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Der wunderbarste Satz der letzten Wochen stammt von Peter Handke. Hoffentlich hat ihn wenigstens eine Handvoll Politiker gelesen.
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Der Satz fiel im Rahmen eines Wortgeplänkels am Ende eines langen Interviews im Magazin der "Süddeutschen" (42/2012).
Was, so fragten da die beiden Interviewer den Dichter gegen Ende, solle denn einmal auf seinem Grabstein stehen. Die Frage ist ja ein Klassiker für Leitfäden des gehobenen Interviews. "Mein Grabspruch ist: Bin hinten", sprach der Poet, wobei leider nicht überliefert ist, ob der ebenso gefeierte wie polarisierende Handke (ein Kärntner eben) sich längere Bedenkzeit dafür nehmen musste (fast würde man es sich als Durchschnittsbürger wünschen).
Die Antwort überraschte jedenfalls auch die Frager, die zweifelnd nachschoben, ob dies nicht "Bin unten" heißen müsste. "Nein", konterte der Dichter, der Anfang Dezember seinen 70. Geburtstag feiert. "So wie man bei jemandem an die Haustür kommt, der im Garten arbeitet und ein Schild an die Tür gehängt hat: Bin hinten. Sie sind Materialisten, und ich bin ein Träumer. Die Träumer sind hinten, die Materialisten unten."
Was für ein Schlusssatz für ein Interview! Die Träumer sind hinten, die Materialisten unten.
Um die Brücke zur Politik zu schlagen, was in dieser Kolumne zwingend geboten ist, sei die Frage gewagt, ob nicht - nach all den Jahren der materiellen, zumindest aber finanzpolitischen Krise - der Politik ein paar Träumer zur Abwechslung ganz gut tun würden. Sicher, Barack Obama, der eineinhalb Kontinente - genauer: halb Amerika und ganz Europa - mit seinem Traum von anderen, besseren USA verzückt hat, steht heute, vier Jahre später, vor den zerbröselten Illusionen seiner Anhänger. Dennoch: Mit dem knochentrockenen Materialismus von Technokraten - so notwendig dieser für die Sanierung von von Träumern heruntergewirtschafteten Budgets auch sein mag - lassen sich auf Dauer keine Wahlen gewinnen. Man will als einfacher Bürger schließlich wissen, wofür man so hohe Steuern zahlt. Die Antwort "für ein Nulldefizit" funktioniert maximal ein einziges Mal. Der letzte Finanzminister, der mit dieser Masche Erfolg hatte, war noch dazu viel zu schön, zu jung und zu intelligent, als dass man ihm einen Wunsch hätte abschlagen können. Und die Variante "für die Enkerl" trifft vielleicht den Kern der Sache, ist aber mindestens so weit weg vom aktuellen Lebensgefühl der meisten wie der Versuch, die Bürger im Jahr 2012 in begeisterte Europäer zu verwandeln, indem man die EU als epochales Friedensprojekt nach 1945 preist. Mit anderen Worten: ziemlich weit weg.
Abgesehen von diesem kleinen, ganz zweifellos den durchbrechenden Emotionen geschuldeten Ausrutscher haben sich, so scheint es jedenfalls, Bürger wie Politiker darauf verständigt, einander nicht mehr mit unrealistischen Ansprüchen zu nerven. Deshalb kann jeder auch nur halbwegs politisch Begabte die kommenden Wahlkampfversprechen aller relevanten Parteien, Bewegungen, Sezessionisten und Sektierern (dass sich auch ja keiner ausgeschlossen fühlt) schon im Schlaf vor sich hersagen. Weshalb einmal mehr die Familien, die Pensionen, die Bauern, die kleinen Leut’, die Unternehmer und das Gesundheitssystem vor dem Untergang gerettet werden. Die Träume leben - in der Welt von gestern.
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