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Ungarn auf der Suche nach Arbeitskräften

Von Peter Stiegnitz

Europaarchiv

Demografen wegen Bevölkerungsstruktur besorgt. | Zuwanderung nötig aber ungeliebt. | Budapest. "Endlich gehören auch wir zur EU. Zumindest was die Demografie betrifft: Auch wir werden immer weniger und immer älter." Halb-zynisch klingen die Wehklagen ungarischer Bevölkerungsexperten. Die knapp zehn Millionen Ungarn werden nicht nur immer älter sondern auch immer weniger, falls Ungarn nicht neue Migranten ins Land holt. Doch genau das will die Bevölkerung nicht, wie es auch in vielen anderen EU-Staaten der Fall ist.


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In Ungarn gibt es heute bereits nur noch etwas mehr Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren (15,9 Prozent) als Ältere über 65 (15,5 Prozent). Allerdings sind fast 70 Prozent noch im berufsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren. Kopfzerbrechen verursacht den Demografen die niedrige Geburtenrate: Sie beträgt 1,3 Kinder pro Frau.

So benötigt auch die ungarische Wirtschaft Zuwanderer. Lange Zeit hoffte man in Budapest auf Arbeitsmigranten aus den Reihen der 2,5 Millionen Ungarn, die in den benachbarten Ländern leben. Vor allem rechnete man mit jungen, gut ausgebildeten Männern aus Siebenbürgen, aus dem alten ungarischen "Erdely".

Stattdessen kamen aus Rumänien Familien mit Kindern und Großeltern, die das Sozial- und Gesundheitsbudget Ungarns belasteten. Auch sonst war die Enttäuschung groß. "Seit fünf Jahren warte ich mit meiner Frau auf eine Wohnung, dafür werden Leute aus Erdely bevorzugt behandelt", klagt Lajos Kovacs, ein 42-jähriger Budapester Bürogehilfe. So werden aus den viel gepriesenen "ungarischen Verwandten" "Leute aus Erdely".

Chinesen statt Ungarn aus Siebenbürgen

Ungarische Bevölkerungs- und Arbeitsmarktexperten rühren dennoch die Trommel für die Zuwanderung. "Um die Bevölkerung auf der Zehn-Millionengrenze zu halten, müssten jährlich 25.000 Zuwanderer nach Ungarn kommen", sagt auch Laszlo Hablicsek, Vize-Direktor des Statistischen Zentralamtes in Budapest. Das bedeutet, dass Ungarn in den nächsten 50 Jahren mehr als eine Million Migranten benötigt; gleichzeitig sollten auch die eine Million Roma und Sinti integriert werden.

Seit dem EU-Beitritt Rumäniens kommen aber kaum noch Siebenbürger ins Land - dafür Zuwanderer aus dem Fernen Osten; vor allem aus China und Vietnam. So wuchs eher unbemerkt die chinesische Gemeinde in Budapest rapid an. Nicht nur unzählige China-Restaurants, sondern nicht minder zahlreiche kleine chinesische Geschäfte, hauptsächlich Lebensmittel- und Textildiskont, sind mittlerweile auch in anderen größeren Städten des Landes zu sehen.

Mit der Erstarkung der chinesischen Gemeinschaften wuchs auch die Ablehnung ihnen gegenüber. Keine andere Volksgruppe - außer die der Roma - wird heute in Ungarn dermaßen abgelehnt wie die Chinesen, die in einem unerbittlichen Verdrängungswettbewerb die einheimische Konkurrenz vom Markt getrieben haben. Bei einer internationalen Befragung bejahten kaum 19 Prozent die Frage "Sind die Migranten nützlich?" In Schweden waren es immerhin 79 Prozent, in Österreich 37 Prozent der Befragten. In der Slowakei finden nur 12 Prozent Einwanderer nützlich.

In Ungarn werden jährlich 15 bis 17 Prozent der Migranten eingebürgert; die Zahl der Ungarn aus Rumänien ist dabei gering. Laut einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstitutes Tarki würde auch nur jeder 20. Mensch aus der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen gerne nach Ungarn auswandern.

Im Gegensatz dazu gibt es immer mehr Dauerpendler. Slowaken verdienen in den nordwestungarischen Betrieben bedeutend mehr als zu Hause. Seit dem EU-Beitritt beider Länder 2004 hat sich die Zahl der Pendler verdoppelt: Sie wuchs auf 20.000 Menschen.