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Stenkovec · Die britische Entwicklungshilfe-Ministerin, Clare Short, betritt ein NATO-Auffanglager in Mazedonien, schart Kameraleute um sich und läßt dann hunderte Kosovo-Flüchtlinge aus
überfüllten Bussen in das Lager. Nur leider in das falsche. NATO-Soldaten, die sich zuvor bemüht haben, die Busfahrer in das richtige, bereits mit Lebensmitteln und Wasser ausgestattete Lager
umzulotsen, versuchen, sich auf die unerwarteten Gäste einzustellen. Es sei zu einem Alptraum geworden, sagt ein Soldat in sein Mobiltelefon. Es sei zu einem Medienschauspiel geworden.
Der Vorfall vom Montag ist beispielhaft für das durch die 120.000 Flüchtlinge aus der südserbischen Provinz Kosovo verursachte Chaos in Mazedonien, gegen das die NATO und Hilfsorganisationen
ankämpfen. Während die Flüchtlinge aus den Bussen steigen, redet der Vize-Außenminister Mazedoniens, Boris Trajkovski, wütend auf den leitenden britischen NATO-Offizier ein. Die USA hätten Hilfe der
Allianz versprochen, sagt er. Deshalb werde er nun 20.000 Flüchtlinge aus der überfüllten Grenzstadt Blace hier nach Stenkovec bringen lassen. Mit etwa 400 Zelten dürfte das neue Lager aber nur Platz
für wenige Tausende bieten.
Daß eines der ärmsten Länder der Region mit dem Flüchtlingsstrom überfordert ist, ist verständlich. Nur das benachbarte und ebenfalls verarmte Albanien ist vielleicht noch weniger in der
Lage, die Hunderttausenden Vertriebenen aus dem Nachbarland Jugoslawien zu versorgen. In Mazedonien herrscht Verbitterung, daß die vom Ausland versprochenen Hilfsleistungen nicht schnell genug
umgesetzt werden. Im Ausland werden dagegen als Grund für Mazedoniens Zögern bei der Aufnahme von Flüchtlingen die schwierigen Minderheitenverhältnisse in dem Land und ein kaum verheimlichtes
Mißtrauen gegenüber Albanern vermutet.
Im zehn Kilometer entfernten Blace versuchen einheimische Hilfsorganisationen mit nur spärlichen Mitteln, eine Katastrophe abzuwenden. Internationalen Gruppen wird der Zugang zu etwa 65.000
Flüchtlingen verweigert, die dort auf freiem Feld an der Grenze zwischen Mazedonien und Jugoslawien gestrandet sind. Die bewaffneten mazedonischen Sicherheitskräfte, die sie bewachen, scheinen als
einzige die Kontrolle zu haben.
Den von der britischen Ministerin Short im falschen Lager abgesetzten Flüchtlingen ist das Chaos egal. Viele von ihnen legen sich in Stenkovec einfach auf den Rasen in die warme Frühlingssonne,
völlig erschöpft nach sechs Tagen in Blace und sechs Stunden Busfahrt.
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