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Unfriedliche Verhältnisse beim Friedensnobelpreis

Von Alexander U. Mathé

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Zum ersten Mal in der Geschichte der Auszeichnung muss der Komitee-Vorsitzende seinen Stuhl räumen.


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Thorbjørn Jagland hatte als Vorsitzender des Friedensnobelpreiskomitees in Oslo ein Händchen für aufsehenerregende Entscheidungen. Gleich bei der ersten Verleihung des Preises unter seiner Aufsicht im Jahr 2009 erhielt der damals noch nicht einmal ein Jahr im Amt gewesene US-Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis und zeichnet so manch einem Beobachter hochgezogene Augenbrauen aufs Gesicht. Immerhin führten die USA zu jener Zeit noch Krieg in Afghanistan und im Irak. Jagland betonte, dass die Auszeichnung für die Vision des Präsidenten von einer atomwaffenfreien Welt vergeben worden sei. Schon im nächsten Jahr gab es erneut Aufruhr. Da fuhr Peking aus der Haut, nachdem der chinesische Dissident Liu Xiaobo mit dem weltweit beachteten Friedenspreis ausgezeichnet wurde. Seither liegen die Beziehungen zwischen Oslo und Peking praktisch auf Eis. Nun kann man Jagland sicher nicht mangelnde politische Erfahrung vorwerfen. Der 65-Jährige war von 1996 bis 1997 Ministerpräsident von Norwegen und 2000 bis 2001 Außenminister. Vor wenigen Tagen sorgte Jagland erneut für Aufsehen, allerdings nicht unbedingt im positiven Sinne. Zum ersten Mal in der Geschichte des Preises muss mit ihm nämlich ein Vorsitzender des fünfköpfigen Vergabekomitees seinen Stuhl räumen und wird wieder einfaches Mitglied. Seither brodelt es in der Gerüchteküche. Der Sturz sei auf den Machtwechsel in Oslo zurückzuführen, wo seit 2013 Konservative und Rechtspopulisten die Regierung stellen. Das norwegische Parlament entscheidet nach den politischen Mehrheitsverhältnissen über die Zusammensetzung des Komitees und so sei der Sozialdemokrat Jagland abgesägt worden. Allerdings hat ein politischer Machtwechsel bisher noch nie zu einem Wechsel an der Spitze des Komitees geführt. Auch Probleme mit Moskau kursieren. Jagland ist seit 2009 Generalsekretär des Europarates, in dem auch Russland Mitglied ist. Da könne es zu einem Interessenkonflikt kommen, heißt es. Jagland hat in der Ukraine-Krise die Freilassung von EU-Militärbeobachtern und ukrainischen Soldaten verhandelt, die von Separatisten gefangengenommen worden waren. Und da wäre natürlich noch Peking, das Oslo wegen des Dissidenten schneidet. Sollte das jedoch der Grund für den Coup gewesen sein, war es wohl vergebene Liebesmüh. Eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums erklärte, dass sowohl die Haltung Pekings zur Vergabe des Friedensnobelpreises als auch die Beziehungen zwischen China und Norwegen "keinerlei Änderungen unterliegen". Gerechtfertigt sieht Jagland seine Abberufung wohl nicht, der er erklärte, sich zu "beugen". Doch eine Sache dürfte er bereuen: Nach seiner Abberufung erklärt er, es wäre "wirklich nett" wenn Obama seinen Preis zurückgäbe.