Verantwortung auf dem Prüfstand

Von Konrad Paul Liessmann

Reflexionen

Der moderne Mensch fühlt sich für fast alles verantwortlich. Zu Recht? Gedankenspiele über einen Begriff.


Gesetzt den Fall, es gibt so etwas wie Verantwortung. Was bedeutete dies? Verantwortung kann man haben, Verantwortung kann man zuweisen, Verantwortung kann man ablehnen. Daraus wird klar: Verantwortung ist weder eine Charaktereigenschaft noch eine subjektive Willenserklärung.

Auch wenn wir ihn gerne hätten: Den von Natur aus verantwortungsvollen Menschen gibt es nicht. Verantwortung ist Ausdruck eines komplexen, triadischen sozialen Verhältnisses: Jemand ist vor anderen für das, was er getan hat, verantwortlich. Oder: Jemand ist in Hinblick auf eine Angelegenheit für andere verantwortlich. Unter welchen Bedingungen wir Verantwortung für unser eigenes Handeln tragen und vor wem wir dieses verantworten müssen, ist die eine Frage.

Machtspiele

Die andere Frage ist die nach den Bedingungen, unter denen wir Verantwortung für das Handeln anderer Menschen übernehmen wollen oder übernehmen müssen. Die in der Politik und im sozialen Leben angesprochenen Verantwortungsträger sind ja nicht in einem ausgezeichneten Sinn für ihre Handlungen verantwortlich, sondern sie sind durch diese Handlungen für das Leben und die Lebensmöglichkeiten anderer Menschen verantwortlich.

Was kann das bedeuten? Die Übernahme von Verantwortung hat eine spezifische Voraussetzung: Verfügungsgewalt. Nur wo ein Machtverhältnis existiert, kann jemand Verantwortung für andere übernehmen, weil Macht bedeutet, Dinge zu tun, von denen Menschen in einem gravierenden Sinn betroffen sind. Wer nicht die Macht hat, jemanden in seinen Handlungen zu beeinflussen, kann für diesen auch keine Verantwortung übernehmen. Ohnmacht und Verantwortlichkeit schließen einander aus.

Von dem spätantiken Stoiker Epiktet stammt der Satz: "Das eine steht in unserer Macht, das andere nicht." Nur dort, wo etwas in unserer Macht steht, ergibt die Rede von Verantwortung einen Sinn, nur dort, wo andere Menschen unserer Macht unterworfen sind, erwächst aus dieser Macht Verantwortung. Macht kann in unterschiedlicher Weise strukturiert sein.

Es kann eine Macht sein, die aus einem nahezu naturwüchsigen Gefälle zwischen Menschen erwächst: Die Macht der Eltern über ihre Kinder und die daraus abzuleitende Verantwortung waren lange das dafür paradigmatische Beispiel. Der korrekte Name dafür ist Paternalismus, und dieses Prinzip schwingt überall mit, wo erwachsene Menschen wie Kinder behandelt werden.

Es kann eine Macht sein, die aus der Differenz situationsspezifischer Sachkompetenz erwächst: Die Kompetenz des Piloten gibt ihm Macht über seine Passagiere und damit die Verantwortung für diese. Es kann eine Macht sein, die Resultat eines Abkommens, eines Vertrages ist: Jemand kann Handlungsmöglichkeiten an einen anderen abgeben, sich damit in dessen Macht begeben, dafür übernimmt dieser die Verantwortung, zum Beispiel für das Leben und die Sicherheit des anderen. Nicht nur das mittelalterliche Lehens- und Vasallenprinzip folgte dieser Logik, auch der moderne Staat wurzelt in einem Verzicht der Bürger auf Macht zugunsten einer gewählten Regierung, die mit der Macht die Verantwortung übernimmt. Das Gewaltmonopol des modernen Staates etwa gehorcht diesem Prinzip: Wer es dem Bürger nicht erlaubt, mit der eigenen Waffe für seine Sicherheit zu sorgen, trägt für dessen Schutz die Verantwortung.

Moralische Fragen

Und schließlich kann die Macht über Menschen gegen deren Willen errungen werden - aber selbst ein Aggressor übernimmt mit der Macht die Verantwortung für diejenigen, die er sich unterworfen hat. Wenn nicht die Unterdrückten selbst, so hoffen wir doch, dass zumindest die Geschichte irgendwann einmal die Verantwortung dafür einklagen wird. Die Kolonialismuskritik unserer Tage gehorcht ebenso diesem Prinzip wie alle Versuche, auch lange zurückliegendes Unrecht durch Kompensationen, Reparationszahlungen oder Rückgaben von geraubtem Kulturgut zu begleichen.

