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Universalgelehrter oder Dilettant?

Von Markus Knell

Reflexionen
Vielseitig interessiert: Robert Eisler (1882-1949), hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1932 (Ausschnitt).
© ullstein bild

Eine Erinnerung an den österreichischen Nationalökonomen und Religionshistoriker Robert Eisler.


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Es war im Gefolge der Finanzkrise von 2008/2009, dass ich erstmals auf Robert Eislers Namen gestoßen bin. Damals sah man die Gefahr einer deflationären Entwicklung heraufdämmern und unter den vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen stach eine als besonders radikal hervor. Das Kernstück dieses Vorschlags war die Einführung einer "dualen Währung", also eines Wechselkurses zwischen Buch- und Bargeld, wodurch nach Meinung der Befürworter eine flexiblere Zinspolitik möglich wäre.

Als Urheber dieser kontroversiellen Idee wurde dabei meist auf den mir damals völlig unbekannten Robert Eisler verwiesen, der etwa von Kenneth Rogoff in seinem Buch "Der Fluch des Geldes" (2016) als "Weltwirtschaftskrisenökonom" bezeichnet wurde. Diese Titulierung wird der vielschichtigen Persönlichkeit von Robert Eisler allerdings nicht gerecht, wie ich mittlerweile weiß, da dieser in seinen biographischen Besonderheiten und in seiner Vorliebe für thematische Abseitigkeiten durchaus Borges’sche Züge aufweist.

Wenn man heute über Leben und Werk Robert Eislers besser Bescheid weiß als noch vor zehn Jahren, so hat man das Brian Collins und seiner Biographie "Robert Eisler and the Magic of the Combinatory Mind. The Forgotton Life of a 20th-Century Austrian Polymath" (Palgrave Macmillan Cham, 2021) zu verdanken. Brian Collins, ein Professor für indische Religion und Philosophie an der Ohio University, wurde dabei nicht durch die geldpolitischen Schriften auf den Autor aufmerksam, sondern vielmehr durch Eislers letztes Buch, "Man Into Wolf: An Anthropological Interpretation of Sadism, Masochism and Lycanthropy" (1951), das er zufällig in einem Antiquariat entdeckt hatte.

Eisler-Biograph Brian Collins.
© Ohio University

In dem kurz vor Eislers Tod erschienenen Werk verwendet dieser Elemente der Archetypenlehre von C.G. Jung, um aus den in vielen Kulturen bestehenden Werwolf-Mythen indirekte Informationen über die menschliche Urgeschichte abzuleiten. Das Buch ist nicht nur in Inhalt und Tonfall ungewöhnlich, sondern auch in seinem Aufbau: 30 Seiten Text, 200 Seiten Endnoten (die erste - dem Marquis de Sade gewidmet - umfasst dabei rund 12 Seiten und hat selber wiederum fünf Fußnoten) und fünf Appendizes. Durch den Fund dieses seltsamen Buchs angestachelt, hat Collins mit seiner Recherchearbeit begonnen, deren Ergebnisse in der Biographie vorliegt.

Robert Eisler wurde im Jahr 1882 als ältestes von vier Kindern des aus Böhmen zugewanderten Hornfabrikanten Fritz Eisler und der einer sehr wohlhabenden Bankiersfamilie entstammenden Melanie Reitzes geboren. Nach der Matura am Wiener Wasa-Gymnasium begann Eisler ein Studium der Volkswirtschaftslehre, das er mit der Arbeit "Studien zur Werttheorie" abschloss. In dieser (von Brentano und Mach beeinflussten) Arbeit ging er über die Inhalte der Begründer der "Grenznutzenschule" hinaus und versuchte auch ethische und ästhetische Werte in eine allgemeine Theorie zu integrieren.

Nach Erhalt seines Doktorats in Volkswirtschaftslehre unternahm Robert Eisler ausgedehnte Reisen durch Italien und den Mittelmeerraum, und kehrte 1905 nach Wien zurück, um ein zweites Doktorat in Kunstgeschichte (bei Alois Riegl) zu erwerben.

