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Die afghanische Parlamentarierin Barakzai über die Präsidentschaftswahlen und Traditionen im Land am Hindukusch.
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"Wiener Zeitung": Die unerwartet hohe Beteiligung bei den Präsidentschaftswahlen in Afghanistan hat viele Hoffnungen geweckt. Der Tumult um den Wahlsieger und die Auszählung haben diese wieder gedämpft. Wie ist die Stimmung jetzt?Shukria Barakzai: Die Präsidentschaftswahlen haben unter einem großen Schatten voller Bedenken und großer Hoffnungslosigkeit stattgefunden. Dieser Schatten hat sich aber in dem Moment verflüchtigt, als die Afghanen herausgekommen sind, um zu wählen. Das war eine gute Antwort der afghanischen Nation an die internationale Gemeinschaft: "Danke für die Demokratie", ein klares Zeichen, dass Afghanen die Demokratie schätzen und wissen, dass sie die einzige Option für das Land ist. Die Betrugsvorwürfe sind nicht so stark, dass man die gesamte Wahl infrage stellen könnte. Wir haben die nötigen Institutionen und Gesetze, um damit umzugehen - aber manchmal üben Politiker Druck auf all dies aus. Ich sage nicht, dass die Wahlen hundertprozentig fair waren - aber laut Wahlbeobachtern war die zweite Runde fairer als die erste.
Aber es ist natürlich für eine Gruppe, die vor und während der Wahlen als Sieger genannt wurde schwierig, anzuerkennen, dass sich die Nation vielleicht umentschieden hat. Das kann ich gut nachvollziehen. Aber egal, wie es letztendlich ausgeht: Für mich sind die Afghanen der Gewinner der Wahl. Wenn Millionen von Menschen zur Wahl gehen, kann niemand der Gewinner sein, außer ihnen selbst, der Nation und die Demokratie.
Die Präsidentschaftswahl wird als Zäsur angesehen, sie ist der erste demokratische Machtwechsel. Wie sehr hat sich das Land seit dem Fall der Taliban 2001 verändert? Wie geht es Ihnen als Frau im Parlament? Ich frage, weil es Berichte über Vergewaltigungsdrohungen gegen Parlamentarierinnen gab.
Leider, die Berichte stimmen. Das afghanische Parlament ist ein kleines Abbild der afghanischen Gesellschaft. Eine männlich dominierte Gesellschaft versucht immer, die Stimmen der Frauen durch verschiedene Maßnahmen still zu halten. Es gab Drohungen, und es gibt sie auch weiterhin - sei es durch Anrufe oder Facebook-Nachrichten, aber auch von Kollegen im Parlament während der Sitzungen. Sie sind leider Teil unseres Lebens. Aber es nimmt sukzessive ab. Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Einstellungen ändern - durch mehr Bildung, durch das Ersetzen der negativen Seiten unserer Tradition, die oft direkt Frauenrechte betreffen, durch positive Einstellungen und Kultur. Auch durch Rechtsstaatlichkeit können wir noch mehr erreichen.
Wie schwierig ist es, Traditionen in Afghanistan infrage zustellen?
Langfristig betrachtet haben wir Afghanen nie in einer Gesellschaft gelebt, die durch Traditionen sehr eingeengt gewesen wäre. Die Afghanen sind sehr aufgeschlossen, etwa im Vergleich zu Pakistan. Aber es wird lange dauern, die kulturell begründete Gewalt, die erst über die letzten drei Dekaden implementiert wurde, aus der Geisteshaltung der Menschen zu entfernen. Viel Schutz ist gesetzlich verankert. Eines der größten Hindernisse ist aber die fehlende Umsetzung. Rechtsstaatlichkeit bleibt noch ein Traum für uns.
Viele Politiker führen die junge Generation - fast zwei Drittel der Afghanen sind unter 20 Jahren - als große Hoffnung für das Land ins Treffen. Sie kennen aber nur Krieg. Hat dieser sie nicht gebrochen?
Das Resultat dieses langen Krieges ist heute eine Generation von Menschen mit hellstem Verstand. Sie werden nie zum Krieg zurückkehren. Sehen Sie sich die Liste der ehemaligen Kommandeure und Warlords an: Keiner hat - oder konnte - auch nur eines seiner Kinder dazu erziehen, in ihre Fußstapfen zu treten. Im Gegenteil: Sie setzen auf Bildung, viele studieren gar im Westen.
Die Jugend, durch moderne Kommunikationsmittel bestens vernetzt, scheint in der Tat viel herauszufordern. Es gibt sogar sehr mutige Stimmen in Afghanistan, die offen eine sexuelle Revolution fordern.
Wir sind heute an einer Schwelle, sollten aber nicht vergessen, dass springen für uns gefährlich sein kann. Wir sollen uns nicht die Beine brechen. Genderdiskriminierung ist nichts Gottgegebenes, es ist etwas, das der Mensch erschaffen hat. Vieles, was man vielleicht als weibliche Revolution bezeichnen könnte, ist nicht so offensichtlich auf den ersten Blick. Es ist der tägliche Kampf etwa von Müttern, die ungebildet sind, dass ihre Töchter in die Schule gehen können, der tägliche Kampf, dass ihre Töchter nicht in sehr jungem Alter zwangsverheiratet werden - und das nicht nur in Kabul, sondern auch in entlegenen Regionen.
Shukria Barakzai, geboren 1972, sitzt seit 2005 im afghanischen Parlament. Die Mutter von fünf Kindern ist eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen des Landes. Sie erhält regelmäßig Todesdrohungen.

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