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"Unwissen macht manipulierbar"

Von Helena Pichler

Wissen
Lebensrettende Forschung: Moderatorin Judith Belfkih, Martin Moder und Caroline Hutter. W. Renner
© W. Renner

Wie Fortschritt vermittelt werden kann, diskutierten Experten anlässlich 35 Jahre St. Anna Kinderkrebsforschung.


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Wir wollen einen Dialog mit Ihnen als Gesellschaft eröffnen, denn was wir tun, soll nicht im Verborgenen geschehen." Klare Worte wie diese fand Kaan Boztug, wissenschaftlicher Direktor der St. Anna Kinderkrebsforschung, zum Auftakt der neuen Diskussionsreihe "Griff nach den Sternen", die die St Anna Kinderkrebsforschung aus Anlass ihres 35-jährigen Jubiläums in Kooperation mit der "Wiener Zeitung" am Dienstagabend startete.

Unter dem Titel "Wir und Wissenschaft" wurde diskutiert, wie erforschtes Wissen einer breiten Öffentlichkeit vermittelt wird und mit welchen Kommunikationsstrategien Skepsis gegenüber der Forschung begegnet werden kann. Zum Hintergrund: Laut einer Eurobarometer-Umfrage haben für die Österreicher und Österreicherinnen Wissenschaft und Technologie einen niedrigen Stellenwert. Man ist weitgehend der Ansicht, dass Forschung unwichtig ist und Wissenschaftern nicht zu vertrauen ist. Andere Umfragen, etwa der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, orten weniger Ablehnung als schlichtes Desinteresse. (Die "Wiener Zeitung" berichtete.)

"Wir alle, die in Forschung und Medienkommunikation tätig sind, müssen unsere Kräfte bündeln, um verständlich, überzeugend und transparent zu kommunizieren, wie Wissenschaft gelingt, was sie braucht und wie Forschungsprozesse ablaufen", sagte Judith Fritz vom Postgraduate Center der Universität Wien, dem Gastgeber, einleitend. Was aber macht den Vertrauensverlust in die Wissenschaften so gefährlich? "Man wird manipulierbar", erklärte die Kinderärztin Caroline Hutter, Forscherin an der St. Anna Kinderkrebsforschung. Sie plädierte dafür, Wissenschaftskompetenz nicht wie ein Auswendiglernen des Unterrichtsstoffes zu verstehen, sondern als die Fähigkeit, Dinge zu hinterfragen und selbstständig zu denken.

Der Molekularbiologe Martin Moder hob hervor, dass Kritik an wissenschaftlichen Aussagen oftmals nicht auf fachlicher Basis geäußert wird, sondern aus einer Grundannahme heraus, dass Forschung korrupt sei. Als "Science-Buster" und Buchautor ein Vermittler von Wissenschaft, sprach Moder von einer Vermischung "des Politischen und des Gesundheitlichen". Zustimmung erntete er von Hutter, die hervorhob, dass durch die Übernahme der wissenschaftlichen Kommunikation durch die Politik während der Corona-Pandemie Misstrauen gegenüber Parteien auf die Forschung übergeschwappt sei.

Was ist also zu tun, um das Vertrauen der Bevölkerung wiederzugewinnen? Diese Frage stellte Moderatorin Judith Belfkih, Stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung", in den Raum. "Lange ging man in wissenschaftlichen Kreisen davon aus, dass, wenn fundierte Information nur gut genug aufbereitet ist, sich auch genügend Leute dafür interessieren werden", sagte Moder. Häufig würde jedoch nicht das Unwissen einer Person ihr Misstrauen fördern, sondern ihr allgemeines Weltbild. "Diejenigen, die man am meisten erreichen möchte, wird man am schwierigsten erreichen", betonte er: "Was ich als Erstes höre, dem vertraue ich oft automatisch am nachhaltigsten."

Auf die richtige Information kommt es an

Wichtig wäre es deshalb, mit der richtigen Information als Erstes in Berührung zu kommen, sagte Moder. Vor allem bei jungen Leuten sollte darauf geachtet werden, dass Qualitätsquellen leicht erreichbar sind, sowohl in sozialen Medien als auch im Leben. Hutter zeigte sich überzeugt, dass Kinder mit den Vorgängen des wissenschaftlichen Arbeitens so früh wie möglich in Berührung kommen sollten. "Wie man denkt, ist von Schlüsselerlebnissen geprägt, und das beginnt in der Kindheit", sagte die Ärztin. Deshalb müsse früh Kontaktpunkte mit Wissenschaft und Forschung schaffen.

Alles in allem aber ist die Forschung weit gekommen, war man sich einig. "Man hält die Jetzt-Situation leicht für einen Grundzustand", sagte Moder. Aus heutiger Sicht ließe sich zwar schwer nachvollziehen, wie viel Leid die Menschheit dank medizinischer Forschung überkommen konnte. Während eine Diagnose mit Leukämie in den Fünfzigerjahren noch als Todesurteil galt, hätte man jetzt eine bis zu 95-prozentige Chance, geheilt zu werden. "Das muss man sich vor Augen führen", sagte Hutter. "Wir haben nicht mehr die Angst. Wenn ein Kind kommt mit Leukämie, dann ist das immer schlimm, aber als Ärztin denke ich mir: Das wird gut ausgehen."

Krankheiten, die früher todbringend waren, können heute geheilt werden. Wie Fortschritt bestens vermittelt werden kann, diskutierten Experten anlässlich 35 Jahre St. Anna Kinderkrebsforschung.