Zum Hauptinhalt springen

Untragbare Schuldenlast

Von David Ignatius

Kommentare
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Man könnte Griechenland aus der Euro-Zone entlassen, die Drachme abwerten und damit die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die griechische Finanzkrise hat sich beruhigt - vorerst. Aber viele Skeptiker teilen die Bedenken des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble, dass der Hilfsplan nicht funktionieren wird und der einzige Weg, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen, der Austritt aus dem Euro ist. Schäuble wurde angegriffen als herzloser Deutscher, als er auch nach dem Hilfspaket vom 13. Juli weiter darauf bestand, dass die bessere Lösung für Griechenland der Grexit sein könnte. Für die als ketzerisch erachteten Ansichten wurde er als Terrorist karikiert.

Aber was ist die größere Grausamkeit? Griechenlands Agonie zu verlängern, mit einem Plan, der die Mitgliedschaft in der Eurozone zwar aufrechterhält, aber das Land mit unbezahlbaren Schulden und dauernder Zahlungsunfähigkeit lähmt. Oder das schmerzhafte aber relativ schnelle Heilmittel einzusetzen, die Drachme wieder einzuführen und sie auf einen Wert fallen zu lassen, der Griechenland wieder wettbewerbsfähig und erfolgreich sein lässt.

Der Hilfsplan fordert Reformmaßnahmen, die auch dann schwierig wären, wenn Griechenlands Regierung und Bevölkerung sie ernsthaft unterstützen würden. Regierung und Bevölkerung finden die aufgezwungenen Bedingungen jedoch unerträglich. Am 5. Juli stimmte Griechenland in einem Referendum mit 61 Prozent gegen die damals noch erträglicheren Bedingungen.

Griechenland wird der Hilfsplan nicht retten, aber er könnte Europa helfen, indem er deutlich macht, dass die Währungsunion intakt ist. Der Hilfsplan wird die nicht wettbewerbsfähige Wirtschaft Griechenlands in der finanziellen Intensivstation belassen, wo ihr Überleben von neuen Krediten und Finanztransfusionen abhängt.

Der bessere Weg könnte sein, Griechenland aus der Eurozone zu entlassen, in einem unterstützten Übergang. Die Abwertung der Drachme auf 50 Prozent des Eurowerts würde Griechenland prompt wettbewerbsfähig machen und zu einem Investmentmagneten. Die Abwertung dürfte aber nicht zu weit gehen. Die Europäische Zentralbank könnte die Drachme stützen und ein zu starkes Fallen verhindern.

Ein sanfter Grexit könnte eine Art "Haircut" beinhalten, bei den Schulden und den Rückzahlungsmodalitäten, was nahezu unmöglich ist, wenn Griechenland den Euro behält. Die Erfahrung lehrt, dass Abwertung trotz der ernsten Erschütterung meist gute Ergebnisse erzielt - und oft ziemlich schnell.

Eine positive Entwicklung sollte sich daraus ergeben: Die Einnahmen steigen und auch das Vertrauen und letzten Endes auch die heimische Nachfrage. Es ist kein Allheilmittel: Der Abwertung folgt oft eine Inflation. Und wenn die Preise steigen und die Währung fällt, kann das die Ersparnisse treffen. Aber der Prozess kurbelt normalerweise das Wachstum wieder an.

Kehrt Griechenland zur Drachme zurück, würden sich die Schulden ungefähr verdoppeln. Diese Last wäre untragbar. Also müssten die Gläubiger machen, was ihnen der Hilfsplan bisher erspart hat, nämlich die Schulden neu verhandeln, auf ein handhabbares Niveau, und ein wieder wettbewerbsfähiges Griechenland auf den Weg der Erholung bringen, endlich.

Übersetzung: Hilde Weiss