wie eine Seifenoper - man kann den Fernseher laufen lassen, ohne darauf zu achten, was sich gerade abspielt.

Diese Beliebigkeit hat sich die Politik nicht verdient. Denn abseits der (teilweise gerechtfertigten) Verdrossenheit sind es immer noch die gewählten Politiker, die das Land in eine gute oder schlechte Position manövrieren. Zur Wahl gehen, sich entscheiden - und nicht resignieren. Das wäre wichtig - trotz der Überdosis an Politiker-Debatten im Fernsehen.