Im Zuge dieser kunsthistorischen Reisen kam es zu einem Zwischenfall, der Eislers weitere Karriere behindern sollte. Im Jahre 1907 wurde er beschuldigt, einen Kodex aus der Bibliothek des erzbischöflichen Palastes in Udine entwendet zu haben. An dem nachfolgenden Prozess, der auch in der österreichischen Presse einige (von antisemitischen Untertönen begleitete) Aufmerksamkeit erlangte, wurde eine Reihe an prominenten Persönlichkeiten (etwa Hugo von Hofmannsthal) aufgeboten, die den untadeligen Charakter Robert Eislers bezeugen sollten.

Das Urteil fiel milde aus und Eisler konnte nach Prozessende nach Österreich zurückkehren. Der Vorfall blieb aber ein Thema des wissenschaftlichen "Tratsches" (so unterhielt sich etwa C.G. Jung noch im Jahre 1953 mit Mircea Eliade darüber) und dürfte das Fortkommen Robert Eislers in der wissenschaftlichen Welt erschwert haben.

Genial-falsche Lösungen

1908 heiratete Robert Eisler die österreichische Baronin Rosalie "Lili" von Pausinger, eine Tochter des bekannten Landschafsmalers Franz von Pausinger (der den Kronprinzen Rudolf auf dessen Asienreisen begleitet hatte) und konvertierte dafür zum katholischen Glauben (bezeichnete sich selbst allerdings als Agnostiker). Zwei Jahre später publizierte er sein erstes umfangreiches Werk, die zweibändige kulturgeschichtliche Untersuchung "Weltenmantel und Himmelszelt" (1910).

Der Religionshistoriker und Judaist Gershom Scholem, 1935.
© The Times of Israel, Public domain, via Wikimedia Commons

Dieses Werk war später auch die Grundlage für einen Eintrag im Vorlesungsverzeichnis der von Walter Benjamin und Ger-shom Scholem begründeten fiktiven Universität Muri, wo es heißt: "Prof. Robert Eisler: Geschichte des abendländischen Paganismus von Papageno bis Paganini; ders.: Damenmantel und Badezelt". Der Judaist Gershom Scholem ist dabei auch einer der wenigen Zeitgenossen, der Erinnerungen an Robert Eisler zu Papier gebracht hat, die allerdings ambivalent ausfallen: "Eisler war einer der phantasievollsten und, wenn man seinen unvorstellbar gelehrten Schatz an Zitaten in seinen Büchern ohne Nachprüfung ansah, gebildetsten Religionshistoriker. Er hatte für alle großen ungelösten Probleme genial-falsche Lösungen der überraschendsten Art bereit."

In den Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges unternahm Robert Eisler verschiedene Versuche, seine Karriere voranzutreiben, die aber allesamt wenig glücklich verlaufen sollten. Eine universitäre Laufbahn schien ihm aufgrund des Vorfalls um den Kodexdiebstahl ("auf ihm lastet aber das Odium einer jugendlichen Verfehlung", wie Albert Einstein es in einem Brief ausdrückte) und wohl auch aufgrund der grassierenden antisemitischen Stimmung verwehrt.

Kurze Annäherungen

Das Familienvermögen war durch Krieg und Hyperinflation zwar geschrumpft, erlaubte aber vorerst immer noch die Verfolgung eigenständiger Projekte. So gründete Eisler 1918 eine Gesellschaft zur Erforschung der Kabbala, in deren Schriftenreihe (als einzige Beiträge) auch die beiden ersten Bücher Gershom Scholems veröffentlicht wurden. Auf der anderen Seite entwickelte Eisler in diesen Jahren auch ein patentiertes Verfahren zur Herstellung von glaslosen Diapositiven. In dem dafür gegründeten Verlag der Diatypie sollte jedoch abermals nur ein einziges Buch erscheinen - sein eigenes Werk "Das Geld. Seine geschichtliche Entstehung und gesellschaftliche Bedeutung".

