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"Unser Land gehört uns allen"

Von Stefan Beig

Politik
Wir schaffen unser Amerika: "Das Pathos ist kitschig, hat aber etwas Beeindruckendes."
© © © Ariel Skelley/CORBIS

Migranten fühlen sich in den USA trotz sozialer Nachteile schneller zugehörig.


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"Wiener Zeitung": Migranten identifizieren sich laut Studien in den USA schneller mit ihrem Aufnahmeland als in Europa. Warum?Kenan Güngör: Geschichte, Mentalität und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sind in den USA anders. Bei der Landeroberung und Kolonisierung konnten Zuwanderer auf keinen steuernden Staat zurückgreifen. Sie waren auf sich als lokale Gemeinschaften angewiesen. Die Frage war weniger "Was tut der Staat für uns?" als "Was müssen wir als Gemeinschaft für uns selber tun?" Diese Skepsis gegenüber staatlicher Regulierung blieb bis heute, siehe die Debatte zu Gesundheitsreform und Steuererhöhungen. Der wichtigste Punkt ist: Die USA sind ein klassisches Einwanderungsland. Von vornherein war klar: Wer hinkommt, bleibt dort. Fast alle Kolonien haben ihre Communitys dort gegründet. Man wollte die Herkunftsidentität nicht über Bord werfen, sondern weiterleben lassen.

Ändert sich damit auch die Einstellung zu Zuwanderung?

Für die Amerikaner ist Zuwanderung nicht etwas Fremdes. Es betrifft ihre ureigene Geschichte und Identität, ihr Kernverständnis über das, was sie sind: eine Nation von Einwanderern. Die Europäer sehen in Einwanderung etwas Fremdes, das nicht dazu gehört, mit dem sie aber irgendwie auskommen müssen.

Freilich verlief die Zuwanderung in die USA alles andere als friedlich.

Die Kolonisierung Amerikas ging mit dem Genozid an 20 Millionen Ureinwohnern einher. Die danach einsetzende Einwanderung und Integration war deutlich konflikt- und gewaltreicher als im Europa der letzten 50 Jahre. Alle drei großen Zuwanderungsströme in die USA haben zu gesellschaftlichen Gegenreaktionen geführt.

Wenn eine Gruppe stärker wurde, löste das starke Ängste bei anderen aus. Zuerst gab es mehr das angelsächsisch-protestantische Amerika und eine starke Phobie gegen Deutsche. Später folgten massive Vorbehalte gegen Iren, Italiener und Katholiken allgemein - "Gilt eure Loyalität uns oder dem Vatikan?" Aktuelle Debatten, wie "Gehört ihr zu uns oder zu Eurem Heimatland?", sind hier vordiskutiert.

Auch die Zuwanderung nach Europa verlief konfliktreich.

Zunächst wäre es weltfremd anzunehmen, bei einem Kontinent, der sich mehr als Auswanderungs- denn als Einwanderungskontinent wahrgenommen hat, würde die starke Zuwanderung der letzten 50 Jahre keine Irritationen, Konflikte und Gegenreaktionen bewirken. Zumal es - anders als in den USA - kein politisches Verständnis dafür gab, eine Einwanderungsgesellschaft zu werden. Unsere Gesellschaften brauchten zwar die Zuwanderung, emotional wollten sie diese aber nicht. Mit diesem Grundwiderspruch haben wir bis heute zu kämpfen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass rechtspopulistische Parteien ein Unbehagen aufgreifen und instrumentalisieren.

Aber: Wir hatten kaum ethnische oder religiöse Gewalt, die Konflikte finden in sehr eingehegten Kontexten statt. Die bitteren Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg lösten einen massiven Zivilisierungsschub aus, der Gewalt geächtet und einen sensibleren Umgang mit Minderheiten gefördert hat. Das war ein starker Faktor dafür, dass es in Westeuropa nicht blutige Übergriffe auf Minderheiten gab, die hier vorher eine lange Tradition hatten.

Vor 100 Jahren wurden in den USA an einigen Unis, Schulen, Spitälern Juden nicht zugelassen. Doch viele wurden überzeugte Amerikaner.

Der amerikanische Nationalismus ist, abseits aller ethnischen Spannungen, inklusiv. Der Narrativ besagt: "Egal, wo wir hergekommen, wir sind ein Land, das zu einer Nation zusammenwächst. Wir werden unser Amerika schaffen. Du bist ein Teil davon." Jeder soll sich möglichst schnell als Eigentümer des Landes sehen und Verantwortung übernehmen. Das Wort "Migrationshintergrund" gilt nur für die erste Generation, die Bezeichnung "zweite Generation" kennt man nicht, ebenso wenig die sichtbare Ausgrenzung: Ob Asiaten oder Mexikaner - das Aussehen entscheidet nicht über das Fremd-Sein. In Europa sagt man: "Integriert euch, ohne dazuzugehören. Wir sind die Etablierten, ihr die Gäste, die wir bestenfalls aufnehmen." Die äußere Ähnlichkeit der Altetablierten in Hautfarbe und Aussehen macht visuelle Fremdzuschreibungen im Alltag noch viel signifikanter.

Gibt es Mechanismen dieser Inklusion in den USA?

Die USA wollen durch Attraktivität punkten, durch den "american way of life". Es gibt einen empathischen, extrovertierten Nationalismus. Das Pathos ist kitschig, hat aber etwas Beeindruckendes und wird in Schulen gefördert. Ich kenne Kurden und Türken aus ein und derselben Region, die nach Deutschland, Österreich und in die Vereinigten Staaten migriert sind. Nach 20 Jahren sind sie in den USA stark amerikanisiert, hier sind sie noch nach 50 Jahren großteils Türken und Kurden.

Über das limbische System findet die sozio-emotionale Inklusion statt. Identitätsfragen haben ganz stark eine emotionale Dimension. Das unterschätzen wir völlig. In den USA fühlen sich auch Zugewanderte, die in Sozialsystem und Arbeitswelt schlecht integriert sind, als Amerikaner. Dafür fühlen sich bei uns auch sozio-ökonomisch gut integrierte Migranten emotional nicht zugehörig. Das kann nicht verordnet werden; hier kann man vielleicht etwas von den Amerikanern lernen.