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USA klagen Großbanken

Von WZ-Korrespondent John Dyer

Wirtschaft

Finanzkrise von 2008 hat Nachspiel vor Gericht. | Kritik an allzu großzügiger Hypothekenvergabe.


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Boston. Die US-Regierung bereitet Klagen gegen mehr als ein Dutzend Großbanken vor, die wissentlich vor der Finanzkrise 2008 faule Hypothekenkredite an Anleger verkauft und damit Sicherheitsregeln verletzt haben. Die Klagen könnten zu einem gewaltigen Kräftemessen zwischen Washington und den Banken werden, deren Hypothekenvergabe und ihr Handel mit den gebündelten Kreditgarantien nach Platzen der Immobilienblase erst zu der Finanzkrise von 2008 geführt haben.

Klagefrist bis Mittwoch

Die Klagen richten sich laut einem Bericht der "New York Times" in ihrer Freitagsausgabe unter anderem gegen Bank of America, Chase, Deutsche Bank, Goldman Sachs und andere. Stichtag für die Klageeinreichung durch die Bundesbehörde zur Aufsicht über Finanzierung des Haus- und Wohnungsmarktes FHFA (Federal Housing Finance Agency) ist kommender Mittwoch. Die FHFA war vor drei Jahren gegründet worden, um die nahezu bankrotten halböffentlichen Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac zu beaufsichtigen, die inzwischen Inhaber der "toxischen" Hypotheken sind. Fannie und Freddie haben durch faule Kredite bisher einen Verlust von 30 Milliarden Dollar (21 Milliarden Euro) erlitten. Sie halten laut dem Zeitungsbericht zusammen über fünf Billionen Dollar an Hypotheken und anderen Sicherheiten.

Den Banken wird nun vorgeworfen, dass sie bei der Hypothekenvergabe nicht die notwendige Sorgfalt zur Prüfung walten ließen und dass sie diese dann an Investoren verkauft haben. Sie gestatteten den Kreditnehmern, falsche höhere Angaben über ihr Einkommen zu machen, was die Sicherheit als attraktiv erscheinen ließ, bis die Schuldner in Verzug gerieten oder ihre beliehene Immobilie durch das Einbrechen der Marktpreise an Wert verlor. Die weiterverkauften Hypotheken in den Händen der Investoren wurden damit so gut wie wertlos.

Die Klagen seien ähnlich angelegt wie eine gegen die schweizerische UBS im Juli, schreibt die Zeitung. Die US-Regierung will von UBS 900 Millionen Dollar als Ausgleich für schlechte Hypotheken, die an Fannie und Freddie gegangen sind.

Die Immobilienaufsichtsbehörde hat zu der neuen Meldung nicht Stellung genommen. Bank of America, Goldman Sachs und JP Morgan verweigerten ebenfalls jeden Kommentar. Frank Kelly, Sprecher der Deutschen Bank, sagte: "Wir können nicht zu einer Klage Stellung nehmen, die wir nicht gesehen haben und die noch nicht zu Gericht gegangen ist."

Schlechter Zeitpunkt

Kathleen Brooks, Research-Direktorin von Forex.com, sieht die Klagen zu einem schlechten Zeitpunkt kommen. Das US-Justizministerium und die Justizministerien aller 50 Bundesstaaten verhandeln derzeit mit denselben Banken über die Beilegung einer 20 Milliarden Dollar-Forderung wegen Zwangsversteigerungen bei Kunden, die die faulen Hypotheken übernommen hatten. "Der US-Bankensektor hat schon einen massiven Vertrauensverlust erlitten und ist unglaublich verwundbar", sagte Brooks. "Diese Klage und die gewaltigen Summen, um die es dabei geht, könnten das Problem noch verschlimmern und einen weiteren Stolperstein in den Finanzsektor schleudern."

Marktbeobachter verweisen darauf, dass die Banken falsch gehandelt haben mögen, allerdings in einem Umfeld, in dem sie von den Aufsichtsbehörden nicht gebremst wurden. In jenen Jahren war die großzügige Hypothekenvergabe sogar vom US-Kongress erwünscht, um auch Beziehern niedriger Einkommen den Kauf von Wohnungseigentum zu ermöglichen.

"Obwohl ich glaube, dass die FHFA verantwortlich handeln wird, befürchte ich doch, dass wir diese Leute über die Klippe stoßen und wir danach die Banken erneut retten müssen", meint Tim Rood, Bankenexperte bei der Collingwood Group in Washington, der bis 2006 bei Fannie Mae gearbeitet hatte.