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... und am End weiß keiner nix

Von Eva Stanzl

Wissen
Geht ein Mann zur Hellseherin und klopft an der Tür. Sie fragt von drinnen: "Wer ist draußen?" Er antwortet trocken: "Na, das fängt ja gut an." Foto: corbis

Die Futurologen erforschen das nicht Erforschbare - und dienen Wirtschaft und Politik. | Weltkonzerne planen ihre Strategien anderswo. | Wien.Ein Museum bewahrt eine Sammlung bedeutsamer Gegenstände für die Öffentlichkeit auf, erforscht sie und stellt Teile davon aus. Doch ein Zukunftsmuseum? Was könnte da wohl erforscht oder gar gesammelt werden? Konzepte, die es noch nicht gibt? Ein Widerspruch in sich.


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Dem gemäß versteht sich das Zukunftsmuseum in Berlin auf seiner Internet-Startseite als "Das Paradoxon unter den Museen". Mit einem Link zu einer Initiative, die die Gegenwart zu bewahren sucht, indem sie Unterschriften sammelt gegen den Abriss von Wohnhäusern durch Immobilienhaie in der deutschen Hauptstadt. Futuristischer gibt sich das schwedische Zukunftsmuseum in Borlänge: Hier dürfen Besucher mit Erfindungen experimentieren, die auch hinkünftig eine maßgebliche Rolle spielen könnten.

Ein Rechner, der Folgen von Handlungen berechnet, ist allerdings in keinem Haus zu finden. Der solcher Konsequenzen-Rechner wäre wohl die einzig sinnvolle Methode, um Zukunftsszenarien zu veranschaulichen. Er würde ausrechnen, welche Situationen künftig eintreten würden, wenn heute bestimmte Entscheidungen getroffen werden. Er würde Wenn-dann-Szenarien verdeutlichen. Denn das Entscheidende an Entscheidungen ist, dass sie Konsequenzen haben. Von denen wir viele nicht einkalkulieren oder gar nicht bedenken. Was das Leben wiederum spannend macht.

Denn wer will schon ganz genau wissen, was das kommende Jahr bringen wird? Welche Menschen wir kennenlernen, welche Chancen wir erhalten oder verpassen werden. Ob wir befördert werden oder den Job verlieren, Kinder bekommen, einen Lotto-Sechser machen oder was das Christkind heuer wohl bringen wird. Da die Zukunft noch nicht materialisiert ist, kann sie lediglich gedacht, erhofft, erwünscht oder gefürchtet werden. Sie entzieht sich der wissenschaftlichen oder empirischen Überprüfung. Nicht immer tritt ein, was wir uns vorstellen. Das meiste können wir also nur in den Grundzügen planen, oder bestenfalls ansteuern.

Dennoch beschäftigt sich eine ganze Branche mit dem, was nicht erforscht werden kann. Die Futurologie ist eine Sammelbezeichnung für das Bemühen, die Zukunft bis zu einem gewissen Grad vorherzusagen. Der Begriff wurde 1943 von dem deutschen Autor Ossip K. Flechtheim eingeführt. Er sah in ihm eine Synthese aus Ideologie und Utopie, hegte darin jedoch keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Heutige Zukunftsforscher suchen hingegen stärker die Nähe zur seriösen Forschung als Annäherung an die Wahrheit. Um dem Ideal möglichst nahe zu kommen, stützen sie sich auf Studien und Statistiken in dem Bestreben, eine Entscheidungsgrundlage für Wirtschaft und Politik darzustellen.

Als "Statistiken und Prognosen für die Wirtschaft von morgen" verkauft etwa das deutsche Zukunftsinstitut des renommierten Zukunftsforschers Matthias Horx seine jüngste, acht Broschüren starke "Megatrend-Dokumentation". Sie diene "Entscheidern als Grundlagenmaterial und als verlässliche Arbeitsgrundlage für alle strategischen Planungsprozesse und Zukunfts-Innovationen".

Doch schon das Versprechen eines "grafisch völlig überarbeiteten Layout" verrät, dass teilweise bekannte Schlagwörter bloß in neue Piktogramme gekleidet werden. Grafiken, die an den U-Bahn-Plan Londons erinnern, leiten die Kapitel ein. Statt der schnellsten Verbindung von Clapham nach Paddington zeigen die Trendforscher jedoch korrelierende Schlagwörter auf. In diesem Sinn sind "Bildungsgewinner", "Eigenverantwortung" und "Work Life Balance" Bestandteile einer auf dem Plan zentral positionierten "Wissensgesellschaft. Das Netzwerk soll den "Megatrend Individualisierung" umreißen.