Besonders gerne wird Verantwortung für die Taten der Vorfahren übernommen, für das, was vor allem die westliche Zivilisation anderen Menschen, Gesellschaften und Kulturen an Leid zugefügt hat. Diese Untaten stehen außer Streit. Da aber die Akteure selbst nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können, ergeben sich unzählige Möglichkeiten der Ausdehnung von Verantwortlichkeiten.

Wie weit reicht historische Verantwortung eigentlich zurück? 50 Jahre? 100 Jahre? 1000 Jahre? Für welche Umweltschäden müssen welche Nachfahren aufkommen? Nur die biologischen Abkömmlinge? Die zivilisatorischen Profiteure? Die Globalisierungseliten? Wer ist darüber hinaus für die ideologischen und moralischen Irrtümer der Vorfahren in der Gegenwart hochnotpeinlich zu befragen? Nur die Angehörigen westlicher Kulturen? Tragen die anderen Gesellschaften gar keine Verantwortung für ihre Taten und Untaten?

Voraussetzung für diese moralische, und das heißt meistens monetäre Form der Übernahme von Verantwortung gegenüber der Vergangenheit ist eine reale Verschiebung der Machtverhältnisse, die es nun erlaubt, Fragen zu stellen, die nicht mehr ignoriert oder zurückgewiesen werden können. Eine prinzipielle ethische Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit, die zur Übernahme von Verantwortung zwingt, gibt es jedoch nicht: Eine solche setzte ein souverän handelndes kollektives Subjekt voraus, das sich über die Generationen und Zeiten durchhält: Das wäre entweder ein blanker Bio-Nationalismus oder eine eher plumpe metaphysische Spekulation.

Schwieriger ist es schon, in der unmittelbaren Gegenwart festzulegen, was es bedeutete, politische Verantwortung zu übernehmen. Welche Konsequenzen müssen politische Akteure ziehen, wenn Fehlentscheidungen zu nachteiligen Auswirkungen auf die Bevölkerung geführt haben? Genügt es, sich dem nächsten Wahltermin zu stellen? Wann ist ein Rücktritt geboten und Ausdruck besonderen Verantwortungsbewusstseins? Müsste für manche politische Entscheidung eine Haftung mit dem Privatvermögen angedacht werden?

Philosoph Günther Anders (1902 - 1992).
© SWR

Und gilt nicht oft der Gedanke des Philosophen Günther Anders, dass sich die Zurechnung von Verantwortlichkeiten umgekehrt proportional zur Größe der Effekte unseres Tuns verhält? Wer sich mit einer Flasche Wein bestechen und erwischen lässt, landet vor Gericht; wer Millionen empfängt und raffiniert auf Offshore-Konten verschiebt, wird bewundert. Und wie eine Großmacht zur Verantwortung ziehen, die durch ein militärisches Abenteuer einen Atomkrieg und damit die Zerstörung der Biosphäre riskiert?

Der moderne Mensch, vor allem der aufgeklärte und selbstkritische Europäer, scheint von sich aus gerne Verantwortung zu übernehmen. Anders gesagt, er fühlt sich für vieles, eigentlich für fast alles verantwortlich. Ob es sich um das Weltklima oder die globale Armut, um die Sprachprobleme von Migranten oder die Zustände im Iran handelt, ob es um die Bildung der Mädchen oder die Gewaltbereitschaft junger Männer, um die Vielfalt der Arten oder den Leibesumfang von Pubertierenden geht - die Verantwortung liegt bei ihm. Für alles nimmt er die Schuld auf sich - jedoch nicht als Person, sondern als Teilhaber einer Kultur, die sich angeblich schuldig gemacht hat und von der er sich, indem er deren Schuld benennt, selbstredend wieder distanziert.

Gerade darin besteht die raffinierte Kunst im Spiel um die Verantwortung: Diese zu übernehmen, indem man sie einem anderen zuweist, der dafür einstehen soll. Wer, besorgt um das Wohl aller Menschen, dem Schulsystem, den Medien, der Gesellschaft, der Politik, dem Kapitalismus oder dem Westen die Verantwortung für alles Mögliche zuschreibt, hat sich selbst von dieser Verantwortung auch schon wieder dispensiert. Gleichzeitig sind diese Instanzen, denen nun die Verantwortung zugedacht wird, so abstrakt, dass offenbleiben muss, wer hier noch befragt werden kann.

Wenn das "System" die Verantwortung trägt, wer ist dann dafür haftbar zu machen? Alle und keiner! Der Zeitgenosse ist mitunter ein höchst talentierter Verantwortungskünstler und Schuldverschiebungsstratege. Die Moral fungiert dabei wie so oft als Deckmantel und Schmiermittel für das Durchsetzen von Interessen.

