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Verdruss mit Investmentbanken

Von Daniel Enskat, New York

Wirtschaft

Auch wenn Online-Broker in den letzten Jahren an Popularität gewonnen haben, verlassen sich die meisten US-Anleger und Investoren immer noch auf den persönlichen Rat ihres Beraters - mit wachsendem Verdruss. Immer mehr enttäuschte Aktionäre beschweren sich bei der US-Kartellbehörde, der Securities and Exchange Commission (SEC), über die Verkaufspraktiken der Investmentbanken.


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Die Beschwerden über unpassende Aktienempfehlungen haben verglichen mit dem Vorjahr um 58% zugenommen. Allein im 1. Quartal des laufenden Geschäftsjahres verzeichnete die SEC 141 Beschwerden in diesem Bereich. Ähnlich sieht es bei Beschwerden im Zusammenhang mit Falschangaben aus, hier beträgt das Wachstum 28%. Diese Zahlen spiegeln die Unzufriedenheit der Anleger wider, die aufgrund unzureichenden Aktienwissens Investmentbanken mit Rundumberatung aufgesucht haben, um größere Sicherheit zu haben.

Ironischerweise hat sich die Zahl der Beschwerden im Zusammenhang mit Online-Brokern, von Problemen beim Online-Aktienkauf bis hin zu schlechtem oder unzureichendem Service, im selben Zeitraum von vormals 35 auf nunmehr 22% reduziert. Die Mehrheit der Beschwerden komme von Rentnern, die auf der Suche nach konservativen Anlagemöglichkeiten gewesen seien, und denen man statt dessen Technologieaktien und andere spekulative Anlageformen empfohlen hat, bestätigt die SEC-Vorsitzende Laura Unger - man werde wohl die Praktiken der Investmentbanken genauer unter die Lupe nehmen müssen.

Unabhängigkeit der Analyten fraglich

Die fragliche Unabhängigkeit der Analysten großer Investmenthäuser ist als Thema nicht neu, doch gewinnt es in Zeiten schwach performender Aktienmärkte an Gewicht und Aktualität. Demgemäß verwarnte Unger die Investmenthäuser kürzlich in einer Rede, sie sollten "das Vertrauen der Öffentlichkeit neu beleben", indem sie die "eklatanten Konflikte" ihrer Analysten lösen. In der gegenwärtigen Situation sei die "Wahrung der Informationsintegrität wichtiger denn je".

Diverse Praktiken erregen zunehmendes Aufsehen: Es ist üblich, dass Analysten danach bezahlt werden, wieviel Gebühren die Investmentbanken durch die analysierten Unternehmen verdienen. Dadurch sind Analysten geneigt, sich besonders positiv zu den entsprechenden Unternehmen zu äußern, um stetes Einkommen zu sichern. Oft besitzen Analysten darüber hinaus Aktien der von ihnen untersuchten Firmen oder erhalten Aktien zu einem reduzierten Preis vor Erstausgaben.

Üblich ist weiterhin, dass Investmentbanken im Gegenzug für die Hilfe bei der Kapitalbeschaffung Anteile bei Start-Up-Unternehmen erhalten. Diesen Unternehmen wird dann mit einer positiven Analyse ein Extraschub verpasst, um die erwähnten Anteile möglichst gewinnbringend zu verkaufen.

Ein besonderer Brennpunkt möglicher SEC-Untersuchungen dürfte das Problem der so genannten "chinesischen Mauer" werden. Die Verkaufs- und Forschungsabteilungen von Investmentbanken sollten theoretisch wie durch eine "chinesische Mauer" getrennt und unabhängig sein - in der Praxis ist dies zweifelhaft.

Bis dato beziehen die Investmentbanken bei persönlichen Beschwerden in den seltensten Fällen Stellung. Doch sollten die Beschwerden bei den Kartellbehörden weiter ansteigen und die routinemäßigen Untersuchungen der SEC geringere Portfolio-Diversifikation als nötig vorfinden, dürfte es für einige bis dato erfolgreiche Investmentbanken im allgemeinen und deren erfolgsverwöhnte Analysten im speziellen ein böses Erwachen geben - denn schließlich richtet sich deren Bonus nach erzieltem Umsatz, und der könnte bei entsprechend rigiden Vorschriften fallen wie die Technologiebörse Nasdaq seit dem letzten März.