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USA in Zukunft Selbstversorger

Von Veronika Eschbacher

Politik

Fast 90 Prozent der Ölexporte aus dem Mittleren Osten gehen 2035 nach Asien.


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London. Geht es nach der Internationalen Energieagentur (IEA), bleibt in der globalen Energiewirtschaft künftig kein Stein auf dem anderen. Die Vereinigten Staaten überholen Saudi-Arabien und werden voraussichtlich 2020 weltweit größter Ölproduzent. Gleichzeitig sinken die Ölimporte der USA drastisch. Dies beschleunigt die Umorientierung des internationalen Ölhandels in Richtung Asien. Zu verdanken sei die Entwicklung vor allem neuen Technologien in der Ölförderung, so die IEA in ihrem Montag präsentierten "World Energy Outlook 2012".

Noch bis vor kurzem lag die Ölproduktion der USA unter der Hälfte des Niveaus von Anfang der 70er Jahre. Seit drei Jahren jedoch steigt sie wieder. Verantwortlich dafür zeichnen sich aufwendige, aber inzwischen wirtschaftliche Fördertechniken. Horizontales Bohren etwa ermöglicht die Ölförderung in bisher schwer zugänglichen Gesteinsformationen. "Shale Oil" (Schieferöl) und "Tight Oil" genannte Vorkommen eignen sich somit plötzlich zur Ausbeutung. Während die USA so einerseits mehr Öl produzieren, beginnen neue Maßnahmen zur Senkung des Kraftstoffverbrauchs pro Fahrzeug im Verkehrssektor in Amerika zu greifen. Nordamerika, so die IEA, würde dadurch um das Jahr 2030 zu einem Nettoölexporteur. Derzeit decken die USA noch etwa 20 Prozent ihres gesamten Energiebedarfs durch Importe ab.

Wer jedoch glaubt, dass die USA damit vor den Effekten weltweiter Preisschwankungen gefeit sind, liege falsch, meint die IEA. Kein Land sei eine "Energieinsel", im Gegenteil, die Wechselwirkungen zwischen den Energieträgern, Märkten und Preisen würden sich intensivieren. Ein Beispiel dafür erläuterte der internationale Energieberater Wolfgang Schollnberger bereits im September bei der Rohstoffkonferenz Eumicon in Leoben: 2011 verbilligte die Schiefergasblase Erdgas in den USA. Infolgedessen stieg die Nachfrage, und der Kohleverbrauch verringerte sich. Dies wiederum erlaubte einen verstärkten Export von Kohle nach Europa, wo diese wiederum teureres Erdgas verdrängte. Das dadurch verfügbare europäische Erdgas wiederum ging nach Japan.

Veränderungen in einem Teil der Welt würden in anderen Teilen rascher zu spüren sein, heißt es im Bericht der IEA. Innerhalb einzelner Länder und Regionen würden wettbewerbsoffene Strommärkte stärkere Verknüpfungen zwischen den Kohle- und Gasmärkten entstehen lassen. Gleichzeitig müssen sich diese Märkte an die wachsende Bedeutung der erneuerbaren Energien und die verringerte Nutzung der Kernenergie anpassen.

Irak, Erdgas auf dem Vormarsch

Als Profiteur der Entwicklungen auf dem globalen Energiesektor führt der World Energy Outlook 2012 den Irak an. Das Land ist bestrebt, seine Erdölförderung nach Jahrzehnten der Instabilität auszubauen. Wird ein stabiler nationaler Konsens über die Ölpolitik erzielt, geht die IEA davon aus, dass der Irak zu einem Hauptlieferanten der rasch expandierenden Märkte in Asien wird. In den 2030er Jahren könnte das Land gar zum weltweit zweitgrößten Erdölexporteur, noch vor Russland, aufsteigen. Dies würde im Jahresdurchschnitt 200 Milliarden Dollar in die irakischen Staatskassen schwemmen. Hier darf sich die ganze Welt mitfreuen, denn: Ohne diese Expansion würden die Ölmärkte schwierigen Zeiten entgegensehen, da der Ölpreis merkbar höher wäre, so die IEA. Offen bleibt für die Zukunft, wer die strategischen Handelswege vom Nahen Osten kontrollieren und sichern wird. Ob sich die USA im Falle einer realisierten Importunabhängigkeit noch darum kümmern werden, stellen Analysten infrage.

Die Nachfrage nach Erdgas wird laut IEA in den nächsten zwei Jahrzehnten um 50 Prozent zunehmen. Beinahe die Hälfte der Produktionssteigerung werde mit unkonventionellem Gas wie etwa Schiefergas vor allem aus den USA, Australien und China erreicht werden.

Ob der Verbrauch von Kohle weiterhin so rasant steigen wird, werde vor allem von umweltpolitischen Maßnahmen sowie der Entwicklung des Kohlepreises im Vergleich zum Gas abhängen. Fast die Hälfte des Anstiegs der weltweiten Energienachfrage wurde in den letzten Jahren durch Kohle gedeckt. So etwa stieg alleine zwischen 2010 und 2011 der weltweite Kohleverbrauch um 192 Millionen Tonnen Öläquivalente - verglichen dazu betrug der gesamte Energiekonsum aus Wind, Solar, Biomasse, Geothermik und Abfallenergie fast den gleichen Wert. Die Zukunft der Kohle liege vor allem in den Händen von China und Indien, so die IEA: Auf diese beiden Länder entfallen fast drei Viertel des zu erwartenden Kohleverbrauchs außerhalb des OECD-Raumes.

Vor allem das weltweite Bevölkerungswachstum treibt den globalen Energiebedarf an. Fatih Birol, der Hauptautor des World Energy Outlook, beklagt das Fehlen einer koordinierten Energiepolitik. "Unsere Analyse zeigt, dass zwei Drittel der bis 2035 ökonomisch realisierbaren Effizienzverbesserungen ungenützt bleiben werden", so der IEA-Chefökonom. Birol wird am Mittwoch in der Hofburg in Wien Details aus dem Bericht präsentieren.