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Unterirdische Apotheken, Fratzen & Hexen

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Vom Weltall aus betrachtet, sieht er wie ein Pantoffel aus, der auf einem grünen Teppich liegt. Vom Boden aus gesehen ragt er, zugleich schön und bedrohlich, aus dem Tiefland empor.


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Schon immer regten Berge die Phantasie der Menschen an, flößten ihnen aber auch Furcht ein. Umso mehr, wenn sich diese Berge abrupt und unvermittelt aus der flachen Tiefebene erheben, die von Belgien bis Polen reicht und teilweise sogar unter dem Meeresspiegel liegt. Als habe sie ein Demiurg in eine fremde Umgebung gesetzt.

Dementsprechend gibt es in Deutschland kein Gebirge, das in der Vorstellung der Menschen so stark mit Mythen und Sagen verbunden ist wie der Harz. Auf einer Länge von fast hundert Kilometern, rund fünfunddreißig Kilometer breit, und auf einer Fläche kleiner als Vorarlberg breitet sich eine ungemein vielfältige Gebirgslandschaft aus und türmt sich bis 1100 Meter in die Höhe. Fichtenwälder, Hochmoore, Teiche, Flüsse und Talsperren, romantische Täler, schroffe Felsen bieten ein montanes Panoptikum. Darüber hinaus machen die Spuren des Bergbaus, die mittelalterlichen Fachwerkhäuser, Burgen und grandiose Sakralbauten den Harz zu einem kulturhistorischen Eldorado.

Und über allem thront der granitene Brocken, mit seinen 1141 Metern der höchste Berg im Norden Deutschlands. Seine Kuppe liegt bereits jenseits der Baumgrenze, ist aber mit Zwergsträuchern bedeckt. Um ihn und um das gesamte Harzgebirge ranken sich zahlreiche Sagen. Roßtrappe, Teufelsmauer, Hexentanzplatz und Blocksberg (für den Brocken) bezeichnen geheimnisumwobene Landschaften im Harz.

Selbst Herrn Faust wird bei der nächtlichen Wanderung auf den Brocken angst und bange: "Uhu! Schuhu! tönt es näher,/Kauz und Kiebitz und der Häher./Sind sie alle wach geblieben?/Sind das Molche durchs Gesträuche?/Lange Beine, dicke Bäuche!/Und die Wurzeln, wie die Schlangen,/winden sich aus Fels und Sande,/ strecken wunderliche Bande,/ uns zu schrecken, uns zu fangen;/ aus belebten derben Masern/strecken sie Polypenfasern/nach dem Wandrer. Und die Mäuse/ tausendfärbig, scharenweise,/durch das Moos und durch die Heide!/Und die Funkenwürmer fliegen/mit gedrängten Schwärmezügen/zum verwirrenden Geleite."

Goethe war nicht der Einzige, der den Harz besungen hat. Nietzsche, Kafka, Eichendorff, ja selbst Peter Handke haben dem Harz literarisch gehuldigt, um nur einige zu nennen. Berühmt wurde - neben der Walpurgisnacht im "Faust" - vor allem Heinrich Heines 1826 erschienene "Harzreise".

Die Wälder um den Ilsestein sind auch der Handlungsort der am meisten aufgeführten deutschen Märchenoper "Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck. Die bösen Stiefeltern haben hier ihre beiden Kinder ausgesetzt.

Eine Gegend voller Gespenster ruft auch neidvolle Exemplare dieser Spezies auf den Plan. Eine probate Abwehr dieser missgünstigen Dämonen sind die sogenannten "Neidköpfe". Mehr als 60 solcher handgeschnitzter, fratzenhafter Neidköpfe zieren die Fassade einer Apotheke im Harzer Bergbaustädtchen Clausthal-Zellerfeld, weshalb die Apotheke im Volksmund auch "Fratzen-Apotheke" genannt wird.

À propos Apotheke: Bei Blankenburg im Harz betreibt die Bundeswehr die größte unterirdische Apotheke der Welt. In ihr lagern Medikamente, Medizingeräte und Krankenhausausstattung im Wert von 25 Millionen Euro. Das gigantische Stollensystem zieht sich über eine Länge von acht Kilometern durch den Fels.

Wer den Harz literarisch durchstreifen will, dem sei das Buch "Harz. Eine Leseverführung" aus dem Fischer Taschenbuch Verlag ans Herz gelegt.

Markus Kauffmann, seit 25

Jahren Wiener in Berlin, macht

sich Gedanken über Deutschland.