Unmenschlich heiß

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Klimawandel bringt jedem Dritten für Menschen unübliche Temperaturen.


Die derzeitige Klimapolitik wird dazu führen, dass mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2100 bei Temperaturen wird leben müssen, die für die menschliche Existenz unüblich sind. Das zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, die im Fachblatt "Nature Sustainabilty" veröffentlicht sind. Die Schätzung des Wissenschafterteams fußt auf der prognostizierten Erwärmung um 2,7 Grad Celsius. Bei einem Temperaturanstieg von nur 1,5 Grad Celsius, wie es im Pariser Abkommen festgeschrieben ist, wären 14 Prozent betroffen. Bis dato wurden durch den Klimawandel 600 Millionen Menschen aus der "menschlichen Klimanische" gestoßen.

Als "menschliche Klimanische" hat das Forscherteam um Timothy Lenton von der University of Exeter jenen Temperaturbereich definiert, in dem Menschen in der Vergangenheit mehrheitlich lebten. Dort können zum Beispiel Nutztiere gehalten werden und Nutzpflanzen sprießen. Die größte Bevölkerungsdichte herrscht an Orten mit einer Durchschnittstemperatur von etwa 13 Grad Celsius. Die Dichte von Ackerbau und Viehzucht folgt ähnlichen Mustern, heißt es in der Studie. Auch der Wohlstand erreicht seinen Höhepunkt bei etwa 13 Grad Celsius Durchschnitt. Wiederum steigt die Sterblichkeit sowohl bei höheren als auch niedrigeren Temperaturen. An der Studie war auch Caroline Zimm vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg beteiligt.

Die Forscher untersuchten bei unterschiedlichen Klimaszenarien, wie viele Leute zur nächsten Jahrhundertwende in Regionen mit Temperaturen jenseits dieser menschlichen Klimanische angesiedelt sein werden. Bei der derzeit wahrscheinlichsten Temperaturentwicklung (plus 2,7 Grad Celsius im globalen Mittel) wäre dies ein Drittel von neun Milliarden Menschen, die dann laut Prognosen die Erde bewohnen. Je 0,3 Grad Celsius vermiedenem Temperaturanstieg wären 350 Millionen Menschen weniger betroffen. Würde das Ziel des Paris-Abkommens erreicht, die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken, wären es "nur" 14 Prozent. Das Leben außerhalb der "menschlichen Klimanische" würden vermehrt Krankheiten und eine erhöhte Sterblichkeit bedeuten, erklären sie.

Existenzielles Risiko

In "Worst-Case-Szenarien" von 3,6 oder sogar 4,4 Grad Celsius globaler Erwärmung könnte die Hälfte der Weltbevölkerung aus der Klimanische herausfallen, was die Forscher als "existenzielles Risiko" bezeichnen. "Die Kosten der globalen Erwärmung werden oft in finanzieller Hinsicht ausgedrückt, aber unsere Studie verdeutlicht die phänomenalen menschlichen Kosten, die entstehen, wenn der Klimanotstand nicht angegangen wird", betont Tim Lenton, Direktor des Global Systems Institute. "Für jede Erwärmung um 0,1 Grad über dem derzeitigen Niveau werden etwa 140 Millionen Menschen mehr einer gefährlichen Hitze ausgesetzt sein.

Geht man von einer zukünftigen Bevölkerung von 9,5 Milliarden Menschen aus, so wäre Indien bei einer globalen Erwärmung von 2,7 Grad Celsius mit rund 600 Millionen Menschen am stärksten gefährdet, wie ein weiteres Studienergebnis zeigt. Nigeria hätte demnach bei einer solchen Erwärmung die zweitgrößte hitzeexponierte Bevölkerung mit mehr als 300 Millionen Menschen. In Indien und Nigeria gebe es bereits Hotspots mit gefährlichen Temperaturen. In Ländern wie Burkina Faso und Mali würde es zu fast 100 Prozent gefährlich heiß für den Menschen. Auch die exponierte Landfläche würde massiv zunehmen. Gefährdet sind dabei vor allem Brasilien, Indien und Australien.(gral)