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Umbruch bei den Wiener Philosophen

Von Stefan Beig

Wissen

"Dies Facultatis" mit Abschied von drei Professoren. | Wien. Als "vorweggenommene Verlusterfahrung" bezeichnete am Montag Konrad Paul Liessmann, Vizedekan der philosophischen Fakultät an der Uni Wien, das Abschiednehmen im Rahmen des alljährlichen "Dies Facultatis". Diesmal stand das Programm auch ganz im Zeichen des Abschieds - oder des Aufbruchs: Drei Philosophieprofessoren gehen in Pension, bald erwarten das Wiener Institut für Philosophie neue Gesichter.


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Peter Kampits, einstiger Schüler Jean-Paul Sartres und langjähriger Dekan, sieht sich gar beim "Alteisendepot", dem freilich - wie er meint - seine Nachfolger auch bald angehören werden: "Wir haben keinen echten Generationswechsel: Was nachfolgt, sind weder Enkel noch Kinder, sondern jüngere Geschwister." In der Öffentlichkeit ist Kampits nach wie vor präsent: Vermehrt meldet er sich im Zusammenhang mit der Bioethik- und der Bildungsdebatte zu Wort.

Auch Herta Nagl-Docekal, die vor allem auf dem Gebiet feministischer Philosophie Pionierarbeit in Wien leistete, verabschiedete sich, freilich eher still und heimlich: Ihre Teilnahme am "Dies Facultatis" sagte sie wegen einer Reise zu einem Warschauer Symposion ab, eine Laudatio wünschte sie nicht, und bekam sie doch von Maria Breinbauer, Professorin für Allgemeine Pädagogik.

Mit Hans-Dieter Klein verlässt schließlich ein Systemdenker, der auch eine stark musikalische Ader hat - an die 100 teils sehr originelle Kompositionen stammen aus seiner Hand -, die Wiener Uni. Wie Nagl-Docekal ist er Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Philosophie ist ein "dialektischer Bildungsprozess und gerade nicht abrufbares Wissen" meinte Violetta Waibel, Professorin für Europäische Philosophie, die im Rahmen der Veranstaltung ihre Antrittsvorlesung hielt. Gerade die moderne Philosophie sei durch den "Einlass auf die Vergänglichkeit der Zeit" gekennzeichnet. Damit stehe sie in Gegensatz zum antiken Denken, das nach "Festigkeit und Sicherheit" suchte. Im Fluss des dauernden Wandels scheint es somit wenig Bleibendes zu geben. Folgerichtig handelte auch Liessmanns Vortrags mehr vom Verlust und Gewinn der personellen Veränderung an seinem Institut, denn von bleibenden Leistungen seiner Kollegen.

Paradigmen bleiben

Dass alles im Wandel ist, bestritt allein Roland Reichenbach vom Forschungszentrum für Pädagogik der Uni Basel: "Die Generationen wechseln, wenig aber die Paradigmen. Wir haben uns an die Existenz von Pseudoparadigmenwechsel gewöhnt; eine unzulängliche Theorie ersetzt eine andere unzulängliche Theorie und erklärt weder mehr noch besser, was vorher schon nicht ganz verstanden werden konnte".