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Unwirklich - traumhaft - mystisch

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Berlins Kunstwelt ist um einen Glanzpunkt reicher: "Surreale Welten", eine der international bedeutendsten Privatsammlungen, gegenüber dem barocken Schloss Charlottenburg.


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Wo einst die königlichen Garden, Pferde und Fahrzeuge untergebracht waren, wo später die schöne ägyptische Königin Nofretete fast vier Jahrzehnte lang zu bewundern war, dort finden sich heute Besucher in der mystischen Traumwelt des Surrealismus, seiner Vorläufer und Seitenwege wieder.

Wie das Gebäude selbst schlägt auch die darin präsentierte Sammlung eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dem Schloss der Kurfürstengattin Sophie Charlotte stehen die klassizistischen Zwillingsbauten von August Stüler wie Torwächter gegenüber. Im rechten Bau befindet sich heute die Sammlung Berggruen mit Werken der klassischen Moderne von Picasso über Matisse bis Giacometti. Im linken Pendant haben nun - nach einem 10-Millionen-Euro-Umbau - die rund 250 rätselhaften, abgründigen und fantastischen Kunstwerke einer Privatsammlung eine würdige Heimstatt gefunden.

Der offizielle Name dieser Kollektion - "Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg" - verweist auf die beiden kunstbegeisterten Privatiers, den Urgroßvater und den Vater der heutigen Stiftungspräsidentin, Julietta Scharf. Otto Gerstenberg gilt als der Erfinder der modernen Lebensversicherung. Als Generaldirektor einer großen Assekuranz konnte er seiner Leidenschaft nachgehen und die laut Max Liebermann wichtigste Sammlung moderner Kunst in Berlin aufbauen. Sein Enkel erbte nur einen geringen Teil der Kollektion, die entweder zerstört oder als Beutekunst nach Russland geschafft wurde.

Dennoch konnte Dieter Scharf auf einem Bestand wichtiger Grafiken von Giovanni Battista Piranesi, Francisco de Goya, Victor Hugo, Édouard Manet und Max Klinger aufbauen. Er selbst konzentrierte sich vor allem auf Symbolismus und Surrealismus. Das Werkverzeichnis liest sich wie ein "Who is who" dieser Stilrichtungen: Gemälde und Grafiken von Dalí, Dubuffet, Max Ernst, Magritte, Gustave Moreau, Odilon Redon, Henri Rousseau, Hans Bellmer und Yves Tanguy, Skulpturen von Max Ernst, Jacques Lipchitz, Henri Laurens und Antoni Tàpies.

Besonders attraktiv wird die Dauerausstellung durch die nachvollziehbare Linie des Surrealismus in den vergangenen 250 Jahren - von Piranesis römischen Kerkervisionen über die albtraumhaften Spukgestalten in Goyas Radierungen, die Klassiker der surrealistischen Gegenmoderne bis Dubuffet im Übergang zur Art brut.

Der Symbolist Odilon Redon gilt als bedeutender Vorläufer des Surrealismus. Von ihm ist die "Hommage à Goya" (1895) zu sehen. Moreau ist mit dem schaurigen Ölbild "Tod der Sappho" (1872) vertreten, Tanguy mit "Ich bin gekommen, wie ich versprochen hatte, adieu" (Collage, 1926), der Foto- und Objektkünstler Man Ray mit "Verhüllte Erotik" (Silver Print, 1933), Paul Klee mit dem hintergründig humoristischen Aquarell "Bebende Kapelle" (1924), Max Ernst mit dem rätselhaft-sinnlichen "Triumph der Liebe/falsche Allegorie" (1937) und der von den urzeitlichen Höhlenmalereien von Altamira beeindruckte Wolfgang Paalen mit seinen archetypischen Figuren, die er mit Kerzenrauch auf grundierte Leinwand zeichnete (1937).

Das neue Museum schließt nicht nur eine Lücke in Berlins Kunstlandschaft - das faszinierende Panorama der "Surrealen Welten"; zusammen mit dem gegenüber liegenden Museum Berggruen und der französischen Malerei von Watteau und Chardin im Schloss selbst bildet es "sogar ein Quartier français der Künste", wie Peter-Klaus Schuster, ehemaliger Chef der Berliner Staatsmuseen, schwärmt.