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Unaufgeregtheit täte allen gut

Von Tamara Arthofer

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Joachim Löw kann noch immer der richtige Mann für den DFB sein. Er muss allerdings bereit sein, eingefahrene Wege zu verlassen.


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Seit Dienstagnachmittag ist es amtlich: Joachim Löw bleibt deutscher Bundestrainer - und schon hagelt es hämische Kommentare. Schließlich sind die Deutschen nicht nur in der Vorrunde ausgeschieden, es war auch eine Blamage mit Anlauf: Zuerst wurden die mageren Testspielergebnisse, unter anderem die Niederlage gegen Österreich, schöngeredet, dann wurde in Endlosschleife darüber philosophiert, dass Watutinki, wo die Deutschen ihr Quartier aufgeschlagen haben, halt leider, leider nicht Campo Bahia sei. Nach dem 0:1 gegen Mexiko warf man den Selbstzerfleischungsmechanismus an, der zwar mit dem Last-Minute-Sieg gegen Schweden kurzzeitig ins Stocken kam, letztlich aber - auch durch Schuldzuweisungen und eher seltsame politische Querverweise von außen befeuert - nicht mehr aufgehalten werden konnte. Der Tiefpunkt folgte mit dem 0:2 gegen Südkorea. Das einzig Positive: Wenn man auf dem Boden liegt, kann es kaum noch weiter runter gehen. Das historische Aus ist daher auch eine Chance, sich neu aufzustellen. Was wäre da logischer, als zuallererst den Trainer auszutauschen? Immerhin gestand Löw ein, dass er "natürlich" auch sich selbst "hinterfragen muss". Dass der DFB genau diesen Branchenusancen nicht gefolgt ist und ihn gebeten hat, weiterzumachen, hat mehrere Gründe. Zum einen rechnet man ihm die Verdienste der Vergangenheit an, in der er die Mannschaft nicht nur bei vier Endrunden hintereinander zumindest bis ins Halbfinale, 2014 zum Titel, sondern auch eine verjüngte Truppe zum Confed-Cup-Sieg geführt hat. Daher traut man ihm zu, auch jetzt die notwendigen Veränderungen vorzunehmen. Während die Fans skeptisch sind, kamen zuletzt fast täglich Trainer zu Wort, die Löw den Rücken stärkten. Österreichs Teamchef Franco Foda beispielsweise erklärte, Rücktrittsaufforderungen für "überhaupt nicht nachvollziehbar" zu halten. Zum anderen geht es aber auch um Geld und Abhängigkeiten - und da beginnt das Problem. Da Löws bis 2020 laufender Vertrag noch vor dem Turnier um zwei weitere Jahre verlängert wurde, wäre eine Demission teuer geworden. Und weil man ihm nach all den Jahren bedingungslos vertraut hat, stand man komplett ohne Plan B da. Löw kann tatsächlich noch immer der richtige Mann sein. Aber er muss nicht nur taktische, personelle oder psychologische Fehler, die er begangen haben mag, aufarbeiten. Er muss auch Raum für Impulse von außen schaffen, ohne in den Abwehrmodus zu verfallen, wie das bisweilen passiert ist. Denn Krisenmanagement und -kommunikation waren zwei jener Dinge abseits des Platzes, die überhaupt nicht funktioniert haben.

Wie das gehen könnte, könnte man beispielsweise bei Christoph Kramer erfragen. Das wird freilich nicht passieren, schließlich ist der 27-Jährige - auch bekannt durch seine Gehirnerschütterung im WM-Finale 2014 - selbst noch bei Mönchengladbach aktiv und gab als Studio-Experte in der Vorrunde nur ein Gastspiel für den ZDF. Und dennoch: Mit seinen Analysen ohne Herumgeeiere, aber auch ohne das Malen von Weltuntergangsszenarien war er am Tag des Ausscheidens noch der beste Deutsche. Nicht dass das ein großes Kunststück gewesen wäre. Aber ein bisschen mehr Kramer’sche Unaufgeregtheit täte allen gut. Auch in der Trainerfrage.