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Unter schwarzer Flagge

Von Christina Mondolfo

Reflexionen

Verwegen schwingen sie sich auf das gegnerische Schiff, um es zu entern, führen eine elegante Klinge selbst auf dem rutschigsten Deck und retten nebenbei auch noch eine schöne Maid: Das Piratenleben muss aufregend sein - zumindest im Film.


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Als 1926 Douglas Fairbanks sen. im Stummfilm "Der schwarze Pirat" über die Leinwand segelte, da legte er einen soliden Grundstein für ein Genre, das sich bis in die späten 1950er Jahre höchster Beliebtheit erfreute, versprach es den Zuschauern doch kühne Helden, wilde Bösewichte, schöne Frauen und jede Menge Abenteuer vor exotischem Hintergrund - und damit eine gelungene Flucht aus dem grauen Alltag des Erwerbs- und Familienlebens. Dass der Pirat dabei meistens eine moralisch höchst zwielichtige Figur war, störte niemanden.

Held oder Schurke? Die Filmemacher machten gerne das Schicksal historischer Piraten des 17. bis 19. Jahrhunderts zum Stoff ihrer Celluloid-Träume und ließen sie munter durch die Karibik, den Indischen Ozean oder in den Gewässern vor Afrika, wo die Freibeuter der Meere Korsaren genannt wurden, kreuzen. Allerdings schildern die meisten Piratenfilme frei erfundene Geschichten, die entweder auf Romanvorlagen beruhen, etwa "Die Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson, oder die schlicht für die Leinwand erfunden wurden. Manche von ihnen greifen Teile historischer Gegebenheiten auf wie etwa "Unter Piratenflagge" von Michael Curtiz, in dem Parade-Pirat Errol Flynn einen englischen Arzt spielt, der in die Verbannung geschickt wird und sich dort den Gesetzlosen auf hoher See anschließt, andere dienen tatsächlich der puren Unterhaltung wie etwa die äußerst erfolgreiche "Fluch der Karibik"-Trilogie, die im nächsten Jahr mit einem vierten Teil fortgesetzt wird.

Die Rolle des Piraten ist ambivalent: Er ist Held und Schurke zugleich, raubt oftmals mit Billigung und Erlaubnis seines Landesfürsten gegnerische Handelsschiffe aus, um mit der Beute die Kriegskassen des eigenen Landes zu füllen. Nicht alle dieser verwegenen Gestalten werden als Pirat geboren, viele landen schuldlos als von der Gesellschaft Ausgestoßene auf den schwankenden Planken eines Schiffes mit der gefürchteten schwarzen Totenkopf-Flagge. Was natürlich besonders Frauenherzen rührt und dem brutalen Geschäft der Piraten einiges an Schärfe nimmt.

Die meisten der Piratenfilme sind dem Ober-Genre "Abenteuerfilm" zuzuordnen, nur wenige sind eine klassische Komödie: "Käptn Blackbeards Spuk-Kaschemme" aus dem Jahr 1968 von Robert Stevenson mit Sir Peter Ustinov in der Hauptrolle, "Das Korsarenschiff"

aus 1944 von David Butler mit dem US-Komiker Bob Hope oder "Piraten" von Roman Polanski mit Walter Matthau mögen als ausgesuchte Beispiele für die andere Seite der rauen Seefahrer gelten. Dass es Enterhaken, Augenklappe und Degen sogar ins Musical geschafft haben, belegen unter anderem "Abbott und Costello unter Piraten" aus 1952, "Der Pirat" mit Gene Kelly aus dem Jahr 1948 oder "Pirate Movie" aus 1982. Und sogar der Kinderfilm konnte an diesem Thema nicht vorbeigehen: In "Pippi in Taka-Tuka-Land" (1970) rettet das bezopfte Schwedenmädchen ihren Vater aus den Händen der Piraten, die ihn auf der Taka-Tuka-Insel gefangen halten.

Aus und in aller Herren Länder. Viele Piratenfilme kamen aus den USA, doch auch Italien, Frankreich, Spanien und Großbritannien lieferten fleißig Nachschub, besonders ab den 1960er Jahren, obwohl das Genre zu dieser Zeit bereits totgesagt wurde. Auch Deutschland versuchte sich daran, als einer der ersten Piratenfilme unseres Nachbarn gilt der Stummfilm "Störtebeker" aus dem Jahre 1919, gefolgt von dem Stummfilm "Pietro

der Korsar".

Für die Drehs standen schon früh spezielle Studios für die Wasseraufnahmen zur Verfügung, doch seit jeher boten und bieten sich besondere Orte an, um das spezielle Flair des Piratenfilms einzufangen: Kalifornien, Florida, Kuba, Jamaika, Honduras, Mexiko, die Bahamas, Dominica, Malta oder Thailand sind nur einige der begehrten Drehorte, aber auch am Gardasee bei Peschiera del Garda entstanden etliche Produktionen. Dort gründete der Filmproduzent Walter Bertolazzi 1958 ein Studio, in dem zwischen 1959 und 1966 etwa ein Dutzend Piratenfilme abgedreht wurde. Zum Studio-

komplex gehörten auch eine Flotte von sechs Kulissenschiffen, die sich auf dem Gardasee entsprechende Seeschlachten lieferten, und eine große spanische Galeone. 1966 zerstörte ein schwerer Sturm die Kulissenflotte und Teile des Studios, woraufhin Bertolazzi Pleite ging und das Studio abgerissen werden musste.

Spätes Revival. Das Genre des Piratenfilms schien Ende der 1950er Jahre ausgestorben - spätere Produktionen entstanden hauptsächlich für den italienischen Markt -, der Hunger des Publikums nach Dramatik auf hoher See und exotischen Schauplätzen schien gestillt zu sein. Filme wie "Unter Piratenflagge" (1935), "Der Herr der sieben Meere" (1940), "Unter schwarzer Flagge" (1945), "Der rote Korsar" (1952) und "König der Freibeuter" (1958) hatten den Kampf der guten Piraten wie Errol Flynn, Burt Lancaster oder Tyrone Power gegen die bösen wie Charles Laughton oder Robert Newton ausreichend und opulent abgehandelt, die Inhalte wiederholten sich und die Studios jammerten über die hohen Produktionskosten. Wiederbelebungsversuche ab den 1970er Jahren scheiterten kläglich: "Der scharlachrote Pirat" von James Goldstone wurde 1976 als kümmerlicher Anachronismus verlacht, Roman Polanskis "Piraten" empfanden nur wenige als lustig, Steven Spielbergs "Hook" (1991) war mehr Peter Pan denn Piratenfilm und Renny Harlins "Die Piratenbraut" (1995) mit Geena Davis in der Hauptrolle war ein künstlerisches und kommerzielles Desaster.

Erst Regisseur Gore Verbinski und Schauspieler Johnny Depp bewiesen 1998, dass der Piratenfilm doch nur totgesagt und noch nicht ganz gestorben war. Verbinski mischte in "Fluch der Karibik" reichlich Zitate aus berühmten Kaper-Klassikern mit Zombie-Spuk und übernatürlichen Elementen, dazu lieferte Depp einen herrlich schrägen Kapitän ohne Schiff, dafür mit Schaukelgang an Land und leicht eingerauchtem Akzent. Auch in den beiden Fortsetzungen funktionierte dieses Schema, was der vierte Teil bringt, bei dem Rob Marshall Regie führen wird, werden wir vermutlich im Sommer 2011 wissen. Bis dahin müssen eben DVDs oder Fernseh-Wiederholungen alter und neuer Piratenfilm-Klassiker herhalten . . .