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Verliebt in Flugsaurier

Von Martina Farmbauer

Reflexionen

Alexander Kellner, Direktor des Museu Nacional do Brasil in Rio de Janeiro, hat österreichische Wurzeln. Das Haus feiert heuer sein 200-jähriges Jubiläum.


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Das Erste, was Alexander Kellner gemacht hat, nachdem "seine" Sambaschule "Imperatriz Leopoldina" beim Carnaval von Rio defilierte und er in diesem Februar seinen Dienst als Direktor des Museu Nacional do Brasil in Rio de Janeiro angetreten hatte, war, den Saal, in dem einst portugiesische und brasilianische Könige und Kaiser wie João VI. und Leopoldinas Ehemann Pedro I. saßen, zu öffnen, auszuräumen und zu dekorieren.

"Welche Wand ist die am schlechtesten erhaltene?", fragt Kellner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" an dem großen Tisch in der Mitte des Raumes, den er zu seinem Büro gemacht hat. Von einer der blau-grau gestrichenen Wände, an der sich Verzierungen emporziehen, blättert der Putz ab. Vor diese Wand also hat Alexander Kellner seinen Schreibtisch gestellt.

An der Episode lässt sich viel ablesen über das Museu Nacional - und viel über seinen Direktor, der österreichischer Staatsbürger ist. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Alexander Kellner im Nationalmuseum in Rio, das heuer seinen 200. Geburtstag feiert. Im Jahr 1818 gegründet, ist das Haus eine der ältesten wissenschaftlichen Einrichtungen Brasiliens und das älteste naturkundliche Museum Lateinamerikas. Und seine Geschichte ist eng mit Österreich verbunden: In den Räumen (als Palast der königlichen portugiesischen und kaiserlichen brasilianischen Familie) lebte - und starb - einst die Habsburgerin Leopoldina.

"Problematischer Glanz"

Aber es hat auch Erneuerungsarbeiten nötig und braucht finanzielle Unterstützung. Der "problematische Glanz" des Nationalmuseums, ja der Stadt Rio de Janeiros zeigt sich für Alexander Kellner an diesem Saal. In einem ist Rio in gewisser Weise Wien ähnlich: dass es Hauptstadt eines Imperiums war und heute Kulturmetropole eines Kontinents ist. Und so wie Österreich heute zu klein für Wien zu sein scheint, so begann der Niedergang Rio de Janeiros, als die Hauptstadt, die es seit 1763 - und mithin auch bei der Ankunft Leopoldinas 1817 - gewesen war, 1960 nach Brasília verlegt wurde.

Geblieben ist der Glanz vergangener Tage, dem man etwa begegnet, wenn man in ein Ministerium geht oder ein Museum besucht. Dass Alexander Kellner den Saal der Könige und Kaiser im Museu Nacional, der 15 Jahre lang geschlossen war, wieder geöffnet hat, zeigt die zupackende Art und das historische Bewusstsein des Direktors.

Es hat mit seiner deutsch-österreichischen Erziehung und dem germanischen "Bildungskoffer" zu tun. Brasilien, so heißt es, sei ein Land ohne Gedächtnis. Kellners Mutter war Österreicherin, sein Vater Deutscher, und er wurde 1961 in Vaduz/Liechtenstein geboren. Bereits als kleines Kind ist er mit seinen Eltern nach Brasilien gekommen. Es war jene Zeit, in der die neue Hauptstadt Brasília im Landesinneren entstand. Sein Vater verdiente sein Geld mit dem Kauf und Verkauf von Land. Heute ist Alexander Kellner auch naturalisierter Brasilianer. "Meine Heimat, mein Land ist Brasilien", sagt er. Seine Frau ist Brasilianerin, seine Kinder sind Brasilianer. "Ich schulde Brasilien sogar etwas", sagt Kellner. "Es ist ein Gefühl, das schwer zu erklären ist. Aber ich wäre nicht das, was ich bin, hätte nicht diese Karriere, die ich habe."

