Zum Hauptinhalt springen

Ultrarechte Siedler unter Kritik

Von Hans Dahne

Politik

Jerusalem/Hebron - Die israelische Armee hat sich über das "schlechte Benehmen" jüdischer Siedler in Hebron gegenüber Palästinensern und den eigenen Sicherheitskräften beschwert. Palästinenser würden bespuckt, mit Steinen beworfen und geschlagen, gab ein israelischer Offizier zu Protokoll. Außerdem würden Soldaten von den Siedlern als Kollaborateure und Zerstörer Israels beschimpft.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 22 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Vorwürfe dieser Art sind nicht neu. Dennoch werden radikale jüdische Siedler in der Regel mit Samthandschuhen angefasst. "Gewalt der Siedler gegen Palästinenser ist ausgeprägt und seit vielen Jahren in den besetzten Gebieten weit verbreitet", heißt es im neuen Bericht der prominenten israelischen Menschenrechtsorganisation Bezelem. Danach haben Siedler elf Palästinenser seit Beginn der Intifada im September vergangenen Jahres getötet. Seit dem ersten Volksaufstand im Dezember 1987 starben 124 Palästinenser durch Siedler-Gewalt.

Der Bericht listet die gängigsten Formen der Gewalt auf: "Siedler erschossen Palästinenser, bewarfen sie mit Steinen, zerstörten ihr Eigentum, blockierten ihre Straßen und überhäuften sie mit Beschimpfungen". Außerdem würden palästinensische Bauern auf ihren Feldern misshandelt. Israel behandle Siedler-Gewalt mit Nachsicht und Sorglosigkeit, schreibt Bezelem. "Israel ignoriert auch seine Verantwortung als Besatzungsmacht, die Sicherheit und das Wohlergehen der Bevölkerung unter seiner Kontrolle zu sichern."

Friedenshindernis

Linke, dem Friedenslager zugehörige Israelis glauben, dass Palästinenser-Präsident Yasser Arafat härter gegen den Terrorismus vorgehen würde, wenn Israel im Gegenzug die Gewalt und Aggression rechtsgerichteter Gruppen zügeln würde. In vielen Fällen versuchen Siedler sich damit zu rechtfertigen, dass eigene Angehörige von Palästinensern getötet oder verletzt worden seien.

Die Palästinenser sehen aber in den Siedlern nicht nur Okkupanten ihres Bodens, sondern auch eine paramilitärische Vorhut Israels. Vor allem in Hebron, der geteilten zweitgrößten Palästinenser-Stadt, entlädt sich der Hass beider Seiten in beständiger Regelmäßigkeit. Rund 400 radikale Siedler haben sich in der Altstadt vor 120.000 Palästinensern verschanzt und müssen von der Armee geschützt werden.

Die Aggressionen der Siedler machen selbst vor den internationalen Beobachtertruppen (TIPH) nicht Halt. Als ein Jeep der Beobachter vor einem israelischen Posten in der Altstadt stoppt, wirft ein Siedler einen Pflasterstein gegen das Auto. Die Soldaten machen zwei Ausfallschritte, um den Siedler zu vertreiben, nehmen ihn aber weder fest noch ermahnen sie ihn.

"Rache"

"UN, Unwanted Nobodies, Go Home" (Vereinte Nationen, unwillkommene Niemande, haut ab), steht auf einem Straßenschild. An den schweren Metalltüren auf dem arabischen Basar hinterließen Siedler ihre Lösungsvorstellung des palästinensisch-israelischen Konfliktes als Losungen in blauer Sprayfarbe: "Rache", "Gott zerstöre alle Araber", "Tod den Arabern", "Hebron gehört für immer uns, Araber raus". Über den schmalen Gassen des Basars haben die Palästinenser Tücher gespannt, um sich vor Steinwürfen der Siedler zu schützen. Angesichts der Spannungen und der Gewalt verhängte die israelische Armee nach Angaben der Palästinenser an 250 Tagen des vergangenen Jahres eine Ausgangssperre. "Mein Umsatz ist auf zehn Prozent gesunken", sagt Gewürzhändler Adnan. "Die Israelis wollen uns ökonomisch fertig machen. Das ist die einfachste Methode, Leute zu vertreiben."

Am Rande seiner Existenz steht auch der Textilhändler Omar Shahin. Eine Gewehrkugel, die nach seinen Worten aus der israelischen Siedlung Tell Rumeida - einem Hügel über Hebron - abgefeuert wurde, durchschlug alle Frauenkleider, die er auf einer Stange aufgereiht hatte. Keine Versicherung ersetzt dem Händler den Schaden. dpa