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Unsere Habgier - unser Asylproblem

Von Gastkommentar von Lisa Stein

Gastkommentare

Im Umgang mit Afrika wird gerne vertuscht - vom deutschen Völkermord ab 1904 bis zur Unterstützung von Diktatoren 2015.


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Papst Franziskus mahnte, den Völkermord an den Armeniern nicht zu vergessen. So weit so richtig. Der Papst sprach vom "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts". Moment einmal, war da nicht schon vorher etwas? Was ist mit dem Völkermord von 1904 bis 1908 in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia)? Dabei wurden rund 90.000 Menschen durch die deutsche Kolonialmacht getötet - ein Anteil von etwa 80 Prozent des Herero-Volkes. Als Völkermord benannt hat die deutsche Regierung diesen Genozid bis heute nicht. Ist der wirklich nicht der Rede wert?

Mitnichten ist Afrika von Europa vergessen. Aber gerne wird dieses und jenes vertuscht, denn wie stünde es um unsere Wirtschaft, würde Afrika sich tatsächlich emanzipieren? "Ohne Afrika würde Frankreich in den Rang eines Drittweltlandes abrutschen", sagte der frühere französische Präsident Jacques Chirac einmal und meinte damit: ohne die Ausbeutung. Frankreich hat bis heute seine Schuld nicht aufgearbeitet: seine Diebstähle, Morde, Misshandlungen und Ausbeutungen in der Kolonialzeit. Und Deutschland hat sich für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika nicht entschuldigt.

Konzentrationslager in Afrika

Im Gedenken an den Holocaust, das schlimmste Verbrechen, das man sich wohl vorstellen mag, ist die Rede von ermordeten Juden, Behinderten, Homosexuellen, Sinti, Roma - kaum einer weiß aber, dass 1932 in Berlin 24.000 Personen afrikanischer Herkunft, viele davon Deutsche, lebten. Auch sie fielen dem Holocaust zum Opfer. Wann wird ihrer gedacht? Jahrzehnte vor dem Zweiten Weltkrieg gab es schon in Deutsch-Südwestafrika Konzentrationslager, die Bevölkerung wurde ihres Landes beraubt und brutal vernichtet. Und für "rassenanatomische Untersuchungen" schickten die deutschen Kolonialherren Schädel ihrer Opfer an deutsche Universitäten: Freiburg, Frankfurt, Dresden, Berlin und andere. Erst ein Institut hat Namibia die Überreste der Opfer zurückgegeben. Zweierlei Maß also, wenn es um Konzentrationslager einerseits in Deutsch-Südwestafrika und andererseits in Dachau geht.

Das unterdrückte Potenzial

Große Industrienationen, die den Unterschied zwischen "Deines und Meines" nicht kennen - so sieht es auch heute noch aus: Die EU sicherte sich kürzlich erst Fischerei-Rechte im Senegal, Europa und China kaufen die Äcker des von Hunger bedrohten Äthiopien - um Blumen anzubauen. Einheimische Fischer, Kleinbauern und Hirten können sich nicht gegen die Staatsmächte wehren.

Afrika ist reich an Rohstoffen wie Gold, Diamanten, Uran, Erdöl, Erdgas, Kohle, Kobalt; Afrika hat immenses Wachstumspotenzial in der Agrarwirtschaft. Mitteleuropa steht im Vergleich bescheiden da: Unser Hauptkapital ist Bildung. Die Schere zwischen Arm und Reich könnte kaum größer sein, und das ist bei diesem Ressourcen-Vergleich ein Paradox. Würden sich afrikanische Länder auf ein ähnliches Bildungsniveau entwickeln wie wir, dann bekämen wir ernsthafte Konkurrenz. Wollen wir das - oder ist es aus Sicht der westlichen Staaten bequemer, Afrika klein zu halten?

Frankreich zum Beispiel unterstützt noch immer ehemalige Kolonien wie Kamerun, Gabun und Togo militärisch, für den Fall, dass die Stabilität der Diktaturen gefährdet wird. Im Gegenzug haben die Franzosen vorrangigen Zugang zu Rohstoffen wie Diamanten, Erzen, Uran, Gas- und Ölvorkommen. Ein Beispiel von vielen.

Spendenaufrufe zur Weihnachtszeit für notleidende afrikanische, Kinder, Kopfschütteln darüber, wie schlecht es um Afrika bestellt ist, Berichte über Ebola. Das kennen wir. Aber denken wir auch weiter? Nicht unsere Großzügigkeit, keine Entwicklungsgelder oder Spenden sind es, die dieser so hoffnungslos scheinende Kontinent am dringendsten benötigt. Was Afrika zu seiner Befreiung braucht, ist, dass unsere Regierungen und unsere Wirtschaft ihre unsichtbaren Finger aus dem Spiel nehmen, und dass der Westen die Dinge beim Namen nennt: Der Kolonialismus hat noch kein Ende gefunden.

Fehlende Sozialsysteme, Korruption, Diktaturen, die sich über Generationen halten, zu hohe Geburtenraten, Analphabetismus - all das sind bekannte Probleme Afrikas. Dass Entwicklungsgelder versickern, wird gerne breitgetreten: "Man weiß ja nicht, ob es wirklich ankommt." Warum? Die eine und einzige Wahrheit wird es auch hier nicht geben.

Aber: Viele der großen Leiden Afrikas können mit der postkolonialen Haltung des Westens und mittlerweile auch Chinas beantwortet werden. Diktaturen werden unterstützt und bestochen, die Bevölkerung wird um Rohstoffe, Gesundheit und Bildung betrogen. Heute wie damals. Damit Afrika sich aber nachhaltig entwickeln und aus seiner Unmündigkeit emanzipieren kann, muss der Westen seine Doppelmoral aufgeben.

Die Würde des Menschen

Das Problem holt uns ein: in Form von tausenden Flüchtlingen aus Afrika, die über das Mittelmeer nach Europa kommen. Die europäische Politik scheint überfordert, ebenso die Bevölkerung. Darüber dabattiert und berichtet wird in der Öffentlichkeit aber vor allem oberflächlich und einseitig: Themen sind die Bekämpfung von Schlepperbanden oder die Verantwortung der Herkunftsländer - unser Anteil an den Ursachen nur selten. Als EU-Mitglied müssen wir aber zugeben können: Sie holen sich nur zurück, was ihnen gehört - einen Bruchteil davon.

Unsere gönnerhafte Haltung bei der Aufnahme oder Duldung von Flüchtlingen sollten wir dringend hinterfragen und einsehen: Wenn Politik und Wirtschaft nichts ändern, wenn sie nicht aufhören, in einem Kontinent, der nicht ihrer ist, die Strippen zu ziehen, dann wird der Flüchtlingsstrom auch nicht versiegen. Und nicht nur Politik und Wirtschaft sind gefragt: Wo sind die Berichte der Massenmedien, wo ist der investigative Journalismus über all die offenen Fragen und Ungerechtigkeiten zu Afrika?

Nur wenige werden gehört, wenn sie die ganze Wahrheit aussprechen: Deutschlands Entwicklungsminister Gerd Müller forderte etwa faire Preise für afrikanische Produzenten und gab zu, dass unser Wohlstand auf der Ausbeutung Afrikas gründet. Und die senegalesische Autorin Fatou Diome brachte es jüngst in einer französischen Talkshow auf den Punkt: Es sei an der Zeit, dass Afrika und Europa einander respektieren, "damit Europa aufhört, uns seine Industrieabfälle zu schicken, und uns hilft, echte Industrien aufzubauen".

Zur Autorin

Lisa

Stein

ist Marketing-
Redakteurin in Frankfurt.