Zum Hauptinhalt springen

Unbehagen auf der Krim

Von WZ-Korrespondent Denis Trubetskoy

Politik

Trotz massiver Repressionen gegen Einzelne, verlief der Alltag für die meisten relativ normal. Nun rückt der Krieg an die Krim heran.


In Sewastopol, dem Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte auf der besetzten Krim-Halbinsel, herrschte Ende der Woche einmal mehr Unruhe. Nach einem Drohnenangriff ist ein großes Treibstofflager in Brand geraten. Mehrere Öltanks sind explodiert, der ukrainische Militärgeheimdienst spricht von 40.000 Tonnen Treibstoff für die russische Schwarzmeerflotte, die zerstört worden seien.

In jedem Fall ist es eine neue Realität, die auf der im März 2014 von Russland illegal annektierten Krim seit dem 24. Februar 2022 herrscht. Denn die Halbinsel, über die fast die gesamte Kriegslogistik für die russischen Truppen in der Südukraine läuft, ist in den vergangenen Monaten auch selbst immer mehr zum Ziel geworden. Neben den international für Aufmerksamkeit sorgenden Explosionen auf dem Militärflugplatz bei Saky im August oder die Sprengung der Krim-Brücke im Oktober kommt es fast wöchentlich zu kleineren Angriffen wie der Marinedrohnen-Attacke in Sewastopol.

Zwischen März 2014 und Februar 2022 war das Leben der meisten Menschen auf der Krim vergleichsweise normal gewesen. Die massiven politischen Repressionen gegen politisch aktive Krimtataren und Ukrainer, die mit der russischen Annexion nicht einverstanden waren, spielten im Alltag kaum eine Rolle oder wurden bewusst verdrängt. Dass die Krim nun unter russischer Kontrolle steht, manifestierte sich für die meisten Bewohner vor allem im Auszug der westlichen Firmen, die die die Krim aufgrund von Sanktionen größtenteils verließen, und durch die Probleme mit der Wasser- und Stromversorgung, die früher stark vom ukrainischen Festland abhängig war.

"Das ist der Elefant im Raum"

Für den durchschnittlichen Normalverbraucher hatten sich jedoch höchstens Kleinigkeiten verändert. Die Geschäfte waren voll und nur wenige haben sich Gedanken darüber gemacht, ob der Status quo auf der Halbinsel sich noch einmal ändern könnte. Das war auch in Kiew ähnlich: Mit Diskussionsformaten wie der Krim-Plattform wollte man zwar unterstreichen, dass das Problem der Krim zu den Prioritäten der ukrainischen Regierung gehört. Eine mögliche Rückeroberung der Halbinsel war aber nie ein ernsthaftes Thema.

In den vergangenen Monaten hat sich aber auch die Stimmung der Menschen auf der Krim spürbar verändert. "Mir fällt nur ein einziger Umstand auf, der sich zum Positiven verändert hat: Weil die Sanktionen nun auch gegen Russland selbst und nicht mehr nur gegen russische Aktivitäten auf der Krim verhängt wurden, sind nun große russische Banken endlich hier eingestiegen", erzählt Andrej (Name geändert), ein Kleinunternehmer aus Simferopol, mit traurigerer Ironie in der Stimme. "Viele haben gedacht, dass die Krim der Russischen Föderation beitritt. Jetzt ist sozusagen die Russische Föderation der Krim beigetreten."

So wie viele andere Menschen auf der Krim beschäftigt Andrej derzeit vor allem die Frage, ob es in absehbarer Zeit auch auf der Krim aktive Kampfhandlungen geben könnte. "Es ist der Elefant im Raum", sagt er. "Alle wissen, dass es zumindest nicht mehr unmöglich ist. Doch selbst meine Eltern im Norden der Krim, wo die Gefahr am größten ist, leugnen die Notwendigkeit, so schnell wie möglich wegzufahren, sobald etwas losgeht."

Blockade statt Angriff?

