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Verkaufte Ideale?

Von Tamara Arthofer

Reflexionen

Der internationale Sport hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten massiv verändert. Probleme gab es schon immer - doch noch nie war der Grat zwischen Tradition und Kommerz so schmal.


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Sport, das ist Lebensfreude, das ist Gesundheit, Emotion, Völkerverständigung - so will man es uns jedenfalls verkaufen. Strahlende Gesichter in fröhlich-bunten Trikots, die die makellosen Körper zur Geltung bringen, prangen von Zeitungsseiten und Werbetafeln, garniert mit Geschichten von heldenhaften Triumphen und tragischen Niederlagen, denen noch das Element des "Immer-wieder-Aufstehens" als positives moralisches Narrativum innewohnt. Denn mit der Moral nimmt es der Sport ganz genau, zumindest in der Theorie. Man will erziehen, man will die Welt besser machen, und das ist keine Übertreibung: Joseph Blatter, der gefallene Sonnenkönig des Fußballs, spekulierte nicht nur einmal mit dem Friedensnobelpreis. Und während Olympischer Spiele fordert das Internationale Olympische Komitee IOC von der Welt stets eine Waffenruhe ein. So wollten es schließlich schon die alten Griechen. Zumindest an dieser Tradition, die freilich dem Belastungstest der Realität heute wie damals nicht Stand hält, würde man nur allzu gerne festhalten.<p>

Das Phantom Olympia

<p>Doch was ist sonst geblieben von der Idee eines friedlichen und völkerverbindenden Wettkampfs, die Pierre de Coubertin Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufleben ließ? Was bedeutet Olympia heute? Ein kritischer Befund fällt ernüchternd aus: Denn immer häufiger werden die Spiele mit Gigantismus, Profitstreben und Kostenexplosionen in Verbindung gebracht. Der olympische Geist ist zum Phantom geworden, oder er hat sich zwischen Sponsorenwänden und im Namen Olympias aus dem Boden gestampften Monsterbauten verirrt. Die Veranstalter scheinen am Gängelband einer weltumspannenden Organisation, die wie ein modernes Unternehmen agiert, aber als gemeinnütziger Verein zahlreiche finanzielle Vorteile genießt. Die Sportler sind keine Helden mehr, die für Ruhm und Ehre kämpfen, sondern um Sponsorenverträge.<p>Die Summen, die die Topakteure erhalten - wenn schon nicht für ihre Olympia-Teilnahme, dann durch ihre sonstigen Einnahmen -, und die Zahlen, mit denen das IOC und andere Organisationen jonglieren, lassen Normalsterbliche mit den Ohren wackeln. Im Zeitraum zwischen 2013 und 2016 hat das IOC laut eigenen Angaben rund 5,6 Milliarden Dollar eingenommen. Allerdings gibt es sich auch gönnerhaft: Neun Zehntel fließen nach seinen Angaben direkt in den Sport zurück.<p>So hat sich der Topsport seine eigene Parallelwelt eingerichtet, in der es sich, verpackt in kleinen Wattebäuschen und großen Geldscheinen, bestens leben lässt. Dass diese Welt nur noch wenig mit den Realitäten derjenigen zu tun hat, an die man sich eigentlich richten will, ist ein gängiger Vorwurf; dass sie immer wieder von Korruptions- und Dopingskandalen erschüttert wird, eine Tatsache, die zwar regelmäßig schockiert kommentiert wird, sich im Wesentlichen aber nicht ändert. Warum auch? Die Theorie von den "vereinzelten schwarzen Schafen" ist auch in anderen Bereichen der Gesellschaft weit verbreitet, und der Sport schließlich deren Spiegelbild, heißt es oft. Dabei ist er durch seine emotionale Überfrachtung noch viel mehr, er elektrisiert die Menschen wie kaum etwas anderes. Eine Parlamentsdiskussion mag zukunftsweisender für das Wohl und Weh eines Landes sein als ein Länderspiel, ganz so massentauglich ist sie aber nicht. Wenn man der Politik schon nicht mehr vertraut, so sollen zumindest die Sportstars eine kurze Zeit lang für eskapistische Ablenkung sorgen, auf sie werden Wünsche und Sehnsüchte projiziert.<p>

Das Wir-Gefühl

<p>Um zu ermessen, wie weit diese Identifikation geht, muss man sich nur etwa die Skikommentatoren anhören, wenn sie Marcel Hirscher und Anna Veith konsequent nur "den Marcel" und "die Anna" nennen. Und wenn es um Fußballspiele und Olympia geht, haben sowieso nicht die jeweiligen Sportler, sondern "wir" gewonnen oder verloren.<p>Wenn also jemand aus dem Sport verdächtigt wird, in illegale Machenschaften verwickelt zu sein, ist es nicht verwunderlich, dass der Aufschrei groß ist. Man fühlt sich verraten und verkauft - im wahrsten Sinne des Wortes. Was soll schon ein ehrenamtlicher Trainer eines kleinen Klubs davon halten, wenn wieder einmal ein Fall bekannt wird, in dem ein hochbezahlter Offizieller auch noch Geld, das für den Sport bestimmt ist, in die eigene Tasche steckt? Was sollen jene Fans, die sich die Eintrittskarten nicht mehr leisten können, denken, wenn sie hören, dass Funktionäre illegal Tickets mit Millionengewinn weiterverkaufen?<p>Und: Was würde Pierre de Coubertin zu alldem sagen? Der französische Adelige, Historiker und Pädagoge (1863 - 1937) stellte die körperliche Ertüchtigung im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung in den Vordergrund. In einer multidisziplinären und -nationalen Veranstaltung sah er die ideale Gelegenheit für ein "friedvolles Treffen der Jugend der Welt". Nach etlichen mehr oder minder von überschaubarem Erfolg begleiteten Versuchen, die Olympischen Spiele des Altertums wiederzubeleben, grub er diese Idee wieder aus - und hatte Erfolg. Die Durchführung der ersten Spiele der Neuzeit wurde im Juni 1894 beschlossen, zwei Jahre später war es so weit: 1896 wurden die Spiele in Athen ausgetragen, rund 250 Athleten aus mehr als zehn Nationen zelebrierten ein weitgehend friedliches Fest.<p>

