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Vergewaltigungen in Bosnien erstmals Thema vor dem Haager Tribunal

Von Jerome Socolovsky

Politik

Den Haag · "Es hat sich in mein Herz, in meine Seele eingebrannt. Ich denke daran, wenn ich zu Bett gehe und wenn ich aufstehe", berichtet eine Frau, die in Bosnien vergewaltigt wurde. Es | war nicht nur eine Vergewaltigung · in dem dreijährigen Krieg gab es Lager, in denen Frauen Soldaten und paramilitärischen Kämpfern zu Willen sein mussten; Tag und Nacht. Seit die Menschheit Kriege | führt, ist Vergewaltigung eine der verabscheuungswürdigsten Waffen. Seit Kriegsverbrechen bestraft werden, steht Vergewaltigung ganz unten auf der Liste der Anklagen.


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Nun befasst sich zum ersten Mal ein internationales Gericht mit Vergewaltigung im Krieg. Im so genannten Foca-Prozess stehen seit Montag drei Angeklagte vor dem Kriegsverbrechertribunal für das

ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Den bosnischen Serben Radomir Kovac, Dragoljub Kunarac und Zoran Vukovic werden Vergewaltigung, Folter, Versklavung und Schandtaten gegen die persönliche

Würde vorgeworfen. Sie sind angeklagt wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bei einer Verurteilung droht ihnen maximal eine lebenslange Gefängnisstrafe. Alle drei haben

sich für unschuldig erklärt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 38-jährigen Kovac, dem 39-jährigen Kunarac und dem 35-jährigen Vukovic vor, in Foca im Sommer 1992 an mehreren Orten moslemische

Frauen gefangen gehalten und sie wiederholt zum Sex gezwungen zu haben. Die Opfer waren zum Teil erst zwölf Jahre alt. Die einzelnen Vorwürfe sind im Internet einsehbar

(http://www.un.org/icty/indictment/english/foc-ii960626e.htm). Demnach sagte eine Zeugin den Ermittlern, sie sei am 12. Juli 1992 von Kunarac und Vukovic vergewaltigt worden. Anschließend hätten sie

ihr gesagt, nun werde sie ein serbisches Baby bekommen.

Was die Vergewaltigungen im Bosnien-Krieg von vorangegangenen Kriegen unterscheidet, ist die Verbindung zu den systematischen ethnischen Vertreibungen. Wie die Autorin Kelly Askin in ihrem Buch

"Kriegsverbrechen gegen Frauen" schreibt, wurden viele der Vergewaltigungen in Bosnien-Herzegowina verübt, um Frauen mit einer Schwangerschaft zu brandmarken. Das in ihnen heranwachsende Kind brachte

sie in einen Zwiespalt · es war ein Teil von ihnen, aber auch ein Teil der verhassten Serben. Tausende Kinder wurden so geboren, ihre genaue Zahl ist nicht bekannt. Die EU schätzt die Zahl der

vergewaltigten Frauen auf 20.000; die bosnische Regierung spricht von 50.000.

Erste Versuche, Vergewaltigung als unrühmliche Begleiterscheinung des Krieges auszurotten, gab es im 14. und 15. Jahrhundert. Die englischen Könige Richard II. und Heinrich V. erklärten das Vergehen

zu einer Straftat, zumindest auf dem Papier. Im amerikanischen Bürgerkrieg war Vergewaltigung durch Soldaten geächtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Tatbestand keine Rolle, weder in den

Nürnberger Prozessen, noch in Tokio, wo die japanischen Kriegsherren von den Siegermächten zur Verantwortung gezogen wurden. "Das ist ein Teil der Reaktion der männlichen Gesellschaft", sagt

Patricia Viseur Sellers, die Expertin für die Verfolgung von Vergewaltigungen beim Haager Tribunal. "Männer werden gefoltert, das ist bedeutend. Frauen werden vergewaltigt, das ist unbedeutend."

Erst einmal in der Geschichte wurde Vergewaltigung zu Kriegszeiten bestraft. 1948 machte ein niederländisches Kolonialgericht in Indonesien japanischen Soldaten den Prozess, die niederländische

Frauen in Gefangenschaft vergewaltigt hatten. Das internationale Kriegsverbrechertribunal unternimmt seit seiner Gründung 1993 große Anstrengungen, um Sexualverbrechen zu ahnden. Die Anklagepunkte

lauten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, was ein systematisches Vorgehen einschließt und höhere Strafen als der Anklagepunkt des Kriegsverbrechens ermöglicht. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter

des Tribunals sind Frauen, unter den drei Richtern des Foca-Prozesses ist eine Frau, Florence Mumba aus Sambia.

Das juristische Vorgehen des Kriegsverbrechertribunals reicht vielen Feministinnen und Rechtsexpertinnen nicht aus. Sie dringen darauf, dass systematische Vergewaltigung automatisch als Völkermord

behandelt wird und Frauen als geschützte Personengruppe in die UNO-Konvention über Völkermord von 1948 aufgenommen werden. "Die Leugnung von Völkermord scheint immer besonders verlockend, wenn die

Opfer Frauen waren und die Taten sexueller Art", sagt Catharine MacKinnon, eine Juraprofessorin an der Universität Michigan, die mit Vergewaltigungsopfern des Bosnien-Krieges zu tun hatte.