In weiterer Folge suchte Eisler auch den Kontakt zu bestehenden außeruniversitären intellektuellen Zirkeln, etwa dem Warburg-Kreis in Hamburg und der Eranos-Gruppe in der Schweiz. In beiden Fällen war diese Annäherung allerdings nur von kurzer Dauer. So hielt er 1922 in der Bibliothek Warburg einen Vortrag zu "Orphische und altchristliche Kultsymbolik", der wohlwollend aufgenommen wurde. Dennoch sollte sich keine engere Verbindung entwickeln, nicht zuletzt, weil Aby Warburg selber dem wissenschaftlichen Zugang Eislers mit Skepsis gegenüberstand und solchen "schamlosen Dilettanten" am Institut keine Bühne bieten wollte.

Ähnlich verhielt es sich bei seinen Kontakten mit der von C.G. Jung gegründeten Eranos Konferenz. Eisler wurde 1935 zum jährlichen Treffen nach Ascona eingeladen und hielt einen Vortrag zum "Rätsel des Johannesevangeliums". Abermals sollte sich der Kontakt aber - trotz anfänglichen Interesses - nicht verfestigen.

Robert Eisler auf einem undatierten Foto (Abraham Schwadron Collection, Israelische Nationalbibliothek).
© gemeinfrei,via Wikimedia

Mitte der 1920er Jahre ergab sich für Robert Eisler eine überraschende Wendung in seiner beruflichen Laufbahn. Über die Vermittlung eines britischen Altphilologen wurde er zum stellvertretenden Leiter des Institut International de Cooperation Intellectuelle bestimmt, eines dem Völkerbund angegliederten Instituts mit Sitz in Paris. Aber auch diese Stellung stand von Beginn an unter keinem guten Stern, da es Eisler verabsäumt hatte, zuerst die Erlaubnis der österreichischen Regierung zur Übernahme der Position einzuholen, und diese eine offizielle Beschwerde beim Völkerbund einbrachte.

Obwohl Eisler aus diesen Gründen sein Amt zwei Jahre später wieder aufgeben musste, nützte er die Zeit für intensive Forschungs- und Vortragstätigkeiten. Seine besondere Aufmerksamkeit galt in dieser Zeit einerseits diversen Arbeiten zum christlichen Ursprung, andererseits den anfangs erwähnten ökonomischen Studien, die er auch vor dem britischen Parlament und dem US-Senat präsentieren durfte.

Ein Leben als Fußnote

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten stellte - wie für so viele - auch im Leben Robert Eislers eine tragische Zäsur dar. Nach eigener Aussage hatte er sich zur Zeit des "Anschlusses" auf sicherem englischen Boden befunden, kehrte aber in Verkennung der Umstände unvorsichtigerweise nach Österreich zurück. Dort wurde er im Mai 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau und in weiterer Folge nach Buchenwald gebracht, wo er schweren Misshandlungen ausgesetzt war, die einen Gehörverlust und eine Herzerkrankung zur Folge hatten. Nach zahllosen Interventionen seiner Frau Lili und einiger Bekannter ist er schließlich im Juli 1939 freigekommen und konnte nach England zurückkehren.

Die Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren schwierig. Eisler konnte keine feste universitäre Beschäftigung erlangen und letztlich sorgte seine Frau durch eine Anstellung als Dienstmädchen für den Familienunterhalt. Trotz seines sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustandes war Eisler weiterhin publizistisch aktiv und veröffentlichte zahlreiche Artikel, etwa ein Buch über Astrologie und das bereits erwähnte Werk über den Werwolf-Mythos. Am 17. Dezember 1949 starb Robert Eisler in London.

Es wird sich weisen, ob die Veröffentlichung der Biographie von Brian Collins ein breiteres Interesse an Eislers Werk wecken wird. In jedem Fall aber sollte die späte Wiederentdeckung dazu beigetragen haben, die Erinnerung an eine faszinierende Forscherpersönlichkeit wach zu halten - und sei es, wie er selbst einmal schrieb, auch nur als Fußnote: "The time comes all too soon when nothing is left of a scholar’s life-work - even if he has been a martyr of his quest for the Truth - but a footnote, at best a footnote trailed along from book to book." (Robert Eisler, 1938).

Markus Knell studierte Philosophie, Soziologie und Ökonomie, war an der Universität Zürich tätig und arbeitet als Wirtschaftswissenschafter in Wien.