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Unheiliger Intrigantenstadel Vatikan

Von Rainer Mayerhofer

Europaarchiv

Die Zeitung "la Repubblica" erhielt neue Briefe aus dem Vatikan.|Staatssekretär Bertone und Papst-Vertrauter Gänswein im Visier der Kritiker.


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Rom. Paolo Gabriele, der Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., der verdächtigt wird, geheime Dokumente der Öffentlichkeit zugespielt zu haben, sitzt seit gut eineinhalb Wochen in Haft. Die Quellen aus dem Vatikan sind aber trotzdem nicht versiegt. Die römische Zeitung "la Repubblica" veröffentlichte am Wochenende drei neue Dokumente, in denen der umstrittene vatikanische Staatssekretär, Kardinal Tarcisio Bertone und Georg Gänswein, der enge Vertraute des Papstes, heftig angegriffen werden.

"la Repubblica" berichtet, dass der Übersender der Briefe angekündigt hat, noch hunderte weitere Dokumente zu besitzen. Der Kammerdiener sei nicht die einzige Quelle der Indiskretionen und sei nur der Sündenbock. Die Wahrheit sei bei der zentralen Macht zu suchen, im privaten Archiv von Monsignore Gänswein, aus dem ununterbrochen zahlreiche geheime Dokumente zugunsten von Staatssekretär Bertone hinausgehen. "Aber nicht immer laufen die Dinge ordnungsgemäß ab und zwischen Monsignore Georg und dem Kardinal gibt es unkontrollierte Schritte, die die geheimen Briefe und Dokumente durchlaufen", lässt der "Repubblica"-Informant wissen. "Die Dokumente und internen Akten aus der päpstlichen Wohnung zum Amt des Staatssekretärs und auch umgekehrt nehmen manchmal einen anderen Weg und man verliert die Kontrolle über sie."

Erst kurz zuvor war ein Schreiben des früheren Vorsitzenden der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, bekannt geworden, in dem dieser Bertone davon abrät, den Generalsekretär des Governatorats der Vatikanstadt, Carlo Maria Vigano, auf den Posten des Nuntius in Washington abzuschieben. Vigano hatte in Briefen an den Papst Korruptionsfälle angeprangert und sich damit viel Unmut zugezogen. In einem der Briefe Viganos hieß es wörtlich: "Meine Versetzung würde Bestürzung bei jenen hervorrufen, die geglaubt haben, es sei möglich, die vielen Fälle von Korruption und Veruntreuung zu sanieren."

Die Beziehungen zwischen Ruini und Bertone sind seit einiger Zeit wegen eines Streits um das bosnische Marienheiligtum Medugorje angespannt. Die Masse von Gläubigen, die Medugorje jährlich anzieht, wo es angeblich Marienerscheinungen gegeben haben soll, sind ein nicht unerheblicher ökonomischer Faktor. Bertone will deshalb an Medugorje festhalten. Ruini ist gegensätzlicher Ansicht. Er steht an der Spitze einer Kommission, die die Glaubwürdigkeit der Wunder prüfen soll, die dort angeblich geschehen.

Front gegen Kardinal Bertone erhält Zulauf

Ruini, der seine Funktion als Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz vor fünf Jahren abgegeben hat, reiht sich damit in die Front jener Kardinäle ein, die Bertone kritisch gegenüberstehen. Auch sein Nachfolger, Kardinal Angelo Bagnasco, sowie der Erzbischof von Mailand, Kardinal Ettore Scola, und dessen Vorgänger, Kardinal Dionigi Tettamanzi, sowie Kurienkardinal Mauro Piacenza haben sich in den letzten Tagen deutlich von Bertone abgegrenzt.

Bertone, dem der Papst bei seiner Generalaudienz in der Vorwoche trotz aller Kritik sein Vertrauen ausgesprochen hat, ist seit 15. September 2006 Kardinalstaatssekretär im Vatikan, ein Amt, das dem eines Außenministers entspricht. Seit 4. April 2007 ist er auch Kardinalkämmerer und damit für die Finanzangelegenheiten im Vatikan zuständig und damit auch für die Vatikanbank IOR (siehe Bericht links unten).

Die Vatikan-Bank war wegen ihrer undurchsichtigen Geschäfte und Verbindungen mit Mafiakreisen stets ein Zankapfel zwischen höchsten Würdenträgern des Heiligen Stuhles.

In den Siebzigerjahren geriet sie unter ihrem damaligen Leiter, Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, in den Geruch von Mafia-Verbindungen. Marcinkus, der IOR von 1971 bis 1989 leitete, konnte zeitweise den Vatikan nicht verlassen, da in Italien ein Haftbefehl gegen ihn vorlag.

Der Präsident der Mailänder Banco Ambrosiano, Roberto Calvi, mit dem Marcinkus Geschäfte machte, wurde am 18.Juni erhängt unter der Londoner Blackfriars Bridge aufgefunden. Am gleichen Tag stürzte Calvis Sekretärin Graziella Corrocher aus einem Fenster der Bank in Mailand in den Tod. Auch der Mafia-Ban- kier Michele Sindona, ein weiterer dubioser Partner der Vatikanbank, der von den USA an Italien ausgeliefert worden war, starb am 22. März 1986 im Gefängnis, nachdem er eine Tasse Kaffee getrunken hatte, in der das Gift Zyanid aufgelöst war.

Streit um IOR vor dem Tod des lächelnden Papstes

Die Vorgänge in der Vatikanbank waren auch Thema eines heftigen Streits zwischen dem Kurzzeitpapst Johannes Paul I. und seinem Staatssekretär Jean Villot nur wenige Stunden vor dem plötzlichen Tod des "lächelnden" Papstes am 28. September 1978. Die Tatsache, dass es damals keine Obduktion gab, führte seinerzeit sogar zu Mordgerüchten.

Bertone steht aber nicht nur im Zusammenhang mit der Vatikanbank in der Kritik. Zahlreiche Dokumente belegen, dass er ab 1996 auch mit dem Fall des US-Priesters Lawrence C.Murphy befasst war. Der 1998 verstorbene US-Priester, der von 1950 bis 1974 in einer Schule für gehörlose Kinder in Wisconsin tätig war, hatte in den frühen Neunzigerjahren zugegeben, mehr als 200 Kinder sexuell missbraucht zu haben, aber keine Reue zu fühlen.

Der Fall Murphy ist für die Kirche äußerst brisant, weil amerikanische Opferanwälte die Freigabe der Akten aus dem Archiv des Erzbistums Milwaukee erzwungen hatten und Dokumente daraus veröffentlichten. Die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" dokumentierte 2010 die Verstrickung Bertones in den Fall und veröffentlichte ein entsprechendes Geheimdokument, worüber der Vatikan schwer verstimmt war.

Kritik an Gleichstellung Homosexualität-Pädophilie

Bertone war in der Zeit, als Papst Benedikt XVI. noch Präfekt der Glaubenskongregation war, von 1995 bis 2002 dessen Sekretär und übernahm schwierige Aufgaben. Seine Stellungnahmen reizten immer wieder zu heftiger Kritik. So prangerte er etwa den Bestseller von Dan Brown "Sakrileg" öffentlich an und rief die Gläubigen dazu auf, dieses Buch nicht zu lesen. Auch eine Äußerung, in der er Pädophilie mit Homosexualität gleichsetzte, stieß weltweit auf Unverständnis und Ablehnung.