Alte und neue Sorgen

<p>Die heutigen Spiele freilich haben damit wenig gemein - und lassen immer wieder die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit, als die olympischen Ideale noch um ihrer selbst willen gelebt worden sein sollen, aufkommen. Doch sind die Blicke in die Vergangenheit bisweilen nostalgisch verklärt, viele Kritikpunkte alt wie die Spiele selbst. Denn schon Coubertin, der sich kurz vor seinem Tod der Kritik stellen musste, weil er unter anderem die Propagandaspiele Adolf Hitlers 1936 in Berlin unterstützte, und seine Mitstreiter sahen sich mit einigen von heute bekannten Schwierigkeiten konfrontiert: Nationale Ressentiments waren ein Vierteljahrhundert nach dem deutsch-französischen Krieg noch nicht überwunden, finanzielle Probleme gab es bei allen Olympischen Spielen, und der mittlerweile gestrichene, aber noch immer nachwirkende Amateurparagraph war schon lange vor Karl Schranz’ Disqualifikation von den Winterspielen 1972 heftig umstritten.<p>Dennoch hat sich der Sport in den vergangenen drei Jahrzehnten nachhaltig verändert, sodass er sich nun in zwei Extremen präsentiert: Hier Eltern, die mitunter Haus und Hof verkaufen, um ihren Kindern die Chance auf eine Karriere zu ermöglichen, sowie Vereine, die ohne unbezahlte Ehrenamtliche zusperren müssten - dort die Verbände, die Geld en masse scheffeln, und Topstars, bei denen das Anhäufen großer Summen zum Selbstläufer wird.<p>Freilich: Wenn ein Fußball-Star während der Zeit, die es braucht, ein Ei hart zu kochen, genauso viel verdient wie etwa eine Friseurin im ganzen Jahr, scheint das schwer vermittelbar. Und doch darf nicht vergessen werden, dass dahinter heute eine riesige Unterhaltungs- und Wirtschaftsmaschinerie steckt, die es so vor nicht allzu langer Zeit noch nicht gegeben hat. Die Topstars schüren das Interesse der Zuschauer, bei den Sponsoren sowie den Medien. Dabei hat die Entwicklung der Medienlandschaft vielleicht die unmittelbarsten Auswirkungen: Mehr TV-Sender bedeuten einen Bieterkampf um die Übertragungsrechte, in dem die Preise hochlizitiert werden. Dazu wurden durch den Triumphzug des Internet, der sozialen Netzwerke und der mobilen Apps neue Vermarktungsmöglichkeiten geschaffen.<p>

Globale Unternehmen

<p>Dass sich die Globalisierung besonders stark im Sport niederschlägt, beruht allerdings nicht nur auf dem Internet. In den USA wird nun auch Ski gefahren und im großen Stil Fußball gespielt, im Gegenzug strecken die traditionellen US-Sportarten ihre Fühler nach Europa und Asien aus. Auch europäische Fußball-Topklubs operieren als globale Unternehmen, um neue Publikumsschichten und Sponsoren zu lukrieren.<p>Die großen Sportinstitutionen haben diese Entwicklung vorangetrieben und den Sport durch gezielte Programme vielen Menschen zugänglich gemacht - einerseits. Andererseits folgt dem rauschenden Fest einer Großveranstaltung oft Katerstimmung. Viel zu oft bleiben Schuldenberge und verwaiste Stadien als triste Zeugen des Größenwahns. Die steigende Zahl der Teilnehmer und Berichterstatter, die zunehmende Professionalisierung stellen die Veranstalter vor logistische und finanzielle Herausforderungen, die vielen Nationen die Bewerbung um ein Großereignis vergraulen. Auch hat das Vertrauen der Menschen in die Sportorganisationen durch wiederkehrende Skandale Schaden genommen. Dass sie sich auch mit Regimen verbünden, in denen das Einhalten von Menschenrechten und sozialen Standards nicht zum Alltag gehört, bringt ihnen zusätzlich Kritik ein. Der Slogan "Don’t mix politics and sports", der dann gerne bemüht wird, erweist sich immer öfter als hohle Phrase.<p>Denn Sport, das ist Politik, Macht, Geld; genauso vernetzt wie die Welt es heute ist, sind all diese Bereiche. Darüber hinaus ist er für viele immer noch: Lebensfreude, Gesundheit, Emotion, Völkerverständigung. Trotz allem.<p>

Tamara Arthofer ist Redakteurin der "Wiener Zeitung" und leitet das Sport-Ressort.

"Sport Macht Geld" - so nennt Tamara Arthofer ihre Analyse der verschlungenen Beziehungen zwischen dem globalen Sportgeschehen, der Politik und der internationalen Wirtschaft. Das Buch ist soeben in der Wiener "Edition Steinbauer" erschienen (208 Seiten, 22,50 Euro.)