Zum Hauptinhalt springen

Undurchsichtige Bahn-Struktur: Ein Vogel macht noch keinen Rücktritt

Von Franz Steinbauer

Analysen

Sollte Bahn-Chef Martin Huber wegen des Iran-Skandals zurücktreten müssen, dann scheitert er nicht an dem Einzelgänger, ÖBB-Manager, Kabarettisten, Bauingenieur und freien Gewerkschafter Alexius Vogel, der - angeblich ohne dazu berechtigt zu sein - im Namen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) einen Vorvertrag über den Bau einer 70 Kilometer langen Bahnlinie zwischen Teheran und Karadj unterschrieben hat.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 17 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Dass Vogel seine indirekten und direkten Vorgesetzten (zum Beispiel Huber und ÖBB-Infrastruktur Betrieb AG-Vorstand Alfred Zimmermann) mit in die Tiefe reißen könnte, wie ein Mitarbeiter der Bahn mutmaßt, der lieber anonym bleiben möchte, ist aus zumindest einem Grund falsch: Der Bahn-Chef würde letztlich vor allem über die enorm komplizierte ÖBB-Struktur stolpern, bei der niemand mehr so recht weiß, wer wofür zuständig ist und wie die internen Abläufe aussehen sollten.

Wahrscheinlich wird es daher bei dem Iran-Debakel einige Zeit brauchen, bis man weiß, ob nur Vogel oder Vogel und einige aus dem ÖBB-Top-Management oder gar Vogel und alle aus dem ÖBB-Top-Management etwaige Verfehlungen zu verantworten haben.

Unter dem Dach der ÖBB-Holding hat man vier gleichberechtigte Aktiengesellschaften (Personenverkehr, Güterverkehr, Infrastruktur-Betrieb und Infrastruktur-Bau) und unzählige GmbHs geschaffen, bei denen es mitunter den Anschein hat, dass sie mehr gegeneinander als miteinander arbeiten. Huber, dessen ÖBB-Vertrag noch bis Ende Oktober 2009 läuft, könnte an just jener ÖBB-Struktur scheitern, die er selbst stets verteidigt und als effizient gelobt hat.

Experten und Kritiker haben jedoch schon damals gewarnt, dass eine Aufspaltung der ÖBB entweder nur Kosmetik sei oder - schlimmer noch - die Zertrümmerung eines Unternehmens in Einzelteile, wobei jedoch eine klare Zielsetzung fehlt, was man damit erreichen will. Wortmeldungen, dass das Schienennetz in Österreich zu klein wäre, um der liberalisierten Eisenbahn in Großbritannien erfolgreich nacheifern zu können, wurden ignoriert.

Das positive Schweizer Beispiel fand hierzulande keinen Anklang, obwohl die Schweizer sonst oft als Vorbilder herhalten müssen. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) sind ein integriertes Unternehmen, das die Eidgenossen bewusst nicht in zig Gesellschaften zergliedert haben.

Wie der Wifo-Fachmann für Infrastruktur und frühere ÖBB-Aufsichtsrat Wilfried Puwein betont, sind die Schweizer besser unterwegs. Die SBB sind fast ein Drittel produktiver als die ÖBB und erzielen rund das Doppelte an Verkehrseinnahmen (bezogen auf den jeweiligen Beschäftigtenstand der beiden Bahngesellschaften).

Seit Mitte der neunziger Jahre hat die Schweizer Bahn laut Puwein ihre Leistungen im Personenverkehr viel deutlicher gesteigert. Und sie hat deutlich weniger Appetit auf staatliche Zuschüsse gehabt als die heimische ÖBB.