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Wiener Innenstadt beherbergt viele militärhistorisch interessante Orte und Objekte.
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Wien. "Der Krieg ist der Vater aller Dinge." Über diesen Satz des griechischen Philosophen Heraklit wurde schon viel diskutiert, Faktum ist, dass wir, ohne uns dessen bewusst zu sein, von unzähligen Dingen umgeben sind, die militärische Bedeutung hatten und haben. Rolf M. Urrisk-Obertynski, Brigadier in Ruhe und Kenner der österreichischen Militärgeschichte, zeigt im voluminösen dritten Band seiner auf sieben Teile angelegten Reihe "Wien 2000 Jahre Garnisonsstadt", wie voll allein die Wiener Innenstadt von Lokalitäten und Objekten ist, die militärhistorisch interessant sind. Da das Datenmaterial so umfangreich ist, hat der Autor dabei die Zeit der Besatzung durch die Alliierten 1945-1955 und die Bestandteile der Wiener Stadtbefestigung ausgeklammert, um sie in späteren Bänden zu behandeln.
Das Erzherzog-Albrecht-Denkmal vor der Albertina begrüßt nicht nur viele Touristen, die Wiens City betreten, es eröffnet auch die opulent illustrierte Dokumentation. Alphabetisch aufgelistet - beginnend mit A wie Albertinaplatz - sind darin über 300 markante Orte beschrieben. Dieser Erzherzog Albrecht, im Revolutionsjahr 1848 Stadtkommandant von Wien, führte 1866 die österreichische Armee zum Sieg bei Custozza. Sein Denkmal wurde am 21. Mai 1899 enthüllt, genau 90 Jahre, nachdem sein Vater Erzherzog Carl in der Schlacht bei Aspern dem Franzosenkaiser Napoleon dessen erste Niederlage zugefügt hatte.
Konditoren als Tafelstifter
Viele Kapitel des Buches beziehen sich auf Denkmäler und Gedenktafeln. Die Monumente für Erzherzog Carl und Prinz Eugen auf dem Heldenplatz kennt jeder, aber wer kennt die Gedenktafel für den aus Polen stammenden Franz Georg Kolschitzky, Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens, in der Domgasse 8? Sie wurde im September 1983 von "Warschauer Konditoren" gestiftet.
Wer sich wundert, dass das Reiterstandbild für Feldmarschall Radetzky unter der Ortsbezeichnung Am Hof abgebildet ist, erfährt, dass dies der ursprüngliche Standort war. Das 1892 enthüllte Denkmal übersiedelte 1912 auf seinen heutigen Platz vor dem Regierungsgebäude am Stubenring. Der Platz Am Hof mit der früheren Garnisonskirche ist besonders geschichtsträchtig. Dort hat man einen Kanal des römischen Legionslagers Vindobona gefunden, dort befand sich der Herzogshof der Babenberger, eine Kugel am Haus Nummer 11 zeugt von den Türkenkriegen, 1809 bezog dort ein französischer General Quartier. Wo einst das Kriegsministerium stand, erinnert eine Gedenktafel an Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes. Am Standort der Österreichischen Kontrollbank gab es von 1933 bis 1938 Büros der Vaterländischen Front, ab 1938 Dienststellen der nationalsozialistischen Gauleitung, nach 1945 Räume des Luftamtes des Innenministeriums.
Manche Orte - etwa Ballhausplatz 1 oder 2 - standen natürlich im Zentrum der Historie, doch der Hauch der Geschichte wehte praktisch in allen Gassen. Ob römische Mannschaftsunterkünfte im Bereich Judenplatz, ob der als Wiens erstes Waffendepot geltende "Zeugstadl" von 1444 an der Postgasse oder die Alte Feldapotheke an der Rotenturmstraße, Rolf Urrisk lässt keine erwähnenswerte Adresse aus - Militärkommanden, Soldatenquartiere, Exerzierplätze und Schießstätten, Munitionslager, Grabstätten. Auch über das "Wiener Fluss-Streitschiffarsenal" aus dem 16. Jahrhundert wird informiert, auf dessen Areal (nahe der Wipplingerstraße) im 18. Jahrhundert ein Militär-Verpflegsmagazin und eine Bäckerei entstanden.
Mit einem Luftschutzgitter in der Wollzeile 16, laut Urrisk vermutlich "das letzte erhaltene in der Inneren Stadt", endet der sorgfältig durchnummerierte Katalog. Ein Nachtrag nimmt auf ein erst im Sommer 2012 gelüftetes Geheimnis Bezug. Unter dem Granitblock mit dem Unbekannten Soldaten in der Krypta des Äußeren Burgtores entdeckte man damals ein in den 1930er Jahren heimlich deponierten nationalsozialistisches Huldigungsschreiben des Bildhauers Wilhelm Frass.
Damit hatte man aufgrund von Gerüchten gerechnet, nicht aber mit dem Fund eines zweiten Textes, den der Bildhauer Alfons Riedel, damals Gehilfe von Frass, verfasst hat. Für Rolf Urrisk liegt die wahre Sensation in diesem pazifistischen Aufruf, der das Buch über 2000 Jahre Militärgeschichte passend schließt: "Ich wünsche, dass künftige Generationen unseres unsterblichen Volkes nicht mehr in die Notwendigkeit versetzt werden, Denkmäler für Gefallene aus gewaltsamen Auseinandersetzungen von Nation zu Nation errichten zu müssen."
Rolf M. Urrisk-Obertynski: Wien. 2000 Jahre Garnisonsstadt. 3. Band: I. Bezirk – Innere Stadt, Weishaupt Verlag, 376 Seiten, 58 Euro
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