Eigene Dynamik

Offenbar sehen wir uns folgendem Verantwortungsparadoxon ausgesetzt: Verantwortlich handeln können nur Einzelne. Aber Einzelne sind nicht für alles, was geschieht, verantwortlich. Es gibt auch die Zuständigkeiten von Organisationen, Kollektiven, Institutionen, Gesellschaften, die einer eigenen Dynamik gehorchen.

Wo verläuft die Grenze zwischen dem, was in den Verantwortungsbereich des Einzelnen fällt, und dem, was an letztlich undurchschaubare Institutionen delegiert werden muss? Und was bedeutet es, wenn die Grenze immer mehr vom Einzelnen weg und in Richtung der Institutionen verlagert wird? Was zeigt sich in der vermeintlich humanen Geste, die den Menschen signalisiert, dass sie Opfer von Umständen sind und deshalb für ihr Tun gar nicht verantwortlich gemacht werden können?

Aktuell machte sich jeder einer falschen politischen Ansicht verdächtig, der auf die Idee käme, aggressive Jugendliche, schlecht integrierte Muslime oder Junkies für ihre Lage selbst verantwortlich zu machen. Die Verantwortung liegt immer woanders, nie bei den Akteuren. Gibt es Probleme mit Zuwanderern, fehlt es an einer Willkommenskultur; ziehen junge Dschihadisten aus London oder Wien in den Irak, um Ungläubige zu köpfen, gab es für sie unzureichende Angebote zur Integration; randalieren Jugendliche am Bahnhof, hatten sie eine schwere Kindheit; verliert jemand sein Vermögen bei dubiosen Spekulationen, wurde er schlecht beraten; scheitert ein Schüler im Gymnasium, war das Schulsystem veraltet; studieren zu wenig Frauen technische Physik, hat die Gesellschaft versagt. Was gilt eigentlich der Wille des Einzelnen in solch einer Welt verschobener Verantwortlichkeit?

Dort aber, wo mit großer Geste freiwillig Verantwortung für andere übernommen wird, sollten wir mehr als vorsichtig sein. Eine legitime delegierte Verantwortlichkeit bedeutet, andere an meiner Stelle handeln zu lassen, weil ich es nicht selbst tun kann oder will. Wer ein Auto lenkt, ist für sein Verhalten im Straßenverkehr verantwortlich; wer als Fahrgast einen Bus besteigt, ist von dieser Verantwortung entbunden. Soweit ist alles klar. Spannend wird es, wenn für das, was jemand tut, ein anderer oder gleich ein ganzes System verantwortlich gemacht werden. Jugendliche mit Migrationshintergrund greifen Polizeikräfte an. Es ist ihre freiwillige Tat. Verantwortlich aber soll eine ungenügende Integrationspolitik sein. Hier wird schlicht Ursachenforschung mit Verantwortungszuschreibung verwechselt. Es mag sein, dass politische Mängel eine der Ursachen für kriminelles Verhalten darstellen können; die Verantwortung für ihre Handlungen liegt dennoch bei den Tätern: Niemand hat sie zu diesen Attacken gezwungen.

Zumindest wäre es ein interessantes Gedankenspiel, in solchen, auch medial prominent thematisierten Fällen, auf unbedingte individuelle Verantwortlichkeit zu beharren. Die Sache mit der Verantwortung und Selbstverantwortung ist vertrackt. Nur wer der Auffassung ist, dass jemand prinzipiell nicht für sich selbst verantwortlich ist, kann ihn von dieser Verantwortung entlasten und diese auf andere Instanzen abwälzen. Das mag bei Unmündigen bis zu einem gewissen Grad notwendig sein - unter Erwachsenen bedeutet dies, ihre Unmündigkeit ohne Not fortzuschreiben. Was Menschen wollen, ist dann nicht mehr Resultat ihrer Überlegungen, Wünsche und Entscheidungen, sondern wird ihnen von außen suggeriert und vorgegeben.

Was sie essen und trinken, welche politisch korrekten Sprechweisen sie pflegen sollen, wie sie auf ihre Gesundheit achten, in welche Schulen sie ihre Kinder schicken, wie sie ihr Studium organisieren, welche umweltverträglichen Produkte sie zu fairen Preisen kaufen müssten, welche Therapien und Beratungen sie aufzusuchen haben, wenn sie nicht mehr weiterkönnen - irgendeine wohlmeinende Instanz weiß, was richtig ist.

Nudging ist das Zauberwort: Kein Zwang, aber ein Stupser in die richtige Richtung. Für alles, was der moderne Mensch tut, braucht er entweder Gesetze oder Vorgaben oder Warnungen oder Berater oder Vermittler. Und er schätzt es, wenn ein anderer für ihn schon entschieden und damit die Verantwortung übernommen hat: der Staat, die Gesellschaft, das Milieu, der Markt, die Internet-Community.

