Zum Hauptinhalt springen

Verräterische Blutstropfen

Von Heiner Boberski

Wissen
"Vir-Scan" nennt sich der neue umfassende Test um 25 Dollar.
© Wladimir Bulgar/Science Photo Library/corbis

Forscher lesen aus winziger Blutmenge alle Viren heraus, die einen Menschen je befallen haben.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Boston/Wien. Aus einem einzigen Blutstropfen können jetzt Forscher gleichzeitig auf mehr als 1000 verschiedene Virenstämme testen, die aktuell oder zu einem früheren Zeitpunkt eine Person infiziert haben. Mit der neuen Methode Vir-Scan haben Forscher des Brigham and Women‘s Hospital (BWH) sowie der Harvard Medical School (HMS) in den USA nach dem Nachweis früherer Virusinfektionen gesucht und im Durchschnitt pro Person zehn Virenarten entdeckt.

Die neue Studie beleuchtet das Zusammenspiel zwischen der Immunität einer Person und dem menschlichen "Virom", der unermesslichen Reihe von Viren, die Menschen befallen können. Das hat Konsequenzen für den klinischen Bereich und für die Immunologie. Das Forscherteam um den Genetiker Stephen Elledge publizierte die Studie gerade im Fachmagazin "Science".

Großer Fortschritt gegenüber bisherigen Elisa-Tests

"Vir-Scan ist ein wenig wie ein Zurückschauen in der Zeit. Nutzt man diese Methode, so können wir einen winzigen Blutstropfen nehmen und bestimmen, welche Viren eine Person im Lauf der Jahre infiziert haben", erklärt Elledge, der am BWH und an der HMS forscht. "Einzigartig daran ist das Ausmaß. Heute muss ein Arzt raten, um welches Virus es sich handelt und individuell darauf testen. Mit Vir-Scan können wir mit einem einzigen Test nach so gut wie allen Viren Ausschau halten, auch nach seltenen."

Klassische Bluttests, bekannt unter dem Namen Elisa (Enzyme-Linked Immunosorbent Assay), basieren auf Enzymmarkierungen und können nur ein Pathogen pro Zeitpunkt entdecken. Elisa-Tests wurden auch nicht gegen alle Viren entwickelt, was ihren Nutzen weiter einschränkt. Was Sensibilität und Genauigkeit anlangt, sei Vir-Scan den Elisa-Tests ähnlich, meint das Forscherteam.

Für die neue Studie testeten Elledge und seine Kollegen Blutproben von fast 600 Personen aus Peru, den USA, Südafrika und Thailand. Das Team entwickelte und verwendete eine Sammlung von Peptiden - das sind kurze Proteinfragmente, die von Viren abgeleitet wurden -, die mehr als 1000 Virenstämme repräsentierten. Damit suchten sie nach dem Beweis für frühere virale Einwirkungen. Die Raten der viralen Einwirkung variierten nach Alter, geographischer Lage und HIV-Status, doch das Team fand heraus, dass eine kleine Anzahl von Peptiden von der überwiegenden Mehrheit der Immunsysteme wiedererkannt wurde.

Das Fazit von Elledge: "In dieser Studie allein haben wir mehr Antikörper/Peptid-Interaktionen mit viralen Proteinen identifiziert als in der bisherigen Geschichte der gesamten Virenforschung identifiziert wurden."

Wie erwartet waren Antikörper gegen bestimmte Viren zwar unter Erwachsenen verbreitet, aber nicht unter Kindern, da Kinder diesen Viren vermutlich noch nicht ausgesetzt waren. Menschen mit HIV-Infektionen besaßen Antikörper gegen weit mehr Viren als Personen ohne HIV.

Vir-Scan könnte Forschern jedenfalls behilflich sein, Korrelationen zwischen den früheren Auswirkungen eines bestimmten Virus und der Entwicklung einer Krankheit im späteren Leben zu entdecken. Ein Zusammenhang zwischen dem Epstein-Barr-Virus - einem der gebräuchlichsten Viren, das sich in dieser Studie findet - und dem Risiko, an bestimmten Krebsarten zu erkranken, ist bereits bekannt. Die neue Methode kann helfen, andere und bisher unbekannte Zusammenhänge zu enthüllen.

"Eine Virusinfektion kann einen unauslöschlichen Fußabdruck im Immunsystem hinterlassen", sagte Stephen Elledge. "Dass wir eine einfache, reproduzierbare Methode wie Vir-Scan haben, kann uns helfen, neue Hypothesen zu generieren und das Zusammenspiel zwischen dem Virom und dem Immunsystem desBetroffenen zu verstehen. Das hat Konsequenzen für eine Vielzahl von Krankheiten."

Wenn Vir-Scan hält, was es verspricht, so könnte das unbefangene Herangehen mit dieser Methode unerwartete Faktoren zu Tage fördern, die sich auf die Gesundheit eines Patienten auswirken. Sie erweitert auch die Möglichkeiten, virale Infektionen in großen Populationen zu analysieren und zu vergleichen. Eine umfassende Analyse kann bereits um ungefähr 25 Dollar pro Blutprobe vorgenommen werden.