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In den USA ist der Optimismus dem Ärger über das Establishment gewichen. | Das spielt "Außenseitern" wie Donald Trump in die Hände. Eine Reportage.
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Cleveland. Lange galten die USA als Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten. Den "American Dream" leben, sprich: Durch harte Arbeit aufsteigen zu können, dieses Bild hielt sich jahrzehntelang in der Gesellschaft. Doch mittlerweile ist der Optimismus der Frustration gewichen. "Amerika ist in einem höchst unamerikanischen Pessimismus eingehüllt", konstatierte kürzlich der britische "Economist". So unterschiedlich die Gesprächspartner auch sind, denen man zwischen Cleveland und Philadelphia begegnet, so sind sie doch alle über Washington und das Establishment frustriert. Jahre des politischen Stillstands im Kongress und wirtschaftlichen Niedergangs haben ihre Spuren hinterlassen.
In Youngstown, Ohio, einer einst wichtigen Stahlstadt, äußert sich dieser Niedergang in den verlassenen und heruntergekommenen Häusern, die den Stadtrand und die Innenstadt säumen. Einige der unzähligen Kirchen sind verbarrikadiert, andere wirken, als könnten sie jederzeit einstürzen. Nicht nur der Untergang der Stahlindustrie in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern hat die Stadt schwer getroffen. Auch die Finanzkrise hat ihr zugesetzt. "Wir sind sehr frustriert", sagt Nicole, eine Italo-Amerikanerin und Demokratin. Sie sitzt bei der Kassa im Museum des historischen Zentrums für Industrie und Arbeit. Es ist den goldenen Zeiten der Stahlindustrie gewidmet, einer Zeit, in der die USA boomten. Doch Nicoles Geschichte ist keine des Aufstieges: Fünfzehn Jahre hat sie im Bankwesen gearbeitet. Dann wurde im Zuge der Wirtschaftskrise ihr Büro geschlossen. Sie fing an, wieder zu studieren, will sich nun neu orientieren.
Ein Grund für die Frustration vieler Menschen seien die Politiker in Washington, so Nicole. Viele Amerikaner fühlten sich von ihnen nicht mehr berücksichtigt. Deswegen seien die Anti-Establishment Kandidaten Bernie Sanders und Donald Trump so beliebt: Sie kämen von außerhalb des Systems. "Früher haben die Menschen geglaubt, dass man durch harte Arbeit und kluge Entscheidungen aufsteigen kann. Nun herrscht das Gefühl, dass das nicht mehr so einfach geht." Youngstown sei wegen der Gewerkschaften und Industrie ein Fels der Demokratischen Partei gewesen. Nun würden viele Trump unterstützen, so Nicole. Sie sei für Hillary, da nur sie Kompromisse erzielen könne. Hillary habe Zugang zu "den richtigen Kreisen".
Ohio ist einer der wichtigsten Swing-States, ein Bundesstaat mit ungewissem Wahlausgang. 2012 gewann Obama mit knapp drei Prozentpunkten vor Mitt Romney. In den parteiinternen Vorwahlen im März stimmten fast 1,2 Millionen Menschen für demokratische Kandidaten, wobei 34.867 neue Wähler zuvor den Republikanern zugeordnet wurden. Mehr als 1,9 Millionen Menschen votierten für republikanische Kandidaten - davon galten 115.762 zuvor als Demokraten. Während die Republikaner die Ergebnisse feierten, betonten die Demokraten, viele ihrer Wähler hätten diesmal republikanische Alternativkandidaten gewählt , um Trump zu verhindern.
"Wo sind dieModeraten geblieben?"