Die Schuld, und das ist das Schöne daran, liegt stets woanders. Die Bevormundung des Menschen durch Instanzen, die suggerieren, nur sein Bestes zu wollen, indem sie ihm die Fähigkeit absprechen, selbst Entscheidungen zu treffen und für deren Folgen einzustehen, infantilisieren den Menschen; sie beschneiden seine Freiheit; sie nehmen ihm seine Würde. Er bleibt Objekt von fürsorgenden, vorsorgenden, kontrollierenden und therapierenden Verfahren, selbst dann, wenn man dabei ständig von Selbstverantwortung spricht.

Verantwortung setzt Freiheit voraus. Und Freiheit impliziert immer ein Risiko. Zur Selbstverantwortung gehört die Möglichkeit zu einem Handeln, das andere verantwortungslos finden können. Nur sollte man die Kraft und den Mut haben, dafür einzustehen. Wer für sich keine Verantwortung übernehmen kann und diese einem anderen überlässt, begibt sich in ein Abhängigkeitsverhältnis. Positiv gewendet erscheint dies als Schutz. Andere haben dann dafür zu sorgen, dass mir nichts zustößt. Das ist in vielen Bereichen, in denen wir mit Gegebenheiten konfrontiert sind, die nicht wir selbst geschaffen haben oder die unseren Handlungsspielraum übersteigen, verständlich.

Kinderspiele

Aber es ist doch erstaunlich, dass gerade die jungen akademischen Eliten "sichere Räume" fordern, in denen sie vor jeder intellektuellen Zumutung und vor allem, was ihr Selbst- und Weltbild irritieren könnte, geschützt, zumindest gewarnt werden wollen. Die Obsorge, die man aus guten Gründen Kindern angedeihen lässt, wird zu einem zivilisatorischen Standard, den zunehmend auch Erwachsene für sich beanspruchen. (...) Zumindest die Psychoanalyse wusste, dass das infantile Stadium unser Modell von Glück darstellt. Sigmund Freud ging noch davon aus, dass sich das kindliche Lustprinzip einmal der Realität und damit der Verantwortung stellen muss. Wir bleiben heute lieber klein und lehnen die Verantwortung für uns dankend ab. Wir halten es weniger mit Freud als vielmehr mit Jesus: Wir wollen werden wie die Kinder.

Selbstverantwortung kann noch eine weitere Bedeutung annehmen. Es kann sich auch um eine Verantwortung handeln, die ich für mein Denken und Handeln nicht vor anderen, sondern vor mir selbst übernehme. Der Mensch ist das Wesen, das sich selbst befragen kann. Wie sehr genügen wir eigentlich unseren eigenen Vorstellungen und Ansprüchen in unserem Handeln?

Gibt es gar, wie Immanuel Kant es formulierte, Pflichten sich selbst gegenüber, zum Beispiel in Hinblick auf körperliche und seelische Gesundheit und in Fragen der Selbstachtung, für die ich allein zuständig und damit verantwortlich bin? Oder ist es gerade hier verlockend, andere für etwas verantwortlich zu machen, das ich vor mir selbst nicht verantworten möchte? Am erbitterten Kampf um den eigenen Körper lässt sich dieses Spannungsfeld illustrieren: Während sich die einen im Sinne radikaler Selbstverantwortung schmerzhaften Optimierungsprogrammen unterwerfen, empfinden andere schon die Empfehlung, sich ein wenig zu pflegen, als Akt der Diskriminierung und des Body-Shaming.

Wie man es dreht und wendet: Selbstverantwortung, ernst genommen, ist eine Form der Selbstbegegnung. Es gibt allerdings viele und vor allem gute Gründe, dieser Begegnung aus dem Weg zu gehen. Sich wie ein Kind zu fühlen und behandeln zu lassen, ist dafür eine ziemlich gute Methode.

Konrad Paul Liessmann, geboren 1953, ist Professor i.R. für Philosophie, Essayist, Kulturpublizist und ständiger Kolumnist der "Wiener Zeitung". Am 13. April feiert er seinen 70. Geburtstag. Nebenstehender Text ist ein Auszug aus dem am 3. April bei Droschl erscheinenden Buch "Gedankenspiele über die Verantwortung" (48 Seiten, 10.- Euro). Bei Zsolnay sind zuletzt die Bände "Lauter Lügen" und "Der Hass. Anatomie eines elementaren Gefühls" (der jüngste Tagungsband des Philosophicum Lech) erschienen.