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Und was nun, Herr Präsident?

Von Tamara Arthofer

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Tamara Arthofer
Tamara Arthofer ist Sport-Ressortleiterin.

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Für gewöhnlich ist eine Pressekonferenz des Weltfußballverbandes eine von langer Hand geplante Sache, hier, im mondänen Hauptquartier eines der größten globalen Unternehmens – pardon, rechtlich gesehen handelt es sich bei der Fifa um einen gemeinnützigen Verein – überlässt man nicht gern etwas dem Zufall. Doch als die Fifa am Dienstagnachmittag zu einer spontanen Pressekonferenz lud, war nichts so wie gewohnt: Die Ansetzung, nur 90 Minuten vor dem Termin, brachte offenbar selbst die erfahrensten Mitarbeiter in die Bredouille, die auf Nachfrage nicht einmal selbst zu wissen schienen, worum es gehen würde. Hektisches Treiben auf den Gängen, rauchende Köpfe, Kugelschreiber und Tastaturen in den Redaktionsräumlichkeiten, man ahnte schon, dass sich gleich Bedeutsames ereignen würde. Doch noch immer glaubten die wenigsten an einen Rücktritt des ewigen Sepp. Erst vor fünf Tagen war Joseph Blatter für eine fünfte Periode im Präsidentenamt bestätigt worden; die neu aufgekommenen Korruptionsvorwürfe hatten Kratzer hinterlassen, ja, aber auch sie vermochten nicht, das Denkmal zu stürzen.

Viel wahrscheinlicher schien es, dass Jerome Valcke als Bauernopfer den Kopf würde hinhalten müssen, und Blatter hätte es gut argumentieren können, wie er es immer getan hat, wenn einer seiner Vertrauten ihm oder "der guten Sache", wie es immer hieß, gefährlich geworden war. Noch in den Stunden vor der Pressekonferenz war Valcke vorgeworfen worden, er hätte eine Zehn-Millionen-Dollar-Überweisung über ein Fifa-Konto an den einschlägig verdächtigen Jack Warner veranlasst, bei der es sich eigentlich um Schmiergeld der südafrikanischen WM-Bewerbung gehandelt habe. Blatter selbst hatte den Franzosen 2004 ins Amt des Generalsekretärs gehievt, nachdem er nur wenige Monate davor unehrenhaft als Marketing-Direktor geschieden war, weil er unlautere Vertragsverhandlungen geführt hatte.

Schweres Erbe

Dass Blatter dann persönliche Konsequenzen aus den jüngsten Skandalen zog, überraschte auch deshalb, weil er in den vergangenen Tagen noch jede Verantwortung von sich gewiesen hatte. Doch es nährt den Verdacht, dass auch er selbst nicht mehr sicher war, heil aus der Sache mit den parallelen Untersuchungen des FBI und der Schweizer Staatsanwaltschaft herauszukommen. Ein Abschied in Würde ("Ich spüre, dass ich nicht das Mandat der ganzen Fußballwelt habe") ist allenfalls besser als eine Abführung in Handschellen, die nun allerdings auch nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Zwar wurde er bisher von keiner Seite als Beschuldigter geführt, allerdings kamen wenige Stunden nach seiner Demissionsankündigung Gerüchte auf, wonach die US-Behörden auch gegen ihn Ermittlungen einleiten würden.

Die Fußballwelt jedenfalls trifft der Schritt unvorbereitet. Zwar äußerten sich die meisten, sowohl Verbandsvertreter als auch Politiker und Sponsoren, die zuletzt massiven Reformdruck ausgeübt hatten, positiv. Allerdings dürfte die Frage, wie es nun weitergeht mit der Fifa, viele Menschen noch lange beschäftigen. Denn Blatter alleine ist nicht das Problem. Gewiss, es war hochnot an der Zeit, dass jemand persönliche Konsequenzen zieht und den Weg für einen Neustart ebnet. Doch dafür müsste sich der Weltfußballverband komplett neu aufstellen. Eine Revidierung des Wahlsystems ist ebenso längst überfällig wie eine Amtszeitbegrenzung sowie ein Kontrollsystem, das diesen Namen auch verdient. Die im Zuge der Katar- und Russland-Diskussionen eingeführte Ethikkommission hat sich eher als Verschleierungs- und Reinwaschungsinstanz erwiesen.

