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Der digitalisierte TV-Empfang wächst sich zum Crash-Szenario aus. Hinter den Kulissen wird bereits diskutiert, ob der ORF in die Geiselhaft der Software-Industrie geraten ist. | Die Medien haben die Probleme, die mindestens 30.000 ORF-Fernsehzuschauer mit ihrem neuen Decoder haben, bisher unterkühlt behandelt. Vielleicht auch deshalb, weil der technische Murx mit dem Digitalfernsehens die Bundeshauptstadt Wien noch nicht so richtig erreicht hat und der ORF daraus garantiert keine Spitzenmeldungen macht.
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In Wahrheit handelt es sich um eine mittlere Katastrophe, und die Rückrufbeziehungsweise Umtauschaktion kann nur örtlich betäuben. Im ORF, der für Tausende ob des verwackelten oder zerrissenen Fernsehempfangs sauer gewordene Kunden eine Feuerwehraktion startete, wird über "ein ganz heißes Thema" diskutiert: Kam die Digitalisierung technisch verfrüht beziehungsweise war der Glaube an die Wunder des Satellitenempfangs leichtfertig?
Wie schnell sich alles ändern kann, zeigte sich bereits 2003 im Zusammenhang mit dem Untergang des Kirch-Medienimperiums. Der ORF musste sein Verschlüsselungsprogramm aus lizenzrechtlichen Gründen austauschen. Inzwischen stellt sich freilich heraus, dass die von einem einzigen Konzern für viele Gerätehersteller zugelieferte Software für die Entschlüsselung des neuen Cryptoworks-Systems fehlerhaft ist.
Unausgereifte, vertrottelte Software scheint zwar sowieso, wie jeder Privatanwender weiß, zum Standard der Computerindustrie geworden zu sein. Aber der ORF ist kein Privatanwender. "Was passiert, wenn die Software bei einer Million Geräten ausfällt?" grübelt Kommunikationschef Pius Strobl über den hypothetischen Super-GAU.
Er scheint in seinem Glauben an die ORF-eigene Web-Seite www.digital.orf.at erschüttert zu sein, auf der es verlockend heißt: "Mit einem ORF-tauglichen digitalen Satelliten-Receiver und der ORF Digital-Karte bringen Sie die TV-Programme des ORF in brillanter Bild- und Tonqualität auf Ihren Bildschirm."
Einen Decoder dem ORF zuliebe zwangsweise zu kaufen, die ORF-Gebühren sowieso zahlen zu müssen und dann vor der flackernden oder gar schwarzen Mattscheibe zu sitzen, das ist eine höhere Dimension der Vertragsuntreue, als wenn ein Sender wegen Sturm oder Blitzschlag kurzfristig ausfällt.
Die kranken Module schlagen nur zu, wenn die Programme via Satellit empfangen werden. Der terrestrische Empfang ist nicht gestört. Ende April verfügten in Österreich bereits eine Million Haushalte über ORF-Satellitenempfang, wofür 1,3 Millionen ORF Digital-SAT-Karten im Einsatz waren. Gegen Ende dieses Jahres könnten es zwei Millionen werden. Der ORF, der die "unschlagbare Programmvielfalt" des Satellitenprogramms DVB-S hervorhob, scheint mittlerweile größere Sympathie für den rein terrestrischen Empfang mittels DVB-T zu haben.
Das technikgetriebene Unternehmen ist nämlich mit der Digitalisierung gleich in zwei Fallen gelaufen. Sie kostet den ORF zwei Prozentpunkte Marktanteil, wie Generaldirektor Alexander Wrabetz bestätigte. Das ist viel für ein Unternehmen, das sowieso Marktanteile verliert.
Die zweite Falle wurde offenbar erst bemerkt, als sie zuschlug: Der ORF hat sich den undurchschaubaren Gesetzen einer High-tech-Industrie unterworfen, die nicht im mindesten so verantwortungsvoll und präzise arbeitet wie es sogar der Mittelwellen-Radiosender auf dem Bisamberg noch immer tut, obwohl ihn niemand mehr braucht.
Da türmen sich die Decoder in den Fachgeschäften und Handelsketten und spiegeln unter Marken- und Fantasienamen eine Vielfalt vor, die es nicht gibt. Manche tragen eine offizielle Empfehlung - und dennoch kann in jedem Kästchen der gleiche Wurm nisten.

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