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Unangenehme Fragen zu Kollaboration in den USA

Von Holger Schmale

Politik

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James Mooney war in den dreißiger und vierziger Jahren Direktor für die ausländischen Werke des US-Autoherstellers General Motors (GM) · und seit 1938 Träger des höchsten Ordens, den Nazi-Deutschland an Ausländer vergab. Denn Mooney war auch für die deutsche GM-Tochter Opel zuständig und damit ein wichtiger Partner für die Kriegsvorbereitungen. Das Foto von der Verleihung des gleichen -Großkreuzes des Deutschen Adlers" an Autokönig Henry Ford durch zwei deutsche Konsuln zierte am Montag die Titelseite der -Washington Post" als sichtbarstes Zeichen für eine neue, peinliche Debatte über die Rolle traditionsreicher amerikanischer Unternehmen im nationalsozialistischen Deutschland.

So lieferten die deutschen Ford-Werke offenbar einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Gelände- und Lastwagen für die bevorstehenden Feldzüge. -Sie stellten ein wahres Arsenal für die Nazi-Kriegsführung zur Verfügung", heißt es in einem Untersuchungsbericht des von der US-Army nach Kriegsende eingesetzten Ermittlers Henry Schneider. -Die Nazis hätten ohne Hilfe der Schweiz in Polen und Rußland einmarschieren können", schreibt der Historiker Bradford Snell unter Anspielung auf die Diskussion über die Rolle der Schweiz als Finanzierungspartner Deutschlands. -Ohne General Motors wäre es nicht gegangen."

Der lange Zeit vertrauliche Schneider-Report ist jetzt freigegeben worden und hat in den USA neue Fragen nach der Verwicklung amerikanischer Unternehmen in die Machenschaften der Nationalsozialisten ausgelöst. Nach Schweizer Banken und deutschen Versicherungen sitzen nun plötzlich Ford und General Motors auf der Anklagebank der Holocaust-Kollaborateure und Profiteure.

Im Unterschied zu deutschen Unternehmen lassen die US-Autohersteller bisher keine Einblicke in ihre Archive zu, dementieren aber jegliche Verwicklung in zweifelhafte Geschäfte mit den braunen Machthabern. -GM bestreitet kategorisch, daß wir den Nazis im Zweiten Weltkrieg geholfen haben", sagte Firmensprecher John Mueller gegenüber der dpa. Spätestens nach Kriegsbeginn 1939 hätten die Muttergesellschaften praktisch keinen Einfluß mehr auf die deutschen Niederlassungen nehmen können. Doch langjährige Recherchen von Historikern wie Snell lassen ganz andere Schlüsse zu. Danach führte zum Beispiel Mooney zwei Wochen nach dem Überfall auf Polen im September 1939 Gespräche mit der Regierung in Berlin über den Umbau des Opel-Werks in Rüsselsheim für die kriegswichtige Produktion von Flugzeugmotoren und wurde sogar von Hitler persönlich empfangen. Im Februar 1940 verhandelte er erneut in Berlin mit Luftwaffenchef Hermann Göring und inspizierte den Fortgang der Produktionsumstellung in Rüsselsheim. Gleichzeitig zögerten die Mutterunternehmen nach Recherchen von Snell aber, ihre Fließbänder in Detroit so zügig zum Bau von Geländewagen und Flugzeugmotoren umzustellen, wie die Regierung es wünschte.

Neben der politischen und wirtschaftlichen Seite hat die Frage nach dem Verhalten von GM und Ford auch einen moralischen Aspekt. Denn wenn die US-Unternehmensführungen noch Einfluß auf ihre deutschen Niederlassungen nehmen konnten, wären sie auch für die dort beschäftigten Zwangsarbeiter mitverantwortlich. Dies ist Gegenstand einer Sammelklage auf Entschädigung, die Anwälte in New York und Washington im Namen einstiger Zwangsarbeiter gegen GM und Ford erhoben haben. Die Unternehmen hätten -Dutzende Historiker, Anwälte und Rechercheure" eingestellt, um die Vorwürfe zu entkräften, schrieb die -Washington Post". Diese Bemühungen dürften immerhin dazu beitragen, über 50 Jahre nach Kriegsende ein vollständigeres Bild von der Rolle amerikanischer Unternehmen in Nazideutschland zu zeichnen.