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"Er ist sehr fleißig", lautete des Urteil Walter Heinrichs über Menschen, die er nicht äußerst hoch eingeschätzt hat. Wer mit solch feiner Klinge vernichtet, ist bemerkenswert. Der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph wurde am 11. Juli 1902 geboren und wäre jetzt 100 Jahre alt. Wer weiß heute noch von ihm - und doch ist sein Wirken in einem Österreich, das die Sozialpartnerschaft beschwört, präsenter als das eines modischen Wirtschaftsgurus. Wirtschaftskapitäne, Wirtschaftswissenschaftler, Bundeskanzler, Finanzminister und viele hohe Sozialpartner, sie alle saßen an den Stufen seines Lehrstuhles.
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Heinrich war einer der seltenen Persönlichkeiten, die sich eine eigene Meinung leisteten - wie der kritische Publizist Otto Schulmeister es formulierte - und dabei eine Liberalität anderen gegenüber aufbrachte, die nur große Charaktere auszeichnet. Erspart ist Heinrich trotzdem kaum etwas geblieben, nicht im persönlichen Leben und nicht in seinen Auseinandersetzungen mit den Strömungen seiner Zeit.
Verantwortung im Mittelpunkt des Denkens
Sein Leben war bewegt und spannte sich von der Monarchie über zwei autoritäre Regime bis zur Alleinregierung Kreiskys in der Zweiten Republik. Er zeichnete sich durch eine Werthaltung aus, die nicht automatisch der großen Zahl die höhere Autorität zusprach. Verantwortung stand im Mittelpunkt seines Denkens und machte ihn zu einem Vorreiter der Umweltökonomie.
Für Ökonomen unserer Tage bleibt die bis heute unübertroffene leistungstheoretisch-analytische Systematik seiner - in der Einzelhaft in Dachau konzipierten - dreibändigen Wirtschaftspolitik. Der im ersten Band enthaltene Abschnitt "Naturgrundlagenpolitik" war wohl die erste wissenschaftliche Grundlegung einer Umweltpolitik, die im Erscheinungsjahr der ersten Auflage 1946 noch als romantisch abgetan wurde. Die Abschnitte Welt- und Großraumwirtschaftspolitik würden Integrationspolitikern von heute so manche grundlegende Einsichten vermitteln können.
Seine Gedanken zum gesellschaftspolitisch verantwortlich handelnden Unternehmer, Joseph A. Schumpeters initiativ-schöpferische Unternehmergestalt gleichsam überhöhend, hat Heinrich ein Leben lang in Vorträgen und Aufsätzen vertreten, die großteils in dem Büchlein "Wirtschaft und Persönlichkeit" (Die Führungsaufgaben des Unternehmers und seiner Mitarbeiter in der freien Welt) zusammengefasst vorliegen. Seine Verdienste um Gewerbe, um Klein- und Mittelbetriebe wirken heute in maßgeblichen Institutionen nach.
Europäische Einigung als gegenseitige Ergänzung
Er vertrat auch überzeugend den Europäischen Einigungsgedanken (z.B. Österreich und das Ringen um Europas wirtschaftliche Einheit, EWG und EFTA in wissenschaftlicher Diskussion u.a.m.) - eine Integration nicht unter dem Vorzeichen der Gleichmacherei, sondern der gegenseitigen Ergänzung und Vervollkommnung.
Es entsprach seiner Geisteshaltung, Extreme wie Individualismus und Kollektivismus als der Realität inadäquat zu erkennen, sein methodisch-wissenschaftlicher Ansatz war das Individuum in der Gemeinschaft, weshalb für Heinrich humanistische Bildung und neuzeitliche Wirtschaftsführung eine nicht aufzulösende Grundlage bildeten.
Plädoyer für Nachhaltigkeit und soziale Verträglichkeit
Nachhaltig, so betonte er immer wieder, kann nur das wirtschaftlich erfolgreich sein, was auch sozial verträglich ist. Heinrich wurde auch nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Marktkräfte zu ihrer positiven Entfaltung einer Wirtschaftsverfassung bedürfen, die zu allen Bereichen der Gesellschaft in Entsprechung steht. Was er wohl heute zu den ökonomischen Auswüchsen sagen würde? Die, die ihn noch gehört haben, können sich ein Bild darüber machen. Dass dieser Mann mit seinem polyhistorischen Interessensspektrum nicht nur in Fragen von Gesellschaft und Wirtschaft kompetent war, wusste man, dass er aber auch zu religionsphilosophischen Fragen Grundlegendes zu sagen hatte, weiß vielleicht nur sein engerer Freundes- und Schülerkreis.
Zukunftswege auf dem Boden der Tradition
Aber alle, die ihm wirklich zuzuhören wussten, und für die er unvergessen bleibt, wissen, wie sehr es unserer Zeit an Persönlichkeiten seines Formates mangelt, an akademischen Lehrern, die jungen Menschen die Gewissheit vermitteln können, dass letztlich der erfolgreich ist, der, auf dem Boden der Tradition stehend, immer wieder neue Wege in die Zukunft sucht und diese Wege auch geht.
Der Autor: O. Univ.-Prof. Ing. Dkfm. Dr. Geiserich E. Tichy ist Präsident des Aufsichtsrates der Österreichischen Investitionskredit AG, beeideter Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, gerichtlich beeideter Buchsachverständiger, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, Gastprofessor am BWZ der Universität Wien und an der FH Eisenstadt, ordentliches Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Euro" der Kammer der Wirtschaftstreuhänder, assoziertes Mitglied des Club of Rome, Herausgeber des Wirtschaftsmagazins "Report Plus" und war lange Jahre Chef der Wirtschaftstreuhandgesellschaft Europa Treuhand.
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