Alexander Kellner mit Autorin Martina Farmbauer.
© Farmbauer

Alexander Kellner, der das Gespräch auf Portugiesisch führt, dabei immer wieder Sätze und einzelne Redewendungen in astreinem Deutsch einstreut, hat die - zweisprachige - Deutsche Schule Rio de Janeiro besucht, an der Universidade Federal do Rio de Janeiro Geologie studiert und an der New Yorker Columbia University - in deren Kooperations-Studienprogramm mit dem American Museum of Natural History - promoviert. Nach seiner Rückkehr nach Rio und der Teilnahme an einem öffentlichen Wettbewerb, den er gewann, begann er am 21. August 1997 als Dozent und Kurator am Museu Nacional. "Ich war damals bestimmt", sagt Kellner über seinen ersten Tag, "sehr bestimmt, fast zu deutsch und zu US-amerikanisch für brasilianische Verhältnisse."

Mittlerweile war der Paläontologe Mitglied der Academia Brasileira de Ciências, hatte mehr als 900 wissenschaftliche Arbeiten publiziert und Expeditionen in Brasilien sowie in die Antarktis, den Iran, nach Chile und China unternommen. Vor drei Jahren stellte man ihm die Frage, was er für das Museum noch würde machen können. 1000 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichen? Da begann Alexander Kellner, auch im Hinblick auf das Jubiläum, in Erwägung zu ziehen, Direktor des Museu Nacional zu werden.

Ausstellungen hatte er schon davor erfolgreich organisiert, finanziert und veranstaltet. 1999 etwa "No Tempo dos Dinossauros" ("In den Zeiten der Dinosaurier"), die als Meilenstein in der Geschichte des Museums gilt. Kellners Spezialgebiet sind die Pterosauria, Flugsaurier, die vor 215 Millionen Jahren die Lüfte beherrschten. Das Interesse für Naturwissenschaften hat er von seinem Vater, der nicht nur mit Land, sondern auch mit Juwelen handelte - und mit dem er zusammengearbeitet hatte, seit er zwölf war. In der Jugend, erzählt er, hätte er sich verliebt: "in Fossilien". Und beschlossen, Geologie zu studieren.

Als er im Dezember 2017 (das Schweizer Radio und Fernsehen titelte: "Osternest kurz vor Weihnachten") mit einem chinesischen Kollegen mehr als 200 (!) Flugsaurier-Eier in China fand, glaubte er zuerst gar nicht, dass dies möglich sei: "Mein Herz raste." Vermutlich wie bei einem Verliebten. Den Austriadraco dallavecchiai, einen der wenigen Flugsaurier, den man 1994 in Seefeld/Tirol gefunden hatte, hat Kellner 2015 einer Neuuntersuchung unterzogen, ihn beschrieben und benannt.

Österreich besucht er beruflich wie privat regelmäßig: "Und jedes Mal bin ich traurig, wenn ich wieder abreise." Nicht nur wegen des Naturhistorischen Museums in Wien, das zwar 80 Jahre später als das Museu Nacional gegründet wurde, aber prachtvoller ausgestattet und besser erhalten ist. "Das ist kein Vergleich", sagt Alexander Kellner fast empört. Sondern auch wegen familiärer und freundschaftlicher Bande, die er immer noch pflegt. Wie zum Trost hat er Leopoldina in Rio de Janeiro quasi vor der Haustür; manche wollen ja gar ihren Geist im Museum gesehen haben.

Dona Leopoldina

Dom João VI. hat das Museu Nacional zwar 1818 gegründet, nachdem die königliche portugiesische Familie 1808 vor Napoleon nach Rio geflüchtet war. Aber es war Dona Leopoldina, die im Gegensatz zu dessen Sohn, ihrem Mann Dom Pedro IV. (bzw. I.), als sehr gebildet galt und sich für Physik, Astronomie, Botanik und Mineralogie interessierte. Erzherzog Ludwig schrieb anlässlich der Stellvertreter-Hochzeit in Wien 1817 einen Brief an deren Schwester Marie Louise: "(. . .) da kann sie recht botanisieren und Steine sammeln". Leopoldina holte österreichische und bayerische Wissenschafter wie Johann Natterer, Carl von Martius und Johann von Spix nach Brasilien, die das Land erkundeten und u.a. auch für das Nationalmuseum arbeiteten. Erst durch die Ankunft des portugiesischen Hofes öffnete sich Brasilien für die Welt, auch andere Expeditionen, etwa französische, kamen ins Land.

Außer für ihren Beitrag zu Künsten und Wissenschaften schätzen die Brasilianer Leopoldina, die von ihrem Mann misshandelt worden sein soll und nach einer Fehlgeburt gestorben war, bis heute wegen ihrer Rolle bei der Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal 1822. Vor dem Museu Nacional steht eine Statue der österreichischen Kaiserin des Landes, als würde sie dieses bewachen. Im Nationalmuseum warten der Thronsaal und Schriftstücke.

