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UPC-Chef: "Als ORF würde ich ein ganz aggressives Modell fahren"

Von Stefan Janny

Reflexionen
"Dass just der Marktführer als Preistreiber agiert, war schon ungewöhnlich." Foto: Newald

ORF könnte Programm für gesamten deutschsprachigen Raum produzieren. | UPC verliert zwar Umsatz, aber keine Kunden. | Inode-Kauf war guter Einstieg bei Geschäftskunden. | "Wiener Zeitung": Warum läuft das Geschäft bei UPC in Österreich so schleppend? | Thomas Hintze: Wie kommen Sie darauf, dass unser Geschäft schleppend laufen würde?


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Weil Umsatzrückgänge kein Zeichen für besonders guten Geschäftsgang sind.

Das muss man relativieren. Es ist nicht so schlimm. Es ist nicht so, dass unsere Kunden Fernsehen, Internet oder Telefon abmelden, eher im Gegenteil. Allerdings sind die Kunden etwas preissensitiver geworden.

Die Kunden zahlen weniger?

Sie zahlen ein bisschen weniger, weil eine gewisse Preissensitivität entstanden ist, da die Kunden stärker auf ihre Fixkosten achten. Das ist aber nicht tragisch. Tatsächlich tragisch wäre es, würden wir Kunden verlieren. Das ist aber nicht der Fall. So wie unsere Mitbewerber verlieren wir ein bisschen Umsatz pro Kunde. Wenn Sie aber etwa die bisher verwöhnte Branche der Mobilfunker betrachten, so ist dort der Umsatzrückgang pro Kunde wesentlich dramatischer als bei uns.

Trotzdem verlautbarte Ihre Muttergesellschaft im jüngsten Quartalsbericht, dass Österreich und Ungarn "das Geschäftsergebnis weiterhin negativ belasten".

Die Aktien notieren an der US-Technologiebörse und die Quartalsberichte unterliegen daher US-Börsevorschriften. Österreich ist eben, so wie Ungarn, ein sehr kompetitiver Markt, wo aufgrund der Wettbewerbssituation der Umsatz pro Kunde zurückgeht. Aber wir verlieren keine Kunden, im Gegenteil.

Umsatzrückgänge werden Ihre Eigentümer aber auf Dauer wohl nicht freuen.

Sicher nicht! Und auf Dauer wird das auch nicht so bleiben. Ich gehe davon aus, dass dieser Trend 2010 zu Ende sein wird und die Digitalisierung unserer TV-Angebote sowie die noch breitbandigere Anbindung unserer Internetkunden, in die wir trotz Wirtschaftskrise weiterhin massiv investieren, dann zusätzliche Umsätze generieren werden.

Warum gelingt es UPC und ihrer Mutter Liberty Global in anderen Ländern, auch während der Wirtschaftskrise Umsatzzuwächse zu erzielen, und in Österreich nicht?

Das hat mit dem Produktzyklus zu tun und damit, dass wir Vorreiter waren. Wir waren mit Abstand die Ersten im Konzern, die Breitbandinternet und Telefonie angeboten haben. Breitbandinternet gibt es bei uns seit 1997 und Telefonie seit 1999. Andere Landesgesellschaften sind zum Teil wesentlich später in diese Produkte eingestiegen und befinden sich noch in der Wachstumskurve.

Man könnte den Verdacht haben, dass die schwächelnden Österreich-Ergebnisse daran liegen, dass die Telekom Austria in das TV-Geschäft eingestiegen ist und Ihnen heftige Konkurrenz macht.

Den Verdacht könnte man haben, er ist aber falsch - obwohl die Telekom Austria schon etwas damit zu tun hat; auch wenn wir deren TV-Angebot eigentlich nicht spüren. Die wirkliche Ursache ist die Dynamik des Preisverfalls bei den Mobilfunkern. Die sehr aggressiven Preise für die Sprachtelefonie der Mobilfunker haben dazu geführt, dass die Telekom Austria in großen Stil Festnetzkunden verloren hat. Wogegen sich die Telekom Austria gewehrt hat und ein Bündelangebot auf den Markt gebracht hat. Da hat man um 19,90 Euro Festnetztelefonie, Mobiltelefonie mit drei SIM-Karten und Breitbandinternet bekommen. Das hat natürlich zu einem dramatischen Preisverfall geführt.

Sie haben dieses Angebot allerdings vor Gericht erfolgreich bekämpft.

Das ist richtig, die Telekom musste den Preis auf 24,90 Euro anheben. Wir mussten aber trotzdem die Preise von 29,90 Euro auf das Niveau der Telekom Austria senken. Dass ausgerechnet der alteingesessene Marktführer mit einem Angebot, dass es anderswo in Europa nicht einmal annähernd gibt, als Preistreiber agiert, war schon ungewöhnlich. Das hat zwar zu keiner großen Verschiebung von Kunden geführt, aber auf beiden Seiten zu einer Umsatzerosion.

Aber die Umsätze im Festnetz gehen doch vor allem deshalb zurück, weil ganz simpel immer weniger über Festnetz telefoniert wird.

Das stimmt schon. Die Telekom hat zwar durch Subventionierung die Festnetzkunden gehalten, allerdings stellt TA-Chef Hannes Ametsreiter jetzt fest, dass diejenigen, die noch einen Festnetzanschluss haben, diesen nicht mehr nützen.

Das liegt daran, dass Festnetzanbieter wie die Telekom Austria und UPC an die Mobilfunker wesentlich mehr zahlen müssen, als wir bekommen.

Trotzdem wirbt die Telekom Austria derzeit gerade damit, eine Milliarde Euro in das Festnetz zu investieren?

