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Unesco droht Wien mit roter Karte

Von Ina Weber

Politik

UN-Organisation fordert Wien auf, geplanten Heumarkt-Turm niedrig zu halten - Vassilakou will Konzept nun "überarbeiten".


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Wien. Die Städte dieser Welt sind höchst unterschiedlich. Während es in Paris eine strikte Order gibt, in der Stadt nicht hoch zu bauen, besteht New York nur aus hohen Türmen. Wien hingegen ist in seinem Masterplan nicht so klar. Die einzelnen Türme auf der Donauplatte wirken verloren, obwohl es dort noch Potenzial für ein Hochhaus-Cluster gebe, wenn man so wollen würde. Doch die Stadtregierung clustert nicht, und so entstehen an mehreren Punkten in der Stadt Hochhäuser-Komplexe, wie etwa die Wienerberg-City.

Der Shopping-Komplex Wien Mitte im 3. Bezirk wurde damals noch in die Knie gezwungen. Aus den geplanten 97 Metern wurden schließlich 70 Meter - nicht zuletzt aufgrund der Kritik der Unesco, dass das Weltkulturerbe Innere Stadt nicht gefährdet werden dürfe. Ein weiteres stark umstrittenes Gebäude ist nun dazugekommen: der geplante Wohnturm direkt neben dem Hotel Intercontinental am Heumarkt. Die Frage, die sich bei all diesen Planungen stellt, ist, wie hoch darf man bauen? Welche Höhe lässt die Stadt zu? Und ist ein Wohnturm, wie er am Heumarkt geplant ist, im Sinne von Wiens Stadtentwicklung?

Klein-Intercontinental

Das Konzept des in Brasilien geborenen Architekten Isay Weinfeld sieht einen 73 Meter hohen Neubau an der Rückseite des Intercontinental, welches 45 Meter hoch ist, vor. Mehrere Bürgerinitiativen haben sich bereits gebildet. Sie kritisieren sowohl die Umsetzung mit möglichem zusätzlichen Verkehrschaos, zu wenig Garagenplätzen und der Verringerung der Fahrspuren auf der Lothringer Straße. Aber sie weisen auch auf einen Spruch hin, welchen die Kommission der Unesco im vorigen Jahr in Kambodscha zu diesem Fall bereits getätigt hat: Österreich werde dringend gebeten, auf keinen Fall höher als der Bestand zu bauen. Nun ist das Hotel 45 Meter hoch, das Konzerthaus noch niedriger und "Wien wurde aufgefordert bis Ende Jänner 2014 den neuen Stand der Dinge zu berichten", gab Gabriele Eschig, Geschäftsführerin der österreichischen Unesco-Kommission, der "Wiener Zeitung" Auskunft. Doch nichts sei passiert, der Turm ist 73 Meter hoch und ist damit höher als der Bestand. "Die nächste Sitzung der 21 Vertreter der gewählten Staaten findet im Juni statt", so Eschig. Dann werde man Wien wohl noch einmal auffordern müssen.

Weltkulturerbe in Gefahr

Sollte die Stadt nicht der Aufforderung der Unesco nachkommen, könnte Wien laut Eschig auf die "rote Liste des bedrohten Weltkulturerbes" gesetzt werden. Man versuche aber, einen Konsens zu finden. "Wien hat die Auflage, über Projekte in den Zonen zu berichten, die Verträglichkeit liegt in der Selbstverpflichtung des Vertragsstaates", sagte die Geschäftsführerin der Unesco-Kommission.

Für die Höhe eines Gebäudes in einer Stadt gibt es keine generellen Richtlinien. Für die Unesco geht es darum, dass das Welterbe nicht beeinträchtigt wird. Dafür sind grob zwei Zonen vorgesehen; die Kernzone (Innere Stadt) und die Pufferzone (schmaler Streifen um die Kernzone). Wien hat sich verpflichtet, darüber zu berichten, was in diesen Zonen geplant ist. Das Komitee entscheidet dann. Dabei geht es jedoch nie ausschließlich um die Höhe von Gebäuden, sondern um die "visual integrity", so Eschig. Auch außerhalb und nicht unbedingt nur visuell könne das Weltkulturerbe beeinträchtigt werden. "Wir hatten eine eigene Mission zu den Windrädern beim Neusiedler See, weil man nicht einer Meinung war, ob diese Windräder das Weltkulturerbe Neusiedler See beeinträchtigen würden", so Eschig. Als Referenz sieht die Unesco die sogenannten Canaletto-Blicke; die vielen Wien-Ansichten des italienischen Malers Bernardo Bellotto, genannt Canaletto. Man müsse gewisse Markierungspunkte berücksichtigen. Eine Stadt müsse gewisse Symmetrien aufweisen, es dürfe nicht alles Kraut und Rüben sein, sagte die Geschäftsführerin. Die Entwicklung der Stadt soll nicht verhindert werden, was aber gelingen müsse, sei eine erträgliche Lösung für alle.

Ein weiteres Projekt wird derzeit von der Unesco begutachtet. Das von der Wien Holding geplante neue Rechenzentrum in der Rathausstraße 1 im 8. Bezirk. Die Befürchtungen der Bürger, dass mit dem Projekt die Sichtachse zum Stephansdom verstellt werden würde, wird derzeit von der Unesco überprüft. "Die Bewohner dort sind nicht sehr glücklich darüber", so Eschig. Allerdings hat Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou bereits festgehalten, dass der Blick erhalten bleibe. Es gehe keine Planung über ihren Tisch, die etwas anderes vorsieht, lässt sie ausrichten.

Warten auf Flächenwidmung

Um Schadensbegrenzung bemüht ist man auch im Fall des sogenannten "besonderen Projekts" -Hotel Intercontinental, Wiener Eislaufverein und Konzerthaus beim Heumarkt. Der Weinfeld-Wohnturm wird derzeit "überarbeitet", hieß es aus dem Büro von Vizebürgermeisterin Vassilakou. Könnte er fallen, bevor er überhaupt noch gebaut werden konnte? Wenn man nach der Wien-Mitte-Lösung greift, hieße das, niedriger, aber dafür breiter. Das könnte auf Kosten der Fläche des Eislaufvereins gehen, was wiederum wohl auch niemand wollen wird.

Auf die neue Lösung der Stadt darf man gespannt sein, immerhin waren auch Vertreter der Regierung in der Jury, die das Projekt des Brasilianers und damit den 73 Meter hohen Turm auswählten. Der Eigentümer, die Immobilieninvestmentfirma Wertinvest, wartet indes auf die Flächenwidmung der Stadt. Vor der nächsten Landtagswahl 2015 rechnet aber ohnehin niemand mit einem Ergebnis. Und danach - könnte es wie im jahrzehntelangen Fall der Shopping-Mall Wien-Mitte auch noch lange dauern.