Nehmet und gebet alle davon

Doch dass das System Fifa sich von einem Tag auf den anderen ändert, ist unwahrscheinlich. Zu sehr sind die handelnden Personen darin verstrickt, zu viel Geld ist im Spiel. Und wo viel Geld ist, kann viel Geld verteilt werden, legal und auch illegal, frei nach dem Motto: Nehmet und gebet alle davon. Alleine im vergangenen Jahr betrugen die Einnahmen, vor allem durch die WM in Brasilien, 4,826 Milliarden Dollar, der Großteil kam aus dem Bereich Medien- und Marketing. Und von diesen Einnahmen profitieren alle: 476 Millionen Dollar wurden an die WM-Teilnehmer sowie an Klubs ausgeschüttet, die Spieler bereitstellten, das lokale Organisationskomitee wurde – wenn man sich schon partout weigert, Steuern zu zahlen – mit 453 Millionen Dollar befriedet, der überwiegende Teil ging aber an Entwicklungsprojekte, nämlich 1,052 Milliarden Dollar. Genau diese Entwicklungsprojekte tarnen jedoch in einigen, wenn auch sicher nicht in allen Fällen Schmiergeldzahlungen; und die Grenzen sind bei dem Geäst aus Geben und Nehmen, aus Förderungen und Forderungen, schwierig zu ziehen.

Für die vermeintlichen Widersacher und Reformschreier stellt sich nun auch personell die Frage, wer dieses System durchbrechen soll und trotzdem mehrheitstauglich ist. Die Uefa hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt, als sie eine sportpolitische Front gegen Blatter und seine Getreuen eröffnete. Und sie hat, Blatter-Rücktritt hin oder her, eine Niederlage erlitten, schon vor der Wahl: Obwohl sich zunächst zwei seriöse Kandidaten der Abstimmung stellen wollten – die Bewerbungen zweier anderer kamen gar nicht erst durch das Ausleseverfahren -, gab es am Ende keinen einzigen europäischen Herausforderer. Michael van Praag und Luis Figo zogen beide ihre Kandidaturen zurück, mehr schlecht als recht einigte man sich darauf, den jordanischen Prinzen Ali bin Al-Hussein zu unterstützen, weil man auf zusätzliche Stimmen aus Asien hoffte.

Turbulente Zeiten

Wer nun tatsächlich das schwierige Erbe antreten will, bleibt abzuwarten, bis zum außerordentlichen Kongress hat man nun rund ein halbes Jahr Zeit. Michel Platini galt schon früher als möglicher Blatter-Nachfolger, doch er wurde erstens gerade erst im März als Uefa-Chef wiedergewählt, zweitens begründete er dies mit der Aufgabe, die er noch in Europa hätte. Mit einem nunmehrigen Antreten bei der Fifa-Wahl würde er wohl an Glaubwürdigkeit einbüßen. Dabei ist diese ohnehin durch seine Rolle bei der WM-Vergabe an Katar schon gesunken. Van Praag, niederländischer Verbandschef, gelang es in den Monaten nach seiner Ankündigung einer Kandidatur ebensowenig wie Figo, sein Profil zu schärfen. Und Al-Hussein wiederum wäre ein Chef, dem nach dem vorangegangenen Kongress wohl das Etikett des Verlierers anhaften würde. Zudem war er als Fifa-Vizepräsident Teil dieses Systems und ohnehin nur ein Kompromisskandidat. Einige hatten Blatter sogar am ehesten zugetraut, in seiner jetzt-aber-echt-letzten Amtszeit Reformen anzuschieben: Er kennt das System am besten, und vor unpopulären Maßnahmen hätte er sich nicht zu zu fürchten brauchen.

Ja, sein Rücktritt war überfällig, und ja, er ist mit viel Glück die Chance auf einen Neuanfang. Doch die turbulenten Zeiten im Weltfußball sind damit nicht beendet. Sie haben eben erst begonnen.