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Überraschtes Wifo und tauber Minister

Von Ernest G. Pichlbauer

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Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.

Wifo-Chef Karl Aiginger und Gesundheitsminister Alois Stöger lesen den Rezeptblock nicht. Sonst wäre in der vorigen Woche etwas anderes zu hören gewesen.


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Karl Aiginger war überrascht, als er erfuhr, dass unser Gesundheitssystems zwar das zweit teuerste im Euro-Raum ist, aber gemessen an den zu erwartenden gesunden Lebensjahren, dem eigentlichen Ziel des Systems, so gut wie jedes Land besser ist, obwohl genau das vor zwei Monaten an dieser Stelle stand.

Dass Minister Alois Stöger, als Verteidiger des "besten Systems", diese Kolumne nicht liest, war zu erwarten. Dass er aber auch Aiginger nur selektiv zuhört? Nicht anders ist seine Reaktion zu erklären, die die Fantasielosigkeit der vergangenen Jahrzehnte aufweist: "Da brauchen wir mehr Mittel." Um was zu erreichen? Das teuerste Gesundheitssystem vielleicht?

Auch der Minister sollte einsehen, dass wir nicht mehr Mittel brauchen, sondern dass er beginnen muss, diese vernünftig auf Prävention, Kuration, Rehabilitation, Pflege und Palliativversorgung aufzuteilen, statt ständig nur über Krankenkassen und Spitäler zu reden oder irgendwelche Dialoge einzurichten.

Hier eine Nachhilfe für die Prävention:

Der Mutter-Kind-Pass ist wohl Österreichs erfolgreichstes Präventionsprogramm. Es kostet rund 60 Millionen Euro. Vielleicht würde es auch bei den Erwachsenen funktionieren. Schließlich ist Eigenverantwortung diesem Land fremd und der Staat für fast alles zuständig.

Folgendes wäre denkbar: Der Hauptverband überweist den Spitälern 200 Millionen Euro (etwa zwei Prozent der Gesamtkosten) weniger und steckt sie in eine komplette neue Vorsorgeschiene beim Hausarzt.

Alle Österreicher zwischen 35 und 60 Jahren erhalten, wenn sie zur jährlichen Vorsorgeuntersuchung gehen, 100 Euro bar. Bei der Untersuchung werden mit dem Patienten individuelle, aber wissenschaftlich abgesicherte Ziele vereinbart (Abnehmen, Rauchen aufhören, mehr Bewegung etc.); wer diese Ziele erreicht, erhält zusätzlich 100 Euro - macht 200 Euro.

Ab 60 Jahren wird es etwas brenzliger: Da werden jenen, die nicht hingehen, 300 Euro (pro Jahr!) von der (Brutto-)Pension abgezogen - analog dem Kinderbetreuungsgeld, das einbehalten wird, wenn Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen nicht wahrgenommen werden. Was für Familien in viel höheren Dimensionen erlaubt ist, kann bei Pensionisten nicht unmenschlich sein! Ein Pensionist, der seine Ziele erreicht, bekommt auch 100 Euro bar.

Rechnet man mit 50 Prozent Teilnahme bei den unter 60-Jährigen und 80 Prozent bei den Pensionisten sowie einer Zielerreichung bei der Hälfte, stellt die jetzige Vorsorgeuntersuchung ein und widmet die einbehaltenen Pensionsanteile dem neuen Programm, dann ist das alles um 200 Millionen Euro zu haben, die den Spitälern nicht wirklich abgehen können. Die Hausärzte würden um etwa 120 Millionen Euro mehr Umsatz machen, was deren Job deutlich attraktiver machen und ihre Rolle enorm steigern würde.

Es ist übrigens Schwachsinn, Prävention - wie in einigen Bundesländern angedacht - ins Spital zu ziehen. Sie gehört zum wohnortnahen Hausarzt (eigentlich zum sogenannten Primärversorger, der unter Umständen auch ein Facharzt sein kann) und sonst nirgendwohin.

Der Vorschlag ist zwar vermutlich nicht wirklich effizient, aber es träten sicher einige Effekte, eine begleitende Versorgungsforschung vorausgesetzt, eintreten, auf denen man aufbauen könnte - und zwar nachhaltig und ganz ohne Überraschungen!

PS: Der Rezeptblock wird künftig aus Platzgründen nur mehr monatlich erscheinen. Mir wird er abgehen! Danke an all meine treuen Leser.

Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.