Ein paar Autominuten von den historischen Prachtbauten und Hochhäusern entfernt zeigt sich auch Cleveland, die zweitgrößte Stadt Ohios, von einer tristen Seite. Ganze Straßenzüge sind verlassen, baufällige Wohnhäuser reihen sich an leerstehende Geschäftslokale. Erst nach einigen Fahrtminuten formt sich die Landschaft allmählich zu einer lebendigeren Vorstadtgegend. Dort empfängt uns Susan in ihrem Reihenhaus, in dessen Garten ein Swimmingpool steht. Ihr kleiner Hund begrüßt uns bellend, bevor er sich zu den Gästen aufs Sofa gesellt. Einige Freunde und Bekannte hat Susan eingeladen, die meisten arbeiten in den Krankenhäusern von Cleveland. Wie Nicole sind auch sie von Washington enttäuscht, trauern den alten Zeiten nach. Etwa jenen, in denen man sicher einen Job bekam, wenn man aufs College ging. Mit den Politikern in Washington ist niemand zufrieden.
"Die Präsidentschaftskandidaten haben zwar große Ambitionen. Wenn sie aber ins Amt kommen, passiert nichts", sagt Rose, eine Krankenschwester. Sie erntet breite Zustimmung. Jemand meint, dass Präsidenten in Washington selber keine große Macht hätten und in Wirklichkeit andere Personen regieren würden. Beide Parteien seien unfähig, sich zum Wohle der USA zusammenzuschließen. "Wo sind die Moderaten geblieben?", fragt Rose. Wieder ist der Tenor: Genau diese Frustration über die US-Politik spiele Trump in die Hände. Viele hätten auch die politische Korrektheit in den USA satt.
Für die Kandidaten Trump und Clinton kann sich niemand begeistern: "Sich für das kleinere Übel entscheiden: Das ist eine furchtbare Art zu wählen", meint Rose. Emotional wird es, als über das Thema Rassismus diskutiert wird. "Ich war mit meiner Frau in Washington, bei Obamas erster Inauguration. Wir haben damals geweint, dachten, die USA seien jetzt das perfekte Land", erzählt der Afroamerikaner Brian, ein Prediger und Seelsorger in einem Spital. Höre er jetzt Trumps Slogan "Make America Great Again", dann höre er den Wunsch nach "mehr Rassismus, mehr Macht für Weiße und die Rückkehr in eine Zeit, in der Schwarze auf der Straße gelyncht wurden."
"Ich unterstütze Trump, weil er das geringere Übel ist. Ich mag Polit-Dynastien nicht", erklärt Antonio, den man in einem Restaurant nahe dem Flughafen von Philadelphia antrifft. Antonio, dessen Eltern aus Kuba geflüchtet sind, ist ein erfolgreicher Unternehmer aus Florida. 19 Arbeitnehmer umfasst seine Firma, aus dem Nichts hat er sie aufgebaut. Über ein Jahrzehnt hat er gebraucht, bis er seine Studienkredite beglichen hatte. "Meinen Kindern habe ich beigebracht: Wenn du hart arbeitest, dann kannst du etwas erreichen." Viele Migranten würden nicht mehr arbeiten und sich integrieren wollen und nur von Sozialleistungen leben. Das mache sie vom Staat abhängig und nehme ihnen den Anreiz zum Arbeiten. Überhaupt versteht er die Immigrationspolitik der USA nicht: Während er seine zwei gutausbildeten Schwägerinnen nicht legal ins Land holen könne, schaffe es jeder Illegale über die Grenze.
Antonio beschwert sich über die Steuern und Regulierungen, unter denen sein Unternehmen leiden würde. Washington und den Parteien vertraut er nicht: "Die Parteien werden von den großen Wirtschaftsunternehmen geführt." Auch wenn er kein Fan von Trump ist, wird er für ihn stimmen: "Er ist für die einfachen Leute." Der Immobilienmogul käme bei vielen Arbeitern und Unternehmer in Florida gut an. Trump sei nämlich außerhalb von Washington, das mache seinen Erfolg aus. Clinton hingegen sei die "ultimative Insiderin."
Gelingt es Trump oder Clinton, die Frustration der Massen zu überwinden und die Vision vom "American Dream" wiederauferstehen zu lassen? Oder wird der nächste Präsident der USA gewinnen, weil er schlicht das geringere Übel für die Wähler ist? Der Wahlkampf wird es zeigen.
Weitere Informationen zu den US-Parteitagen finden Sie auch auf www.usa2016.at
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