Alexander Kellner lässt die Ankunft der königlichen Familie in Rio de Janeiro am 200. Geburtstag mit Schauspielerinnen und Schauspielern - inklusive portugiesischen und deutschen Akzents und historischen Kostümen - nachstellen und erzählt im Dialog mit ihnen die Geschichte des Museu Nacional. Amüsant wird es, als er erwähnt, dass das Nationalmuseum von 1889 bis 1891 auch die erste Republikanische Verfassunggebende Versammlung beherbergte; von Republik hatten die Monarchinnen und Monarchen noch nie etwas gehört.

Der Festakt findet in dem Raum mit dem 100 Jahre alten Wal statt. Der Saal war, wie Kellners Büro, jahrelang geschlossen - so wie manche Räume des Museums aufgrund des Bauzustands bis heute geschlossen sind und viele Stücke aus dem Bestand nicht gezeigt werden können. Um den Wal wieder ausstellen zu können, hatte das Direktorium eine Crowdfunding-Kampagne gestartet; am Tag vor dem Festakt erreichte sie die gewünschte Marke von 50.000 Reais (Plural von Real, Anm.) umgerechnet rund 11.000 Euro.

Alexander Kellner hat ehrgeizige Ziele. Die Idee ist, das Museum nur noch für Ausstellungen zu nutzen, die Verwaltung und das Depot mit 20 Millionen Stücken in einem benachbarten Gebäude der Quinta da Boa Vista - des Parks, in dem sich das Museu Nacional befindet - unterzubringen. Auf eine Million Zuschauer möchte Kellner bis zum Ende seiner Amtszeit kommen.

Hochkarätige Sponsoren

Zum 200. Geburtstag kündigt er drei neue Ausstellungen mit hochkarätigen Unternehmen wie Petrobras und Vale als Sponsoren an. Ohne diese geht in Rio de Janeiro im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb fast nicht mehr, die Stadt und der gleichnamige Bundesstaat sind spätestens seit den Olympischen Spielen 2016 pleite. Unter den Ausstellungen ist auch eine über Mineralien, die "unsere querida, amada, serenissa Imperatriz Leopoldina einschließt". Umso erstaunlicher ist es für Kellner, dass sich aufgrund des direkten Bezugs niemand von der Österreichischen Botschaft in Brasília zum Jubiläum gemeldet hat.

Die Deutschen hätten sich interessiert, die Portugiesen würden ihre Reverenz erweisen. João Henrique de Orléans e Bragança, der berühmteste Nachfahre der imperialen brasilianischen Familie, der 2015 mit Fotografien an der Ausstellung über Leopoldina im Museu de Arte do Rio (MAR) beteiligt war, hat im vergangenen Jahr auch an einer Veranstaltung des Naturhistorischen Museums anlässlich der österreichisch-bayerischen Brasilien-Expedition teilgenommen. Und er schwärmt heute vom einstigen Brasilianischen Museum.

"Dieses ‚Museum‘ war eine Dependance der Vereinigten Naturalienkabinette, des Vorläufers des heutigen NHM, und wurde aufgrund der Vielzahl der eingesandten Objekte der Naturforscher temporär (1821-1835) gegründet", erklärt Christa Riedl-Dorn, Direktorin des Archivs für Wissenschaftsgeschichte des Naturhistorischen Museums in Wien. Teilweise ist das Brasilianische Museum im Naturhistorischen Museum" aufgegangen, teilweise im Weltmuseum.

"Die Notwendigkeit, unsere Kultur über unsere Identität zu bewahren", zeigt sich für Dom João auch in den 200 Jahren des Museu Nacional. Dieses historische Bewusstsein, das er als Österreicher sowieso hat, möchte Alexander Kellner wiederum weitergeben. Auf die Frage, wie er dabei mit den Problemen umgeht, fragt Kellner zurück: "Was würden Sie denn machen, wenn Sie Museumsdirektorin wären?" Pause. "Man muss die grandeza zeigen, aber kann die Probleme nicht verstecken." Eben so, wie er es mit dem ehemaligen Saal der Könige und Kaiser gemacht hat.

Martina Farmbauer lebt als Journalistin in Rio de Janeiro.