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US-Justiz: Wenig Pardon für junge Sünder

Von Gabriele Chwallek Washington

Politik

· Die Behandlung des elfjährigen Schweiz-Amerikaners Raoul, der unter dem Verdacht der sexuellen Belästigung sieben Wochen in einer Jugendhaftanstalt in Colorado saß, schlägt in | Europa hohe Wellen. Aber in den Vereinigten Staaten ist das Echo bisher äußerst gering. Man ist es gewohnt, dass zunehmend hart gegen junge verdächtige oder erwiesene Straftäter vorgegangen wird.


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Auch Bilder von Kindern, die in Handschellen dem Richter vorgeführt werden, können die meisten Amerikaner kaum schocken. "Das sind nun mal unsere Gesetze", heißt es häufig Achsel

zuckend, wenn Ausländer ihren Kopf über die harte Gangart schütteln.

Tatsächlich haben sich die Rufe nach noch härterem Durchgreifen gegen junge Straffällige in der Vergangenheit verstärkt. Anlass ist die Serie von Schulschießereien mit Tätern, die zum Teil noch

Kinder waren · wie etwa 1998 in Jonesboro (Arkansas), wo ein Elfjähriger zum Amokläufer wurde. Immer mehr Staaten haben ihre Bestimmungen gelockert, damit junge Menschen unter 18 vor Gericht wie

Erwachsene behandelt werden können.

Das heißt, in manchen Bundesstaaten wie Ohio kann schon einen 14-Jährigen die volle Wucht der Strafgesetze treffen · mit Ausnahme der Hinrichtung. Aber auch hier gibt es vereinzelt schon

Bestrebungen nach einer Änderung. So scheiterte erst im vergangenen Jahr in Texas ein Vorstoß, in Mordfällen die Todesstrafe bereits für Elfjährige zuzulassen.

Genaue Zahlen darüber, wie viele Kinder sich in den USA wegen sexueller Vergehen in Gewahrsam befinden, liegen nicht vor. Aber es sieht so aus, als greife die für den Fall Raoul zuständige

Staatsanwaltschaft in Jefferson County ganz besonders hart durch. Danach wurden in keinem anderen Bezirk des Staates Colorado so viele Prozesse gegen mutmaßliche jugendliche Sexualtäter

angestrengt wie hier. Auf der Bezirksliste registrierter Krimineller dieser Art stehen 183 Namen. 88 davon waren zum Zeitpunkt ihrer Erfassung jünger als 18. Raoul, dessen Schuld bisher nicht

erwiesen ist, drohen im schwersten Fall zwei Jahre Aufenthalt in einer therapeutischen Einrichtung · weitgehend abgekoppelt von der Familie.

Nach amtlichen Schätzungen wurden 1997 US-weit etwa 2.840.000 Jugendliche und Kinder unter 18 unter dem Verdacht verschiedener Straftaten festgenommen. 32 Prozent waren bis zu 15 Jahre alt. Etwa

18.500 jungen Menschen wurden bei der Festnahme sexuelle Vergehen mit Ausnahme von Vergewaltigung und Prostitution angelastet, davon wiederum die Hälfte 15 oder darunter.

Nach jüngsten Statistiken sind zurzeit 106.790 Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Gründen in Gewahrsam, sei es in Haftanstalten, Gruppenheimen, geschlossenen therapeutischen Einrichtungen

oder auch Pflegefamilien. Zahlen aus dem Jahr 1994 zeigen, dass zu Haft verurteilte junge Menschen durchschnittlich 147 Tage hinter Gittern verbrachten.

Allein von 1992 bis 1995 haben 41 Staaten die Möglichkeiten ausgeweitet, Jugendlichen zumindest ab 16 in besonders schwerwiegenden Fällen den Prozess nach Erwachsenen-Strafrecht zu machen. Der

Gedanke, dass junge Menschen auch nach Verbrechen wie Mord und Vergewaltigung rehabilitiert werden könnten, verliere zunehmend Gewicht, beklagen Psychologen und Rechtsexperten.

Andere Experten weisen auch auf den "Horror" hin, den die gemeinsame Unterbringung von Jugendlichen und Erwachsenen in US-Haftanstalten bedeute. So seien sie fünf Mal häufiger sexuellen Übergriffen

von Mithäftlingen ausgesetzt als in Jugendstrafanstalten.

Inzwischen hat die Zahl von jugendlichen Straftätern in den USA abgenommen. 1998 kam es zu 11 Prozent weniger Festnahmen junger Leute unter 18 als im Jahr davor. Aber das ermutigt

die US-Strafverfolgungsbehörden und auch den großen Teil der Bevölkerung nicht zu größerer Milde. Im Gegenteil: Sie sehen in der Tendenz eine Bestätigung ihres Kurses des Härte.

Der Pressesprecher von Justizminister Michalek, Gerhard Litzka, bezeichnete den Umgang der US-Justiz mit Raoul als "justizpolitische Endzeitsituation". Generell müsste Kindern zugestanden werden,

erst zu lernen, was verboten ist: "Es ist eine Zumutung der Gesellschaft, von einem Elfjährigen zu verlangen, er solle wissen, was er tun darf." Die Vereinigten Staaten hätten ihr teilweise völlig

erstarrtes Rechtssystem nicht weiter entwickelt, während es in Europa eine andere Rechtstradition gebe. Den Sonderweg, den die amerikanische Justizpolitik im internationalen Vergleich offenbar

verfolgt, zeigt sich auch darin, dass man bisher die UN-Konvention über die Rechte des Kindes nicht unterzeichnet hat. Mit Ausnahme von Somalia und den USA haben sämtliche Staaten diesen Vertrag

ratifiziert.