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Veränderung ohne Radikalisierung

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Im Umgang mit den Folgen der Präsidentenwahl im Iran sollte der US-Präsident der Linie jener Rede treu bleiben, die er jüngst vor den Muslimen in Kairo gehalten hat.


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Der stürmische Verlauf der Wahlen im Iran ist ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr die Ära von US-Präsident Barack Obama aufrüttelnd wirkt auf die Welt. Die regierenden Mullahs sind nervös, weil sie die Regierung in Gefahr sehen; die Opposition drängt auf die Straßen, um gegen vermutete Wahlmanipulation zu protestieren; Präsident Mahmoud Ahmadinejad besteht auf seiner Wiederwahl; aber was die Welt vor allem sieht, ist ein Regime, das verwundbar geworden ist.

Was soll Obama zu diesem Gärungsprozess sagen, den auszulösen er selbst mitgeholfen hat? Er sollte wohl am besten bei der Linie seiner Kairo-Rede bleiben und sich direkt an die muslimische Öffentlichkeit wenden, auch wenn er zugleich einen Dialog mit der repressiven Regierung Irans und vieler anderer Länder in Aussicht stellt.

Sich in die iranische Politik einzumischen, wäre ein Fehler. Das würde den Mullahs jenen ausländischen Feind verschaffen, den sie brauchen, um die Reformer in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Botschaft sollte lauten: "Wir unterstützen die iranischen Bürger und ihre Demokratie. Jede mögliche Veränderung in der Regierung ist ihre Entscheidung, nicht die der USA."

Die Frage ist nun, ob die Demonstranten weitermachen und wie die Mullahs darauf reagieren. Ein früherer CIA-Mitarbeiter sagte, die Proteste wirkten nicht durchorganisiert, ohne Hilfe von außen. Ein Kollege, ein Iran-Experte, hält die Angst der iranischen Regierung vor einer ähnlichen Revolution wie in Georgien oder der Ukraine für verfrüht. Aber zugleich warnt er: "Im Laufe des Sommers könnte es sehr heikel werden."

Dabei könnte Ahmadinejad die Wahlen durchaus tatsächlich gewonnen haben, wie Mitarbeiter des US-Geheimdienstes sagen - allerdings wahrscheinlich mit einem geringeren Stimmenanteil als behauptet. Die Möglichkeiten eines Einblicks in die Wahlmaschinerie seien aber begrenzt.

Obamas Kairo-Rede war laut Geheimdienstmitarbeitern bewusst darauf ausgerichtet, muslimischen Extremisten in möglichst großem Maße entgegenzuwirken. Den jungen Menschen, die in Gefahr sind, von Dschihad-Rhetorik verführt zu werden, soll ein neuer Weg gezeigt werden.

Was Obama getan habe, meint ein anderer Geheimdienstler, sei das Schaffen einer neuen Strategie, durch die man die USA auf andere Weise als bisher wahrnehmen könne. Obama mache ein Bild von Veränderung attraktiv, das ohne Radikalisierung auskomme.

Zu einer ähnlichen Einschätzung von Obamas Wirkung auf die muslimische Welt kommt Tawfik Hamid, ein früherer Dschihad-Anhänger aus Ägypten und Mitglied in einem Netzwerk, dem auch Ayman al-Zawahiri aus der Führungsriege der Al Kaida angehörte. Hamid sagte jüngst in einem Interview, Obama ermutige junge Muslime zu "kritischem Denken", dazu, die einfachen Kategorien von "halal" (rein und islamisch) und "haram" (unrein und unislamisch) zu überwinden.

In seiner Dschihad-Gruppe in Kairo gab es das Sprichwort "al fikr kufr", erzählte Hamid; frei übersetzt heißt das so viel wie: "Denken macht dich zum Ungläubigen." Das ist es, was Obama angreift.

Vernunft gegen Unvernunft, Offenheit gegen Engstirnigkeit, Anbindung an die moderne Welt gegen Isolation und Rückständigkeit, Freiheit gegen Unterdrückung. Dieses Mal geht es um eine Auseinandersetzung, bei der die USA eindeutig (wenn auch zurückhaltend) auf der Seite der Bevölkerung stehen.

Was sich in Teheran abspielt, ist eine Erinnerung daran, dass sich Millionen von Muslimen nach Veränderung sehnen, die sie allerdings ohne Einfluss von außen herbeiführen wollen.

Übersetzung: Redaktion