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Vernichtungsangst als Ratgeber

Von Michael Schmölzer

Analysen

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Einen definitiven Plan, den Iran militärisch anzugreifen, hat Israels Premier Benjamin Netanyahu US-Präsident Barack Obama nicht präsentiert. Das ist auch plausibel. Sollte die Zeit der Diplomatie aus Sicht der Israelis abgelaufen sein, dann würde man es auch den allerengsten Verbündeten nicht wissen lassen. Zu groß wäre aus israelischer Sicht die Gefahr, dass Washington die Angriffspläne noch in letzter Sekunde durchkreuzen könnte.

Das Treffen zwischen Obama und Netanyahu in Washington hat vor allem zwei Dinge klar gemacht: Netanyahu pocht auf das angebliche Recht seines Landes, sich selbst zu verteidigen und die Atomanlagen des Iran im Alleingang anzugreifen. Das hat Obama notgedrungen akzeptiert. Zweitens wurde deutlich, dass Israel schon längst nicht mehr an eine diplomatische Lösung glaubt und auch nicht mehr viel Zeit bis zur Ergreifung von Maßnahmen vergehen lassen will. Und es wird immer wahrscheinlicher, dass Israel bald reagieren wird.

Das schon deshalb, weil jene grundlegende Vernichtungsangst, die Netanyahu bei vielen Gelegenheiten zum Ausdruck bringt, in Israel tief verwurzelt ist. Wenn jemand den Juden mit der Auslöschung drohe, dann müsse man ihm glauben, sagt Netanyahu bei zahlreichen Gelegenheiten. Das sei die Lehre, die aus dem Holocaust zu ziehen sei. Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad hat mehrmals betont, "die Zionisten" von der Landkarte tilgen zu wollen.

In einem Vortrag vor dem Aipac, der mächtigsten israelischen Lobby in den USA, bekräftigte Netanyahu am Montag, dass er es als als Premier niemals zulassen werde, dass sein Volk "von Vernichtung bedroht" leben müsse. Er zeigte bei dieser Gelegenheit dem Publikum die Kopie eines Schreibens des US-Kriegsministeriums aus dem Jahr 1944, in dem die jüdische Forderung nach einer Bombardierung des KZ Auschwitz abgelehnt wurde, da ein Angriff "ineffektiv" sei. Der Unterschied zu 1944 sei, dass man nun, 2012, einen eigenen Staat habe und in der Lage sei, "jüdisches Leben zu verteidigen", so Netanyahu. Das ist nicht bloße Rhetorik. In Israel ist man zu drastischen Maßnahmen bereit, da man sich existenziell gefährdet fühlt. Als Kriegsgrund reicht schon das Vorhandensein einer potenziellen Bedrohung aus.

Das Holocaust-Trauma wirkt über Generationen, viele Israelis sind heute noch davon betroffen. Dabei spielt das vernünftige Argument keine Rolle, dass der Iran Israel schon aus Gründen der Selbsterhaltung kaum angreifen wird. Immerhin ist es ein offenes Geheimnis, dass Israel über Atomwaffen verfügt und vernichtend zurückschlagen könnte.