Ja, das ist eine gute Frage, warum die Telekom Austria damit wirbt.

Und was ist Ihre Vermutung?

Der Grund sind vermutlich die Eigentumsverhältnisse und der Wunsch, auf irgendwelchen Umwegen Subventionen zu erhalten. Bei der Telekom Austria ist der österreichische Staat immer noch der größte Aktionär, während unser Eigentümer in Denver sitzt und in den USA börsenotiert ist.

Als amerikanisches Unternehmen ist es nicht unsere Aufgabe, den österreichischen Staat um Subventionen zu bitten. Viel wichtiger wäre unserer Ansicht nach, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Investitionen kaufmännisch rechnen. Wenn Investitionen nur getätigt werden, weil sie subventioniert werden, ist das Business-Modell zu hinterfragen.

Sie meinen, den Zweck der Telekom-Werbekampagne könnte man auch durch einen Telefonanruf im Bundeskanzleramt oder Infrastrukturministerium erreichen? Den Kunden ist das doch völlig egal. Die werden nicht ins Börsel greifen, nur weil die Telekom Austria verkündet, dass sie jetzt Geld investiert.

War der Kauf des Internetanbieters Inode ein Fehler?

Nein, das war kein Fehler.

Aber rückblickend war der Kauf doch ziemlich teuer.

Natürlich wäre es jetzt wahrscheinlich billiger, aber der Kauf von Inode war eine wirklich gute Ergänzung. Mit Kabelinfrastruktur werden in Österreich 40 Prozent der Haushalte erreicht. Also, selbst wenn ich alle Kabler kaufen würde, käme ich nur auf 40 Prozent potenziellen Marktanteil. Das ist in anderen Ländern, mit denen wir oft verglichen werden, anders: In der Schweiz, Holland und Belgien existieren zwei komplette Infrastrukturen. Dort erreicht neben der traditionellen Kupferdoppel ader auch das Koaxial-Kabel 95 Prozent der Haushalte. In Österreich sind es nur 40 Prozent. Mit Inode haben wir jetzt auch einen Zugang zu den restlichen 60 Prozent aller Haushalte, die wir mit unserer eigenen Infrastruktur nicht erreichen können.

Wobei Ihnen allerdings freistünde, in den Ausbau der Koax-Infrastruktur zu investieren, um die fehlenden Haushalte zu erreichen?

Dieses Geschäftsmodell rechnet sich heute definitiv nicht mehr. Der Kauf von Inode, der etwa bei den EDV-Systemen und Vertriebsstrukturen erhebliche Synergien gebracht hat, war eine logische Erweiterung des bestehenden Geschäftes durch Hinzufügung einer anderen Zugangstechnologie. Und es war ein sehr guter Einstieg in das Geschäftskundensegment, wo man nicht nur regional präsent sein kann. Ich kann einer großen Bank oder Versicherung keine Produkte anbieten, die nur in Wien verfügbar sind. Wir haben nachgerechnet: Inode war eine exzellente Akquisition.

Bei Ihren TV-Angeboten ist der in Schwierigkeiten steckende ORF einer Ihrer wichtigsten Partner. Was läuft beim ORF falsch?

Ich möchte dazu von außen eigentlich kein Urteil abgeben, weil der ORF für uns naturgemäß der wichtigste Content-Partner ist.

Gerade deshalb wäre es vermutlich eine fach- und sachkundige Einschätzung.

Na gut, dann sage ich Ihnen etwas sehr Grundsätzliches: Der ORF spürt die Konkurrenz aller deutschsprachigen Sender - sowohl der öffentlich-rechtlichen wie der privaten. Diese Sender produzieren ihre Programme nicht speziell für Österreich, sondern für den gesamten deutschsprachigen Markt mit 50 Millionen Haushalten. Was davon nach Österreich kommt, schwappt quasi über die Grenze herein.

Der ORF produziert hingegen für 3,5 Millionen Haushalte. Da können die deutschen Sender natürlich andere Synergien und Größeneffekte realisieren.

Was kann der ORF tun, wenn Deutschland zehnmal so groß ist wie Österreich?

Wenn ich den deutschsprachigen Raum als einen Markt zur Kenntnis nehme, müsste ich mir eigentlich vornehmen, diesen ganzen Markt zu bearbeiten und nicht nur einen kleinen Zipfel davon. Ich kann nicht nur für weniger als ein Zehntel des Marktes produzieren, wenn die anderen einen Größeneffekt im Faktor zehn realisieren können.

Der ORF sollte Serien, Shows und Dokumentationen für den gesamten deutschsprachigen Markt produzieren?

Ich würde ein ganz aggressives Modell fahren. Für den ORF ist nicht nur Österreich der Markt, weil er für die Konkurrenten eben auch nicht nur Deutschland ist. Man müsste sich den ganzen deutschsprachigen Markt vornehmen.

Warum auch nicht? RTL produziert auch für den ganzen deutschsprachigen Markt. Und warum sollte man sich nicht vornehmen, besser als die Deutschen zu sein? In anderen Branchen gelingt das ja auch.

Zur Person

Thomas Hintze wurde am 8. September 1955 in Wien geboren und studierte nach der Matura an der Technischen Universität Wien. Seine Karriere begann 1981 in der Entwicklungsabteilung von Kapsch, wo er sich vor allem mit dem Datenkommunikations-Standard ISDN befasste. Von 1988 bis 1990 war Hintze für den Computerhersteller Nixdorf tätig und danach für die Radio Austria AG, die als Telekom-Austria-Tochtergesellschaft in Datakom umbenannt wurde. 2000 wurde Hintze zum Österreich-Geschäftsführer des Kabelnetzbetreibers UPC bestellt, der auch Internet- und Telefondienste anbietet.