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US-Reisewarnung ist geringstes Problem

Von Thomas Pressberger

Wirtschaft
Trotz Reisewarnung kommen Gäste aus den USA nach Österreich. Klimawandel und Arbeitskräftemangel bereiten der Tourismusbranche viel größere Sorgen.
© Fotolia/rh2010

Der Terror konnte dem österreichischen Tourismus bisher nicht viel anhaben. Die heimische Politik ist da schon hinderlicher.


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Wien. Die US-Reisewarnung für Europa wird Österreich kein Minus bei den Gästen aus den USA bringen, im Gegenteil, meinen Tourismusverantwortliche. Auch die anhaltende Terrorgefahr in Europa hat der österreichischen Tourismusbranche bisher eher geholfen als geschadet. "Die heutige Urlaubergeneration hat die Welt bereits gesehen und macht auch gerne in der Nähe Urlaub", sagt Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung. Österreich sei innerhalb Europas leicht erreichbar und gelte immer noch als sicher.

Die US-Reisewarnung werde an der positiven Entwicklung nichts ändern. Der US-Markt sei für Österreich nicht "wahnsinnig wichtig" - abgesehen für Wien und einzelne Betriebe. Es werde sich ähnlich wie bei den Rückgängen bei russischen Gästen verhalten. Gäste aus anderen Ländern haben die Ausfälle ausgeglichen.

In Wien werden im heurigen Sommer sogar mehr US-Gäste als im Sommer des Vorjahres erwartet. "Von Dezember bis Februar gab es schon einmal eine Reisewarnung. In Wien gab es bei den US-Gästen trotzdem ein Plus", sagt Andrea Zefferer, Pressesprecherin von Wien Tourismus. Die USA sind für Wien der drittwichtigste Markt hinter Deutschland und Österreich, Haupturlaubsmonate sind Juli, August und Dezember. "Da Wien eine Ganzjahresdestination ist, rechnen wir in diesem Sommer mit ähnlichen Auswirkungen wie im Winter", sagt Zefferer. Die US-Gäste seien in der Regel gut informiert und würden die Situation in Europa kennen. Die Mercer-Studie, in der Wien heuer zum achten Mal auf Platz eins der Städte mit der größten Lebensqualität lag, hilft zusätzlich - Sicherheit ist darin ein wichtiges Thema. Der erste Direktflug von Los Angeles nach Wien soll für Impulse sorgen.

Lediglich auf den Fernmärkten, vor allem im asiatischen Raum, sorgt die Terrorgefahr für Rückgänge, sagt Zefferer. Japaner seien bei diesem Thema besonders sensibel. "Je weiter die Märkte entfernt sind, umso weniger differenzieren sie nach Ländern. Da wird Europa insgesamt als Krisenkontinent wahrgenommen."

Unangenehme Experten

Die Gefahren für die österreichische Tourismusindustrie liegen in Wahrheit ganz wo anders. Als eine der größten Herausforderungen nennt Oliver Fritz, Referent für Tourismus am Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), den Klimawandel. "Das ist in der Industrie noch nicht angekommen", sagt Fritz. Es werde nicht einmal gerne gehört, wenn Experten darauf hinweisen. Dabei müsse der Klimawandel nicht nur negative Auswirkungen auf Österreich haben. "Die alpinen Regionen könnten im Sommer profitieren, wenn es im Süden zu heiß ist", sagt Fritz. Viele würden dann lieber in den Bergen wandern oder sich an Seen aufhalten. Der Mangel heimischer Arbeitskräfte, der zunehmend durch ausländische Arbeitskräfte kompensiert wird, könne zu einem weiteren Problem führen. Der typisch österreichische Flair, den sich Gäste hierzulande erwarten, könnte dadurch verlorengehen, meint Fritz.

