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Unruhe vor dem Sturm

Von WZ-Korrespondentin Veronika Eschbacher

Politik

An der US-Westküste wächst die Angst vor einem Angriff Nordkoreas. | Das zeigt sich auch in einer erhöhten Nachfrage nach Atombunkern.


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Los Angeles. Vor vier Jahren musste Ventura County einiges an Spott und Häme über sich ergehen lassen. Die Behörden des kalifornischen Bezirks nordwestlich von Los Angeles hatten, mehr oder weniger aus heiterem Himmel, einen 243-seitigen Notfallplan für Nuklearangriffe herausgegeben und zugleich eine Informationskampagne gestartet.

In einem dazugehörigen Video mit dem Titel "Noahs Arche" läuft ein junger Mann fröhlich die Straße entlang, als in den Bergen hinter ihm eine Bombe explodiert und eine pilzähnliche Wolke den Himmel verdunkelt. Erst erschrickt er, doch dann hält er plötzlich eine Gitarre in den Händen und singt: "Oh nein, sie ist explodiert, die Wolke ist am Himmel - jetzt ist Schluss mit Spaß, kein Rumlaufen mehr, ihr müsst alle rein." Mit Cheerleadern, Männern in Anzug und mit Aktentaschen, Läuferinnen und einem Kalb sitzt er schließlich eng gedrängt in einem Haus und starrt auf einen TV-Bildschirm. Immerhin lautet die Anweisung der Behörde: "Geh hinein, bleib drinnen und mach die Nachrichten an."

Hauptinitiator und Mitverfasser des Notfallplans, der von einem Atombombenabwurf auf Los Angeles als Grundszenario ausging, war Robert Levin, der Amtsarzt des Bezirks. Auch er wurde damals belächelt. Heute hingegen, nach Monaten der immer weiter eskalierenden Rhetorik zwischen den USA und Nordkorea, ist Levin gefragter Interviewpartner bei kalifornischen Fernseh- und Radiostationen.

Auf keinen FallHaarbalsam verwenden

Gebetsmühlenartig wiederholt er dieselben Tipps: Sofort in das nächste Gebäude laufen, nicht versuchen, mit dem Auto radioaktivem Niederschlag davonzufahren, die Kinder nicht von der Schule abholen, da sie dort besser aufgehoben sind. Wer kontaminiert wurde, soll die äußeren Kleidungsschichten ablegen, in mindestens zwei Plastiktaschen verpacken und idealerweise duschen. Die Haare mit Shampoo waschen, aber keinen Haarbalsam verwenden, denn dieser binde radioaktives Material.

Heute wird in Kalifornien nicht einmal mehr über das Detail mit dem Haarbalsam gelacht. Vielmehr hat sich Unbehagen breitgemacht. Die Fortschritte im Atomwaffenprogramm von Pjöngjang und die gegenseitigen scharfen Drohungen sind Thema in sonntäglichen Predigten, in denen Pastoren für Vernunft und Frieden beten. In Kaffeehäusern öffnen Jugendliche auf ihren Laptops die "Nukemap", die Website eines Harvard-Professors, auf der man verschiedenste Atomwaffen - darunter drei von Nordkorea getestete - auf US-Städte abwerfen und sich die Folgen ansehen kann. Sogar bei Babyparties wird zwischen den Wünschen für die werdende Mutter und dem Auspacken von Stramplern über mögliche Ziele einer nordkoreanischen Atombombe gerätselt. Ein urbanes Zentrum wie Los Angeles? Oder ein militärisches Ziel wie die Pazifikflotte in San Diego mit 80 Kriegsschiffen und 400 Flugzeugen, oder das große Trainingscamp des US-Marinekorps mit tagsüber 70.000 Militärs und Zivilisten etwas nördlich davon? Oder doch eher die Wirtschaftsader der Westküste, die gleich nebeneinanderliegenden Häfen von Long Beach und Los Angeles?

