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Ute Bocks Kampf für obdachlose Flüchtlinge

Von Bertin Nzogang

Politik

Für viele ist Frau Bock die letzte Hoffnung. Sie hilft Asylwerbern in Österreich bei der Suche nach einer Meldeadresse, einem Dach über den Kopf, einem Mittagessen, einem Deutschkurs, einer Ausbildung oder gar einem Arbeitsplatz. Unterstützung bietet sie etwa bei gerichtlichen Verfahren, polizeilichen Strafen und bei Berufungen in Asylverfahren.


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"Bitte schön, was kann ich für sie tun?", fragt Bock, als ein Jugoslawe mit verzweifeltem Gesicht und den Händen voll mit Unterlagen die neu eingerichteten Kellerräume von SOS-Mitmensch betritt, in denen sie ihr Büro hat. Der junge Mann lebt seit fünf Jahren in Österreich und ringt mit einem Adoptionsverfahren. Frau Bock sei seine letzte Chance, sagt er flehentlich, er wisse nicht an wen er sich sonst wenden soll. Obwohl der Vater und der Adoptivonkel in Österreich leben, hat er nach zahlreichen Anläufen bei den zuständigen Ämtern keinen Aufenthaltstitel erhalten.

Bock schüttelt den Kopf, blättert besorgt in ihrem Adressbuch und greift zum Telefon. Sie spricht mit einem Rechtsanwalt und danach mit der Behörde. Kurze Zeit später hat sie schon fast eine Lösung parat - Alltag für Frau Bock. Unzählige Bedürftige treten mit nicht immer leicht zu handhabenden Herausforderungen an sie heran. Manchmal geht es um Leben und Tod. So forderte etwa der Fall eines an Leberzirrhose leidenden Russen in Schubhaft ein rasches Handeln der unermüdlichen Frau.

Multikultureller Andrang

Auf der oberen Etage beim Empfang ist der Raum ständig voll mit Menschen verschiedenster Herkunft: Neben Tschetschenen, Armeniern, Iranern und Irakern tummeln sich auch sehr viele Afrikaner hier. Während manche zum ersten Mal hier sind, haben viele hier ihre Meldeadresse und müssen jede Woche Ihre Post kontrollieren. Einige warten brav auf einen der fünf Computer, an denen man gratis im Internet surfen kann. Seit Beginn des Jahres veranstaltet der Verein Ute Bock sogar Integrationsdeutschkurse. Drei Gruppen mit je fünfzehn Personen werden von vier Lehrerinnen unterrichtet. Fünf weitere junge Leute helfen der 62jährigen bei der Betreuung des aus eigenen Mitteln und Spenden finanzierten Wohnprojekts. Trotz mangelnder finanzieller Mittel wird hier niemand ausgeschlossen. Der Erfolg ist so deutlich zu spüren, dass dem jungen Verein schon manchmal nachgesagt wird, eine der besten Hilfsorganisationen in Wien zu sein. "Das stimmt sicher nicht. Die Caritas und ähnliche Vereine sind Riesenorganisationen, die ganz andere Möglichkeiten haben und auch besser strukturiert sind", gibt sich Bock jedoch bescheiden.

Sie muss sich ihre Zeit inzwischen genau einteilen. Mannigfaltige Termine wie Behördenwege, Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Fernsehauftritte und Radiosendungen gehören zu ihrem Alltag des unermüdlichen Einsatzes für ihre Schützlinge.

Derzeit beteiligt sich die Linzerin gemeinsam mit "Medical Aid for All" (MAIA) am Aufbau eines Netzwerkes zur kostenlosen medizinischen Versorgung von Flüchtlingen ohne Krankenversicherung und anderen bedürftigen MigrantInnen. Über eine vom Institut für Informationssysteme der TU Wien gestaltete Datenbank werden NGOs die Möglichkeit haben, ÄrztInnen, PsychotherapeutInnen und PsychologInnen zu vermitteln.

Zahlreiche Auszeichnungen

Seit letztem Jahr ist Bock mehrfach ausgezeichnet worden. 2003 erhielt sie vom ORF den Greinecker Seniorenpreis. Diesen Mai bekam sie für ihr Engagement den Humanitätspreis des Roten Kreuzes verliehen. Kurz darauf wurde sie für ihr Projekt "Bock auf Bier" von Siemens zum "Imagineer des Jahres" ernannt und erhielt den mit 20.000 Euro dotierten Spin the Globe-Award 2004. "Ich muss die Preise annehmen, da ich das Geld für die Arbeit brauche", sagt sie.

Noch viel zu tun

Trotz einer neuen Verordnung des Innenministeriums, alle Asylwerber ab Jänner 2004 im Bundesbetreuung aufzunehmen, befinden sich noch viele auf der Straße. Es ist ihre Aufgabe als Österreicherin, gegen diesen Zustand etwas zu tun, sagt Bock. Mehr als 800 sind bei ihr gemeldet. In acht Wiener Bezirken sind 181 Asylwerber in 41 Wohnungen untergebracht. "Ich frage mich, wie ich bis Ende des Monats überleben werde. Es ist verdammt hart", beurteilt Bock die ungeheuren Kosten.

Zahlreiche Künstler, Firmen, Privatpersonen und inzwischen sogar die Regierung haben bereits für die Wohltäterin Partei ergriffen und unterstützen ihre Arbeit für obdachlose Asylwerber. Der Hauptverband des österreichischen Buchhandels zum Beispiel, hat zuletzt alte Bücher verkauft und den Erlös von 6.500 Euro Ute Bocks Wohnprojekt gespendet.