Nicht zuletzt bedeutet auch der Strukturwandel für die Branche eine Herkulesaufgabe. "Anders als in anderen Branchen erwarten die Touristen immer etwas Neues", sagt Fritz. Und dafür bedürfe es Investitionen. Das werde zwar von vielen erkannt, in der Branche gehe dennoch die Angst um, dass ähnlich wie in der Schweiz Investorengruppen Hotels aufkaufen und Luxusbetriebe daraus machen. "Das wäre ein Problem, weil die Nachfrage in Österreich nicht vordergründig auf Luxus ausgerichtet ist", sagt Fritz. Es gebe viele familiengeführte Hotels, die sehr serviceorientiert seien. Würden diese Wegfallen, würde die Servicequalität leiden.

Zellmann sieht noch ein grundsätzliches Problem der heimischen Tourismusbranche. "Die Politik unterschätzt die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus maßlos." Jeder dritte Arbeitsplatz in Österreich sei von der Freizeit- und Tourismuswirtschaft abhängig - vom Lieferanten, Architekten bis hin zum Tischler, der dem Bäcker einen neuen Ladentisch baut und dieser ohne Touristen keine Semmeln verkaufen könnte. Maßnahmen wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer für Beherbergungsbetriebe von 10 auf 13 Prozent oder die Verlängerung der Abschreibungsdauer von 33 auf 40 Jahre, seien nicht verständlich. "Stärken müsste man die Betriebe, nicht schwächen", sagt Zellmann. Ohne es böse zu meinen, in der Politik herrsche bei diesem Thema "Ahnungslosigkeit". Der Tourismus sei ein Alleinstellungsmerkmal Österreichs, man erziele hinter Malta und Zypern den höchsten Pro-Kopf-Umsatz weltweit. Das spiegelt sich auch in der Leistungsbilanz wider.

Atemschutz und Schutzbrille

Das Problem sei, dass der Tourismus breit aufgestellt und damit von fast jeder neuen Auflage betroffen sei, sagt Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung. Sie wünscht sich einen "KMU-Reality-Check" bevor neue Maßnahmen eingeführt werden. Manche Maßnahmen seien verständlich, andere nicht. Etwa, dass Mitarbeiter in ihrem Hotel Atemschutzmasken und Schutzbrillen tragen müssen, wenn sie das Geschirrspülmittel nachfüllen.

Dem Tourismus würde eine Angebotsentwicklung im Allgemeinen und die Liebe zum Detail im Alltag des Urlaubers im Speziellen helfen, sagt Zellmann. Das könne eine persönliche Ansprache beim Frühstück, ein Tipp bei Schlechtwetter oder ein individuelles Angebot des Tages sein. "Der Gast muss spüren: Man ist für ihn da und kümmert sich um seine Bedürfnisse." Diese Managementaufgabe werde derzeit überhaupt nicht wahrgenommen. Soziale Medien alleine würden nicht reichen, sie würden auf einer anderen Ebene wirken, etwa wenn der Gast sein positives Erlebnis mit anderen auf Facebook teilt.

Schnee bleibt weißes Gold

Trotz Klimawandels sieht Zellmann Zukunft für den Wintertourismus. Der Schnee in den Skigebieten sei für Österreich eine Überlebensfrage. 80 Prozent der Umsätze im Wintertourismus kommen von Ski- und Snowboardfahrern. "Wir sind vom Schnee abhängig, die Betriebe brauchen zwei Saisonen." Man müsse auf eine Harmonie zwischen Ökologie und Ökonomie achten.

Beim Beschneien sei das inzwischen gelungen, es handle sich nicht mehr um Kunstschnee mit Chemikalien, sondern um technisch hergestellten Naturschnee, bei dem weniger Energie eingesetzt wird und der Wasserkreislauf erhalten bleibt. "Fauna und Flora entwickeln sich auf beschneiten und nichtbeschneiten Flächen gleich, da gibt es keinen Unterschied mehr", sagt Zellmann. Die technische Weiterentwicklung könne mit der Erwärmung Schritt halten.