Dass die Sorgen der Kalifornier real sind, ist auch im Auftragsbuch von Ron Hubbard abzulesen. Der Eigentümer von Atlas Survival Shelters im Osten von Los Angeles bietet 19 verschiedene Arten von Schutzbunkern an und hat eben eine zweite Produktionsstätte in Texas eröffnet. Sein Umsatz hat sich im Vergleich zum Vorjahr verzehnfacht, seine Lager sind praktisch leer. "Aktuell nennen alle meiner Kunden Nordkorea als Hauptgrund, warum sie sich einen Bunker anschaffen wollen", erzählt Hubbard und stopft rasch einen Prospekt für den "Bombnado", ein Hybrid-Schutzraum gegen Tornados und Atombomben, in ein Versandkuvert.

Die vergangenen Jahre hatte Hubbard vor allem wohlhabende, republikanisch gesinnte Kunden, die Angst davor hatten, die Terrormiliz Islamischer Staat könnte eine schmutzige Bombe in die Finger bekommen - oder die die Schutzkeller in Waffenräume umfunktionierten aus Besorgnis, eine demokratische Präsidentin Hillary Clinton könnte ihnen ihre Schießprügel per Gesetz wegnehmen. "Heute kaufen alle bei mir", sagt Hubbard, als er über das Fabriksgelände führt. "Demokraten, Republikaner, Wohlhabende, normale Arbeiter. Wir sind zurück in den 1960er Jahren."

Die kleineren seiner Bunker für rund 20.000 Dollar inklusive Installation sind gut acht Quadratmeter groß, ausgestattet mit zwei Stockbetten, einer Couch, einer Toilette und einem Luftfiltersystem. Unter dem Boden gibt es zusätzlichen Lagerraum für Wasser und Vorräte. Sie werden zumeist unter der Garage gebaut, manche Kunden wollen aber auch Zugänge direkt von ihrem Schlafzimmer. "Hey, du musst dich mit dem hier beeilen, ich muss den morgen nach San Diego liefern", ruft Hubbard im Vorbeigehen einem seiner Arbeiter zu, der gerade den Innenraum von einem großen Wellblech-Bunker mit weißer Farbe aussprüht.

Im Luxusbunker gibt esWohnzimmer und Bad

Die größeren Bunker wiederum werden gut sechs Meter unter der Erde meist im Garten hinter dem Haus eingesetzt, sie haben zwei Schlafzimmer, ein großzügiges Wohnzimmer mit Essbereich, Badezimmer mit Dusche und zwei Ausgänge. "Ich stelle mir vor, dass die Schutzkeller in den 1950ern und 60ern dunkel, karg und feucht waren", sagt Hubbard, als er die dick gepolsterte Ledercouch im Bunker auszieht und die Beine ausstreckt. "Die Bunker von 2017 sind im Vergleich dazu eine Fahrt in einer Luxuslimousine."

Da die Eskalation kein Ende nimmt - US-Präsident Donald Trump sprach zuletzt nach einem Treffen mit ranghohen US-Generälen kryptisch von einer "Ruhe vor dem Sturm", was Spekulationen über einen Angriff auf das Regime von Kim Jong-un auslöste -, kramen mittlerweile auch kalifornische Behörden außerhalb von Ventura County ihre Notfallpläne wieder hervor. Laut "Foreign Policy" wurde vom Joint Regional Intelligence Center in Los Angeles, das üblicherweise geheimdienstliche Informationen zu Terrorangriffen im Raum Los Angeles koordiniert, ein 16-seitiges Dokument an diverse offizielle Stellen versendet. Dieses fordert die Behörden auf, sich mit ihren Notfallplänen für Nuklearvorfälle vertraut zu machen.

Sonst versuchen die Behördenvertreter aber, die Öffentlichkeit zu beruhigen: Solche Dokumente seien lediglich eine Erinnerung daran, für jede Art von Vorfall gerüstet zu sein.