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Ungarn 1989: Reformkommunisten machten Weg zur Grenzöffnung frei

Von Harriett Ferenczi

Europaarchiv

Erneuerer um Imre Pozsgay wagten riskanten Schritt. | Budapest. (apa) Es ist 20 Jahre her, dass beim "Paneuropäischen Picknick" nahe Sopron Hunderte DDR-Bürger durch ein Grenztor aus Ungarn in den Westen entkamen. Doch bevor die Illusion eines Blocks kommunistischer Staaten im östlichen Europa endete, nahmen Ungarns Kommunisten 1989 Abschied von der Macht. Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs lockten Marktwirtschaft und westliche Demokratie. Hinter dem Grenzzaun traten Reformkommunisten an zum Sieg über die Neostalinisten.


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Nach harten Flügelkämpfen in der Parteizentrale der kommunistischen Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei in Budapest beschlossen die Reformer die Renovierung der "lustigsten Baracke des sozialistischen Lagers", wie Ungarn damals genannt wurde. Renovierung mit parlamentarischer Demokratie, Rechtsstaat, der Abschaffung des Einparteiensystems. Der sogenannte Gulaschkommunismus des damaligen KP-Chefs Janos Kadar hatte bisher dafür gesorgt, dass sich Ungarn zum liberalsten Land im sowjetischen Einflussbereich in Mittel- und Osteuropa entwickelte.

Imre Pozsgay, damals Politbüromitglied und Staatssekretär, gehörte zu den Chefreformern des Landes. Pozsgay hatte den Mut, die Partei öffentlich Lügen zu strafen: Die Ereignisse des Oktober 1956 seien ein Volksaufstand und nicht - wie bis dahin von der KP behauptet - eine Konterrevolution gewesen. Deswegen hätte die Partei ihre Macht auf der Basis einer "historischen Lüge" ausgeübt. Diese Worte von Pozsgay wurden im Jänner 1989 zum Katalysator der Veränderungen.

Die Legitimität der Kommunisten war erschüttert, der Reformprozess nicht länger aufzuhalten. Es folgte im Februar 1989 die Rehabilitierung von Imre Nagy, dem Ministerpräsidenten des Volksaufstandes von 1956. Imre Nagy wurde 1958 als Hochverräter hingerichtet und verscharrt, dann rund 30 Jahre später als Märtyrer in einem Staatsakt zu Grabe getragen.

Die politischen Ereignisse 1989 waren vor allem durch Kämpfe und Kompromisse zwischen Reformern und Konservativen innerhalb der Kommunistischen Partei bestimmt. Dabei scharten sich die Bremser um Parteichef Karoly Grosz, der den bisherigen Parteichef Janos Kadar ins Ausgedinge geschickt hatte. Zugleich setzten sich die progressiven Kräfte um Pozsgay, Gyula Horn und Premier Miklos Nemeth immer mehr durch. Am Runden Tisch bereiteten die reformkommunistische Führung und die Opposition den Systemwechsel vor. Die neue Meinungsfreiheit breitete sich rasant aus.

Vor dieser Kulisse trafen immer mehr Bürger der damaligen DDR in Ungarn ein und zeigten keine Bereitschaft zur Rückkehr. Für die ungarischen Reformkommunisten bedeutete die Anwesenheit von Zehntausenden DDR-Bürgern ein heikles Problem. Immer noch galt der Vertrag, der Bürgern von Warschauer-Pakt-Staaten die Ausreise in ein Land außerhalb des kommunistischen Machtbereichs untersagte.

Als am 19. August plötzlich Hunderte DDR-Bürger ein Tor durchbrachen und nach Österreich stürmten, wurde die Angespanntheit der Lage endgültig klar. Budapest zeigte Mut und ließ wenige Wochen später die Grenzbalken für die DDR-Bürger aufgehen.