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"Umprogrammieren" statt töten

Von Hans-Dieter Viering

Wissen

Eine neue wissenschaftliche Entwicklung auf dem Gebiet der Forschung mit embryonalen Stammzellen wird Politiker und Ethiker zum Umdenken zwingen: Die Entnahme von Stammzellen aus dem Embryo, ohne diesen zu töten, sondern quasi umzuprogrammieren, wie der Vorsitzende der neu geschaffenen Bioethik-Kommission, der Gynäkologe Univ.-Prof. Dr. med. Dr. theol. Johannes Huber (AKH Wien), erläutert.


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Als Beginn des Lebens wird der bei der Vereinigung entstandene Chromosomensatz, das fertige Genom, angesehen. Dieses Genom ist in jeder Zelle gleich, welche Zelle sich aus diesen Genen allerdings bildet, entscheiden nicht das Genom, sondern Übertragungsfaktoren, die um den Zellkern vorhanden sind und die Expression der Gene steuern. Dadurch entstehen - bei stets gleichbleibenden Genen - aus diesen entweder Herzmuskeln, Leber- oder Nervenzellen oder eben auch, wenn die Faktoren der Eizelle auf das Genom auftreten, ein Embryo.

Bei der "Umprogrammierung" werden diese Übertragungsfaktoren ausgetauscht, das bei der Befruchtung enthaltene Genom bleibt allerdings gleich und wird nicht angerührt. Dadurch entwickelt das Genom nicht den Embryo, sondern etwa eine Nerven- oder eine Leberzelle - also etwas, das zu einem späteren Zeitpunkt der Entwicklung auch unter natürlichen Verhältnissen stattfindet.

Diese "Umprogrammierung" ist zwar eine Beeinflussung, keineswegs aber eine Zerstörung der Individualität der Zelle, so dass sie als das "kleinere Übel" angesehen werden kann.

Derzeit, so der Vorsitzende der Bioethik-Kommission, bieten sich vier Möglichkeiten an, mit kältekonservierten (aus künstlichen Befruchtungen überzähligen) Embryonen umzugehen, wobei aber nur zwei intensiv diskutiert würden. Nämlich, die Embryonen nach einer gewissen Zeit zu zerstören, wie das Gesetz dies in mehreren europäischen Ländern vorsieht - für Huber "eine zutiefst brutale Lösung" - oder an ihnen "verbrauchend" Wissenschaft zu betreiben, etwas, das ebenfalls höchst problematisch sei.

Zur Adoption freigeben . . .

Huber: "Mit der dritten Möglichkeit hätte man das ethische Problem schlagartig vom Tisch, nämlich wenn man diese Embryonen zur Adoption frei gibt, steht doch eine immer größer werdende Schar ungewollt kinderloser Ehepaare den immer weniger werdenden Adoptionskindern gegenüber." Die Adoption von Frühembryonen hätte sogar den Vorteil für die Frau, dass sie auch eine biologische Beziehung zu dem Kind aufbauen könnte.

Damit verbunden sei natürlich auch eine weitere Frage, "ob nicht die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bei der Eizellspende ebenfalls gegeben werden soll. Die künstliche Befruchtung, das heißt, die Verwendung fremden Spermas bei männlicher Unfruchtbarkeit, ist erlaubt, das Pendant dazu, nämlich die Eizellspende, nicht." Vielleicht werde auch das in Zukunft hinterfragt werden müssen.

. . . oder differenziert entwickeln

Die vierte Möglichkeit, die ebenfalls kaum andiskutiert wurde, bestehe eben darin, "die Identität des Embryos, der bei der Befruchtung entstand, zu belassen und ihn lediglich aus therapeutischen Gründen umzuprogrammieren - etwas, was er, allerdings zu einem späteren Zeitpunkt, von selbst macht". Damit, so der Wissenschafter, "bleibt das individuelle Genom am Leben, es entwickelt sich allerdings nicht zu einem Embryo, sondern nur zu einem differenzierten Organ - zum Beispiel einer Leber -, das, vergleichbar mit der Organspende, therapeutisch genutzt werden kann. Darüber könnte ebenfalls ein Diskussionsprozess beginnen".

Bei welchen Erkrankungen die derart umgepolten Zellen einsetzbar wären? - Huber: "Der Einsatz von embryonalen Zellen, die nicht getötet, sondern nur umprogrammiert würden, konzentriert sich vor allem auf die Heilung schwerster Erkrankungen noch im Mutterleib. Dabei werden anderen Embryonen, die etwa an einer ererbten schweren Immunschwäche leiden, diese embryonalen Zellen injiziert. Es liegen derzeit bereits einzelne Berichte von Heilungserfolgen mit dieser Methode vor."

Dass diese Methode ethisch einwandfrei ist, liegt für den Kommissionsvorsitzenden auf der Hand: "Weil dabei Leben nicht zerstört, sondern umdifferenziert wird. Ich glaube, dass man damit den Christen und auch den dem Christentum verpflichteten Parteien eine goldene Brücke bauen kann, die zumindest einer Diskussion würdig wäre."

Umkehr der Chronologie

Huber schließlich zur Frage, welche Erkenntnisse der Wissenschaft in absehbarer Zeit noch auf die Gesellschaft zukommen: "Die Chronologie des Lebens, die bei der Befruchtung beginnt und über die Differenzierung bis zur Zellabstoßung und zum Tod führt, wird von der Naturwissenschaft umgekehrt. Damit entwickeln sich ausdifferenzierte Zellen wieder in embryonale Organe. Aus Fettzellen wird ein neuer Embryo. Dies wird überhaupt unsere ethische Diskussion erschüttern."