"In einem aufklärerischen Weltbild ist (reife) Individualität die Voraussetzung funktionierender Gesellschaften", erläutern die Autoren um Horx. Und: "Individualität bildet keineswegs einen Widerspruch zu Werten und Verbindlichkeiten. Sie wird vielmehr als das eigentliche Ziel von Fortschritt und Wohlstand verstanden." Eine beeindruckende Fülle von Ausdrücken, die an die Werte des Menschen appellieren.

Denn in der Praxis sprechen sie ihre deklarierte Zielgruppe, die Unternehmen, nur am Rande an. "Konzerne ziehen allgemeine Trend-Analysen externer Berater allenfalls heran, um sich einen Überblick zu verschaffen. Präzise Analysen zur strategischen Weiterentwicklung des Kerngeschäfts unternehmen sie in ihren eigenen Innovationsabteilungen", erklärt Helmut Draxler, ehemaliger Generaldirektor des weltgrößten Feuerfest-Konzerns RHI.

Für Holger Rust, Professor für Soziologie an der Universität Hannover, sind allgemeine alljährliche Trend-Prognosen "oft eine unwissenschaftliche Kompilation bestimmter Ideen, die sich durch die Ansammlung von Tabellen medial verbreiten lassen." Er betont: "Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass alle erdenklichen Trends in den Chefetagen landen, bevor es irgend jemand anderer weiß. Doch in Wirklichkeit sind das Werbebroschüren für den Verkauf von Studien."

Nach dieser Theorie müssen die Prognosen des Unvorhersehbaren ihre Wirkung also gar nicht erst in den Chefetagen entfalten. Sondern sie sollen an die Medien und in die Marketing-Abteilungen gelangen. Die mit vereinten Kräften die Stimmung so aufbereiten, dass Konsumenten neue Produkte kaufen. Der Begriff "Individualisierung" erhält eine andere Bedeutung je nachdem, welches Lebensgefühl er vermitteln soll. Als Aufhänger für Software-Systeme zur Verwaltung von Kundenkarten etwa lässt er Kaufhaus-Ketten dran glauben, dass sie jeden Haushalt individuell umwerben können und lässt Konsumenten sich aufgewertet fühlen.

Die Trendforschung ist ein Stück weit auch Politik. Nach der Wirtschaftskrise prognostiziert Horx eine "Wissensökonomie", in der sichere, unbefristete Arbeitsverhältnisse noch rarer werden und durch eine selbständig oder in Teilzeitverhältnissen beschäftigte Schicht an Erwerbstätigen ersetzt werden. Ihre "Klassenlage" werde durch den Begriff "Kreativität" beschrieben sein.

"In hoch entwickelten Industrienationen arbeiten 25 bis 30 Prozent der Werktätigen im Kreativsektor - also in Wissenschaft, technologiebasierten Industriezweigen, Kunst und in den wissensbasierten Bereichen der Medizin, des Finanzwesens und des Rechts", heißt es. Die "Kreative Klasse" begreife sich aber grundsätzlich als Portfolio-Worker, als Ich-AGs. Und: "Die Kreativen sind Pioniere eines postmateriellen Lebensstils, in dem Erwerbseinkommen sich von Lebensqualität und Lebenssinn abkoppelt." Prost-Mahlzeit Arbeit ohne Geld.

Soziologe Rust sieht in "New Work" und in der "kreativen Klasse" die Ausgestaltung eines Arbeitsmarktes, der ohne Sozialversicherungspflicht zurechtkommen soll. "Vorträge und Kongresse bereiten den politischen Weg, ein Diplomat bekommt einen kleinen Lehrauftrag, damit das politische Ziel eine wissenschaftliche Legitimation hat. In diesem Sinn wird die Zukunftsforschung zum Werkzeug einer erzkonservativen Wirtschaftspolitik", warnt er.

Doch selbst mit genauesten Messgeräten lässt sich nicht im Detail planen, was sein wird. "Eine der wenigen präzisen Größen sind die Bevölkerungsdaten. Demografen kennen die Zahl derer, die geboren sind, und die Altersverteilung und damit kennen Unternehmen die Größe der Märkte in Zukunft", betont Draxler. Doch damit hört es dann auch auf.

Szenarien der Old Economy abzubilden, etwa der zyklischen Stahl-, oder Zementindustrie, sei vergleichsweise einfach. Sie beruhe auf langfristig korrigierbaren Grundpfeilern, wie dem Vorhandensein von Rohstoffen. "Anders ist es in konsumorientierten Branchen mit kurzen Verkaufszyklen, wo neue Verhaltensweisen über Produkte generiert werden und Zukunftsanalysen sehr tief und präzise sein müssen", sagt Draxler. Er schließt: "Zukunftsforschung wird immer weniger ein Fortschreiben vergangener Erkenntnisse in die Zukunft. Spätestens seit der Finanzkrise tut sich aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge immer mehr nicht Vorhersehbares."