"Die Stimmung lässt sich am besten als tiefe Depression beschreiben. Die Menschen versuchen, im Hier und Jetzt weiterzuleben, weswegen der Eindruck einer Normalität entstehen könnte. Doch die Ungewissheit über das, was folgen könnte, liegt in der Luft", sagt auch Dmitrij (Name geändert), ein junger Mann aus Sewastopol, der in der Werbebranche tätig ist. Bei den aktiven Unterstützern Russlands hätte es zwar am Anfang eine patriotische Welle gegeben. Nachdem im September die Mobilmachung verkündet wurde, sei das aber nun vorbei. "Die Menschen, die schon lang auf der Krim leben, verstehen, dass es eng werden könnte", sagt Dmitrij. "Für sie ist es aber meist gar nicht die große Frage, ob sie in Russland oder in der Ukraine leben werden. Sie würden auch auf einer türkischen Krim leben, wenn ihre Familien sicher sind. Offen diskutiert darüber aber niemand."

Anders als für die Menschen, die schon vor der Annexion auf der Krim gelebt haben, sieht es freilich für jene aus, die erst nach der russischen Machtergreifung gekommen sind. "Eine Rückeroberung durch die Ukraine wäre für 200.000 bis 300.000 Russen, die nach 2014 auf die Krim gezogen sind, ein großes Problem. Sie müssten sofort auf das russische Festland abhauen, genauso wie ein paar zehntausend Menschen, die wegen ihrer Tätigkeit als Beamte oder Ähnliches als Kollaborateure bewertet werden könnten", meint Andrej. "Für alle anderen wird das Leben vermeintlich mehr oder weniger genauso weitergehen wie zuvor."

Abseits der öffentlichen Rhetorik sieht man eine Bodenoffensive auf der Halbinsel allerdings auch in Kiew skeptisch. Denn eine solche Operation würde vermutlich nicht nur sehr blutig ausfallen, sie wäre aufgrund der Berge im Süden der Krim auch ein extrem schwieriges Unterfangen. Gleichzeitig ist die Krim-Frage für die Ukraine in militärstrategischer Hinsicht von zentraler Bedeutung. Denn die seit 2014 von Russland stark militarisierte Halbinsel ist als Aufmarschgebiet für Operationen in der Südukraine eine fortwährende Bedrohung, die selbst bei einer allfälligen Befreiung der nördlich liegenden Region Cherson bestehen bleibt.

Spekuliert wurde daher zuletzt vor allem über das Szenario einer Krim-Blockade, bei der die ukrainischen Truppen nach einer erfolgreichen Gegenoffensive im Süden an der Grenze zur Krim Halt machen, gleichzeitig aber die dann in Reichweite gekommene Krim-Brücke immer wieder mit Raketen angreifen. In diesem Fall wäre die russische Logistik extrem erschwert, die Führung in Moskau könnte dann aus Kiewer Sicht womöglich zu ernsthaften Verhandlungen gezwungen werden.

Repressionen nehmen zu

Wann die ukrainische Gegenoffensive beginnt und ob es tatsächlich gelingt, bis an die Grenze zur Krim vorzustoßen, ist derzeit nicht absehbar. Für viele Experten ist aber jetzt schon klar, dass sich die Repressionen auf der Krim verschärfen werden, je näher die Kämpfe rücken. "Das passiert derzeit natürlich etwas abseits der öffentlichen Wahrnehmung, weil alle direkt mit dem Krieg beschäftigt sind", sagt Oleksandra Jefymenko, eine in Kiew lebende und aus Sewastopol stammende Journalistin, die sich mit Menschenrechtsfragen auf der Halbinsel befasst. "Aber es ist kein Zufall, dass auf der Krim nun eine zusätzliche Untersuchungshaftanstalt eröffnet wurde."

Jefymenko zufolge werden rechtliche Formalien auch jetzt schon so gut wie nicht mehr beachtet und die Krimtataren immer mehr unter Druck gesetzt. Gleichzeitig reagieren die russischen Behörden immer harscher auf alle Vorfälle, die in einem Zusammenhang mit dem Krieg stehen könnten. "Nach der Beschädigung eines Eisenbahnknotenpunktes, der derzeit vor allem von der russischen Armee benutzt wird, wurden etwa rund 40 Menschen festgenommen, ohne dass man wusste, um wen es sich bei den Festgenommenen konkret handelt. Sie wurden dann in einen Keller gebracht, oft gefoltert, aber die Täter wurden gar nicht gefunden", erzählt die Journalistin. "Solche Vorfälle werden immer häufiger zu sehen sein, je enger es um die Krim wird."