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Ludwigsburg - "Nazijäger" will Willi Dreßen nicht genannt werden, und auch dem Titel "Rechercheur des Grauens" kann der Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg nicht viel abgewinnen. Zum 1. September ging der Oberstaatsanwalt in Pension. Nach rund 33 Dienstjahren in dem streng bewachten Gebäude, einem ehemaligen Frauengefängnis, zieht er eine nüchterne Bilanz: "Es waren viel zu wenige NS-Verbrecher, die letztlich verurteilt wurden. Zu viele Verfahren wurden eingestellt, das ist enttäuschend."
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Seit ihrer Gründung 1958 hat die Behörde gegen mehr als 106.000 mutmaßliche NS-Verbrecher Verfahren eingeleitet. Rechtskräftig verurteilt wurden allerdings nur 6500; 13 davon vor Inkrafttreten des Grundgesetzes zum Tode.
"Es ist wichtig, auch heute noch Täter mit ihrer Schuld zu konfrontieren", sagt Dreßen. Gegenüber den Opfern gebe es die Verantwortung, dass ihr unbeschreibliches Leid nicht in der Geschichtslosigkeit versinkt, "und deshalb dürfen die Täter auch keinen ruhigen Lebensabend verbringen". Die akribische Ermittlung von Verbrechen und Verbrechern des Nazi-Regimes über all die Jahre hat der von einst 130 auf nun 23 Mitarbeiter geschrumpften Behörde viel Anerkennung eingebracht. "International gesehen" sei sie vermutlich "die deutsche Justizbehörde mit dem größten Ansehen, weil sie sich um die Aufklärung von Verbrechen bemüht, die das Weltgewissen bis heute empören", lobte der Stuttgarter Justizminister Ulrich Goll (FDP) vor zwei Jahren das Amt zu seinem 40-jährigen bestehen.
Im eigenen Land galt die Zentralstelle dagegen lange Zeit manchen eher als Schandfleck. Selbst noch 1967, als der junge Dreßen nach Ludwigsburg zog, bekam er den Tipp, "bei der Zimmersuche keinesfalls zu sagen, wo ich arbeite, sonst bekäme ich keine Wohnung", erinnert er sich. Der damalige Bürgermeister habe sogar von einem "Geruch" gesprochen, der über der Stadt hänge. Das muss die Mitarbeiter sehr getroffen haben. "Wir haben uns eng aneinander geschlossen", erzählt Dreßen. So sehr, dass damals allein 17 "behördeninterne" Ehen geschlossen wurden. Längst hat die Stadt ihren Frieden mit dem Amt gefunden, dessen Arbeit nun nahezu abgeschlossen ist. Nur noch fünf Staatsanwälte von einst 50 sichten derzeit noch Akten, die aus Warschau übermittelt wurden. Noch 31 Ermittlungsverfahren sind offen, darunter ein bedeutendes wegen Verbrechen in Litauen.
Dass inzwischen rund 700 Wissenschaftler aus aller Welt die einzigartige Dokumentensammlung besuchen und deren Zahl weiter steigt, freut Dreßen besonders. Für Historiker ist das Archiv des Schreckens eine Fundgrube: Seit der Gründung hat das Amt ein feinmaschiges Netz über die früheren NS-Organisationen geworfen und mehr als 1,6 Millionen Karteikarten angelegt. In abgegriffenen Zellophanhüllen gebündelt und hinter schweren Stahltüren im Herz der Behörde gesichert, erfassen diese Karten im Format DIN A 6 rund 650.000 Namen mutmaßlicher Kriegsverbrecher und Zeugen sowie etwa 570.000 Hinweise auf Einsatzorte der Täter. Und auf einigen Karteikarten dieser Zentralkartei stecken noch heute rote Reiter: Es sind "Suchkarten" für die ungelösten Fälle. Eine weitere "Einheitenkartei" mit 333.000 Eintragungen umfasst inzwischen 4247 Dienststellen von Wehrmacht, SS und Sonderpolizei. Dazu kommen noch mehr als eine Million Dokumente, auf Mikrofilm oder als Fotokopie.
Dass dieser historische Schatz nicht in Vergessenheit gerät, dafür hat Dreßen lange gekämpft. Mit Erfolg: Die Behörde wird nun zur "Außenstelle" des Koblenzer Bundesarchivs. Zwei Archivare sind schon vor Ort und arbeiten bereits mit, freut sich Dreßen über diesen Teil seines Lebenswerkes.
Dreßens Nachfolger Kurt Schrimm übernimmt die Aufgabe, die Ludwigsburger Behörde abzuwickeln, bis sie an das Bundesarchiv übergegangen ist.
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