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Unsichtbarer Giftcocktail im Alltag

Von Sophia Freynschlag

Wirtschaft
Lippenstifte sind "wahre Fundgruben" für Beauty-Gifte - wobei teure Produkte einem Test zufolge eher mehr Schadstoffe enthalten als günstige. Foto: bilderbox

Vom Waschmittel bis zum Lippenstift - worin Gift lauert. | Für Konsumenten ist es schwer zu erkennen, welche Stoffe enthalten sind. | Wien. Die Haut juckt, und ständig plagen einen Husten und Atembeschwerden. Dass daran das Duschgel, das neu gekaufte T-Shirt oder ein Raumspray Schuld sein können, ist vielen Konsumenten nicht bewusst. "Geht man zum Arzt, behandelt dieser zwar die Symptome, aber häufig nicht die Ursache", sagt Klaus Oberbeil, der in seinem Buch "Die tägliche Dosis Gift" die Schadstoffbelastung in unserem Alltag unter die Lupe nimmt.


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Giftstoffe lauern vor allem in Produkten, die stark duften oder gefärbt sind. "Besonders Kinder greifen gerne zu knallig-bunter Kleidung. Stark gefärbte Textilien dünsten aber Gifte aus, die über die Haut aufgenommen werden und die Atemwege belasten", sagt Oberbeil im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er rät daher, buntes Gewand vor dem ersten Tragen zwei bis drei Mal zu waschen.

Giftige Inhaltsstoffe stecken auch in Putz- und Waschmitteln. Gegen schlechte Luft in Wohnzimmer, WC oder Küche werden oft Sprays eingesetzt, obwohl "Raumdüfte weitaus gefährlicher sind als Tabakrauch" - weil viele der enthaltenen Substanzen krebserregend seien, wie Oberbeil in seinem Buch warnt.

Wenn das Duschgel krank macht

An der "Modekrankheit" Hautallergie können Waschmittel, aber auch Kosmetikprodukte schuld sein. Viele wissen nicht, was sie ihrer Haut beim Eincremen oder beim täglichem Haarewaschen zumuten: 99 Prozent aller Kosmetikartikel enthalten ein oder mehrere Giftstoffe, schätzen Umweltschutzorganisationen. Die Stoffe werden verwendet, um gleichbleibende Qualität zu garantieren und Kosmetika länger haltbar zu machen.

Schaumbäder für Kinder sind zum Beispiel "reines Gift", so Oberbeil. Am gefährlichsten sei der Inhaltsstoff Formaldehyd, der Allergien, Haut-, Atemwegs- oder Augenreizungen auslösen kann. Aufpassen heißt es auch bei Nagellacken und Haarsprays, die mit ihren Ausdünstungen Hals, Nase und Lunge belasten und damit langfristig Asthma auslösen können.

Auch wenn die Hersteller mit immer neuen Duftnoten locken - in Duschgels enthaltene Duftstoffe schrubben den Schutzfilm der Haut weg, die Haut ist somit wehrlos gegenüber äußeren Einflüssen.

Gifte lauern auch im Make-up: Lippenstifte sind "wahre Fundgruben für Beauty-Toxine", heißt es im Buch. Mehr als die Hälfte der 306 getesteten Lippenstifte wurde vom deutschen Magazin "Ökotest" als "ungenügend" oder "mangelhaft" eingestuft. Es wurden Stoffe gefunden, die im Verdacht stehen, Krebs auszulösen. Falsch ist die Annahme, dass teure Produkte weniger Schadstoffe enthalten als günstige: Luxusmarken schnitten im Test am schlechtesten ab, manche Hersteller verweigerten die Auskunft über Inhaltsstoffe.

"Generell kann man davon ausgehen, dass teure Produkte noch stärker als günstige mit Duftstoffen belastet sind", so Oberbeil. Für Luxus-Kosmetikprodukte werden ständig neue Duftstoff-Kompositionen gesucht, die über Einkaufs-portale aus China eingekauft werden.

Zuhause ausmisten senkt die Schadstoffbelastung

Für die Konsumenten ist es aufgrund der chemischen Begriffe in der Liste der Inhaltsstoffe kaum nachvollziehbar, wo Giftstoffe enthalten sind. Auch wenn die Hersteller Produkte mit "natürlich" oder "enthält gesunde Substanzen" bewerben: "Konsumenten sollten bei diesen Aufschriften sehr misstrauisch sein", warnt Oberbeil.

Die EU schränkt die Verwendung von Farb- und Konservierungsstoffen zwar ein und prüft, ob die zulässige Konzentration von Schadstoffen nicht überschritten wird. "Allerdings können nur Stichproben geprüft werden. Die nächste Produktcharge kann schon wieder mehr Schadstoffe enthalten", sagt Oberbeil.

Sein Tipp: Kosmetik- und Reinigungsprodukte in der Apotheke oder in Reformläden kaufen. Bei Putzmitteln rät er zu Allzweckreinigern, die auf natürlicher Basis und mit natürlichen Düften wie Orange erzeugt werden.

Um den Haushalt so weit wie möglich von gifthaltigen Produkten zu befreien, sollten alle Schubladen, Regale und Schränke durchforstet werden und zumindest alle Produkte mit Gefahrenzeichen wie dem Totenkopf aussortiert werden. Auch alte Lacke und Kleber in Keller und Garage sollten ausgemistet werden. Damit könne die Schadstoffbelastung im Haushalt um 30 Prozent gesenkt werden, ist Oberbeil überzeugt.

"Die tägliche Dosis Gift" von Klaus Oberbeil. Wilhelm Heyne Verlag, München, 9,30 Euro.